Fall Jonny K.

Hauptverdächtiger bestreitet tödliche Attacke am Alex

Der von der Polizei gesuchte Onur U. will sich den Behörden stellen. Die Verantwortung für den Tod von Jonny K. sieht er bei den Mittätern.

Foto: Steffi Loos / dapd

Die tödliche Prügelattacke am Berliner Alexanderplatz, der vor knapp zwei Wochen ein 20-Jähriger zum Opfer fiel, steht offenbar kurz vor der Aufklärung. Der von der Polizei gesuchte Hauptverdächtige Onur U., der sich in der Türkei aufhält, kündigte an, sich in den nächsten Tagen den deutschen Behörden stellen zu wollen. Am Sonntag hatten mehrere hundert Berliner in einer Trauerfeier in Charlottenburg von dem Opfer, Jonny K., Abschied genommen. Daran nahm auch Berlins Regierender Bürgermeister, Klaus Wowereit (SPD), teil. Der frühere Berliner Weltklasseboxer Oktay Urkal zeigte sich entsetzt über die seinem Neffen U. vorgeworfene Tat.

Der Amateurboxer steht im Verdacht, mit mehreren jungen Männern in der Nacht zum 14. Oktober auf dem Alexanderplatz zwei Jugendliche angegriffen und einen von ihnen, K., bewusstlos geprügelt zu haben. Einen Tag später erlag der 20-Jährige seinen schweren Verletzungen.

In der „Bild“-Zeitung räumte U. seine Teilnahme an der Prügelattacke ein. Er habe aber nicht Jonny K., sondern den anderen Jugendlichen mit Fäusten geschlagen.

Die Ermittler gingen davon aus, dass Onur U. sich nach der Tat in die Türkei abgesetzt hat. Dazu sagte der Beschuldigte der „Bild“-Zeitung: „Das stimmt nicht. Ich bin nicht geflohen. Mein Vater hatte hier einen Termin wegen eines Grundstücks. Ich wollte ihn nicht allein fahren lassen. Ich komme nächste Woche nach Deutschland zurück, werde mich meiner Verantwortung stellen.“

Auslieferungsverfahren könnte schwierig werden

Ein Sprecher der Berliner Staatsanwaltschaft wollte den Bericht nicht näher kommentieren und verwies auf die laufenden Ermittlungen. Grundsätzlich könnte sich ein Auslieferungsverfahren schwierig gestalten. „Wenn ein Beschuldigter in der Türkei festgenommen wird und deutscher Staatsbürger ist, ist damit zu rechnen, dass er von den türkischen Behörden nach Deutschland ausgeliefert wird“, sagte der Sprecher der Staatsanwaltschaft, Martin Steltner.

Problematisch werde es, wenn ein Tatverdächtiger gleichzeitig die türkische Staatsbürgerschaft habe. Nach Angaben der „Bild“-Zeitung hat der mutmaßliche Hauptverdächtige sowohl einen deutschen als auch einen türkischen Pass.

„Die haben sich abgesprochen, wollen mir die Schuld geben“

Der „Bild“-Zeitung, die den Tatverdächtigen in der Nähe von Ismir aufspürte, sagte Onur U.: „Von dem, der am Boden lag, habe ich nichts mitbekommen. Ich würde nie einen treten, der am Boden liegt. Das ist eine Frage der Ehre für mich.“ Die anderen Täter belasten ihn schwer. Dazu Onur U.: „Die haben sich doch abgesprochen, die wollen mir die Schuld geben, um von sich abzulenken.“

Die Polizei fahndet derzeit noch nach drei weiteren mutmaßlichen Tätern, die namentlich bekannt sein sollen. Ein 19-Jähriger sitzt unter Tatverdacht in Untersuchungshaft. Wegen der Freilassung von zwei Verdächtigen im Alter von 19 und 21 Jahren hingegen gibt es heftige Kritik an den Justizbehörden.

Zwei Tatverdächtige von Haftrichter freigelassen

Die beiden jungen Männer, die sich selbst bei der Mordkommission gestellt hatten, waren am Donnerstagabend vom Haftrichter wieder auf freien Fuß gesetzt worden. Zwar war gegen einen 21-Jährigen wegen des Verdachts der Körperverletzung mit Todesfolge Haftbefehl erlassen worden, er wurde jedoch wegen seines Geständnisses und seiner sozialen und familiären Bindungen freigelassen.

Der stellvertretende Landesvorsitzende der Gewerkschaft der Polizei, Detlef Herrmann, nannte die Freilassung einen „Schlag ins Gesicht“ der Ermittler. Die Staatsanwaltschaft legte Beschwerde gegen die Entscheidung des Haftrichters ein. Die Polizei fahndet derzeit noch nach drei weiteren Tatverdächtigen, die namentlich bekannt sein sollen.

Der mutmaßliche Haupttäter U. ist für die Berliner Justiz kein Unbekannter. Nach einem „Spiegel“-Bericht hatte das Amtsgericht Tiergarten ihn bereits im September 2010 wegen Körperverletzung verurteilt. Der Jugendrichter beließ es jedoch bei einer Weisung. Im Mai des Folgejahres stand er erneut vor Gericht – wegen Besitzes eines Butterfly-Messers. Im August 2011 stand er wegen Körperverletzung wieder vor Gericht. Der 19-jährige Tatverdächtige hat nach Informationen des RBB erst kürzlich an einem Anti-Gewalt-Training teilgenommen. Nach Angaben eines Gerichtssprechers ist er bereits einschlägig vorbestraft. Erst im Juni dieses Jahres wurde er den Angaben zufolge wegen Körperverletzung und Nötigung zu zwei Wochen Dauerarrest und dem Seminarbesuch verurteilt.

Weltklasseboxer Urkal: „Ich habe Tränen in den Augen“

Der frühere Berliner Weltklasseboxer Oktay Urkal zeigt sich unterdessen entsetzt über die Gewalttat, die sein Neffe Onur U. begangen haben soll. Urkal, der in Berlin-Neukölln aufwuchs und seit drei Jahren in Hamburg lebt, sagte Morgenpost Online: „Es ist entsetzlich, ich habe Tränen in den Augen. Was mein Neffe getan hat, ist das Schlimmste, was einem Menschen angetan werden kann. Anstatt sich zu verstecken, sollte er sich sofort stellen, wie ein Mann.“

Er habe selbst Kinder, sagte Urkal. Es sei unvorstellbar, wenn ihnen so etwas wie Jonny K. passieren würde. Urkal hat nach eigenen Angaben keinen Kontakt mehr zu seinen Berliner Angehörigen. Er wisse auch nicht, wo in der Türkei sich Onur aufhalten könnte. Es gebe Familienzweige in Sivas, Izmir und anderen Regionen.

Der Verein Berliner helfen e.V., eine Initiative der Berliner Morgenpost, übernimmt in Kooperation mit dem Bestattungsinstitut Grieneisen die Kosten für die Trauerfeier und die Beerdigung von Jonny K. Die Familie wünscht sich auch einen Grabstein.

Wer die Spandauer Familie unterstützen möchte, kann spenden an:

Berliner helfen e.V.

Stichwort "Jonny"

Bank für Sozialwirtschaft

Konto 55

BLZ 100 205 00