Mario Czaja

Wie Berlins Gesundheitssenator Organspender gewinnen will

Die Zahl der Organspenden geht in der Hauptstadt zurück. Senator Mario Czaja erklärt, woher das kommt und wie wieder mehr Menschen spenden.

Foto: Reto Klar

Im vergangenen Jahr spendeten nur noch 61 Berliner und Berlinerinnen nach ihrem Tod Organe, um anderen Menschen das Weiterleben zu ermöglichen. Im Jahr davor waren es noch zehn Organspender mehr. Um die Zahl der Spender zu erhöhen und die Entscheidung über eine Organspende nicht den Angehörigen zu überlassen, startet die Bundesregierung in diesem Jahr eine Kampagne. Jeder Deutsche soll sich einmal im Jahr mit der Frage der Organspende beschäftigen. Ab November dieses Jahres verschicken die Krankenkassen an alle Versicherten einen Brief, der die Organspende zum Inhalt hat.

Morgenpost Online: Herr Czaja, jeder Erwachsene in Deutschland soll sich mindestens ein Mal pro Jahr mit dem Thema Organspende befassen. Ab November schreiben die Krankenkassen alle Volljährigen an. Sind auf Landesebene begleitende Veranstaltungen geplant, um die Berliner über das Thema aufzuklären?

Mario Czaja: Wir informieren regelmäßig über das Thema. Die Aufklärung spielt natürlich eine zentrale Rolle bei dieser wichtigen Frage. Allerdings erfordert die Entscheidung, ob jemand Organspender sein möchte oder nicht, auch die Bereitschaft, sich mit der eigenen Endlichkeit zu befassen. Ich finde es daher wichtig, dass jeder Einzelne für sich die Möglichkeit hat, darüber zu Hause in der eigenen Umgebung nachzudenken. Und wenn die Entscheidung in dem einen Jahr noch zu schwer fällt, dann ist es gut, dass die Krankenkassen in regelmäßigen Abständen erneut informieren.

Morgenpost Online: Das Thema geht weit über rein medizinische Fragen hinaus. Ist durch den Brief sichergestellt, dass sich möglichst viele damit ernsthaft auseinandersetzen?

Mario Czaja: Die Krankenkassen schicken ja nicht nur den Organspendeausweis, sondern auch umfassende Informationen zum Thema. Das ab diesem Jahr regelmäßige Anschreiben der Versicherten ist sicher ein hilfreicher Bestandteil, damit sich zukünftig mehr Menschen mit der Frage auseinandersetzen. Aber auch positive Beispiele für Lebendspender, wie zum Beispiel der ehemalige Außenminister Frank Walter Steinmeier, können ein Vorbild in der Debatte sein.

Morgenpost Online: Wie sieht es mit der Spendenbereitschaft der Berliner aus?

Mario Czaja: Leider geht die Spendenbereitschaft in Deutschland in den letzten Jahren zurück. Die Missbrauchsfälle in Göttingen und Regensburg tragen natürlich auch dazu bei, dass das Misstrauen bei den Menschen wächst. In Anbetracht von 12.000 Patientinnen und Patienten, die derzeit in Deutschland auf ein Spenderorgan warten, ist es umso trauriger und ärgerlicher, dass das Fehlverhalten eines Arztes nun das über viele Jahre aufgebaute Vertrauen nachhaltig stören kann.

Morgenpost Online: Wie kann es künftig besser werden?

Mario Czaja: Andere europäische Länder wie zum Beispiel das katholische Spanien oder auch Österreich haben eine sogenannte Widerspruchsregelung. Dort ist jeder automatisch Organspender, der nicht ausdrücklich widerspricht. Spanien hat die weltweit höchste Spenderquote. Trotzdem halte ich eine solche Regelung für Deutschland nicht für richtig.

Morgenpost Online: Gibt es in Berlin auch gezielte Informationsveranstaltungen?

Mario Czaja: Die großen deutschlandweiten Aufklärungskampagnen zum Thema Organspende werden von der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, der Deutschen Stiftung Organtransplantation oder auch wie im vergangenen Jahr von der Stiftung Pro Organspende durchgeführt. Aber auch im Land Berlin setzen wir uns jedes Jahr ein Schwerpunktthema, um gezielt zu informieren. 2011 sind wir beispielsweise eine Kooperation mit dem Landessportbund eingegangen und dieses Jahr wollen wir gezielt Berlinerinnen und Berlin mit türkischen Wurzeln erreichen.

Morgenpost Online: Berlin ist ein großer Gesundheitsstandort. Was wird hier transplantiert?

Mario Czaja: In Berlin gibt es vier Transplantationszentren. Da ist zum einen das Deutsche Herzzentrum in Wedding, das Herz- und Lungentransplantationen durchführt, sowie die drei Standorte des Universitätsklinikums Charité – Virchow, Benjamin Franklin und Mitte –, wo Lebern, Nieren, Dünndarm und Bauchspeicheldrüsen transplantiert werden. In Berlin hat es im vergangenen Jahr insgesamt 61 postmortale Organspender gegeben. Das sind leider zehn Spender weniger als noch im Jahr zuvor. Insgesamt wurden in Berlin knapp 330 Organe transplantiert.

Morgenpost Online: Wie viele Berliner warten auf ein Spenderorgan?

Mario Czaja: Anfang vergangenen Jahres waren es etwa 1050 Patientinnen und Patienten, die in Berlin auf eine Transplantation gewartet haben. Die Organisation Eurotransplant vermittelt und koordiniert in sieben europäischen Ländern den Austausch von Spenderorganen. Verteilt werden die Organe nicht unbedingt in der Region aus der sie kommen, sondern das geschieht nach strengen Kriterien. Von Bedeutung sind der erwartete Erfolg nach der Transplantation, die durch Experten festgelegte Dringlichkeit, die Wartezeit und die nationale Organaustauschbilanz. Das heißt, wenn in Deutschland weniger gespendet wird, gelangen auch weniger Organe nach Deutschland.

Morgenpost Online: Gab es im Zusammenhang mit den beiden Missbrauchsfällen in Göttingen und Regensburg auch Überprüfungen in Berlin?

Mario Czaja: Ja, die gab es. Die anlassbezogenen Prüfungen wurden danach intensiviert. Seit dem 1. August sind zudem die Länder in der Prüfungskommission als ordentliche Mitglieder vertreten und werden so zeitnah informiert.

Morgenpost Online: Was macht diese Prüfungskommission genau?

Mario Czaja: Es gibt in Deutschland sowohl eine Prüfungs- als auch eine Überwachungskommission. Beide setzen sich zusammen aus Vertretern von Bundesärztekammer, Deutsche Krankenhausgesellschaft und GKV Spitzendverband. Die Länder sind wie gesagt auch vertreten sowie einige ständige Gäste. Sie überprüfen den Vermittlungsprozess und gehen Auffälligkeiten nach, die im Zusammenhang mit Verteilungsentscheidungen getroffen wurden, wie zum Beispiel wenn – wie bei den Fällen in Göttingen und Regensburg – der Verdacht auf Manipulation der Patientendaten besteht. Die Jahresberichte der beiden Kommissionen sind übrigens vor dem Hintergrund der beiden Fälle einsehbar.

Morgenpost Online: Auf dem Spitzentreffen zur Organspende bei Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr in dieser Woche gab es auch Stimmen, die mehr staatliche Kontrolle verlangt haben. Wie sehen Sie das?

Mario Czaja: Seit dem 1. August 2012 sind die Länder an der Prüfungs- und Überwachungskommission ja als ordentliche Mitglieder beteiligt. So ist auch eine zeitnahe Information der parlamentarischen Verantwortungsträger gewährleistet. Aus meiner Sicht ist es wichtig, größtmögliche Transparenz im Vermittlungsprozess zu schaffen, um Missbrauch zu vermeiden. Auch die Beteiligung mehrerer unabhängiger Instanzen ist sinnvoll, soweit dies in der kurzen Zeitspanne bei Transplantationen möglich ist. Auch vor dem Hintergrund, dass es sich bei Transplantationen um hochkomplexe medizinische Vorgänge handelt, sehe ich eine noch stärkere Einbindung des Staates jedoch nicht.

Morgenpost Online: Sie sind Gesundheitssenator und Katholik – haben Sie sich schon entschieden?

Mario Czaja: Ja, ich habe seit dem Jahr 2008 einen Organspendeausweis, den ich auch immer bei mir trage.

Info: Jeder kann sich einen Organspendeausweis ausstellen. Informationen dazu gibt es unter der Adresse www.organspendeausweis.org oder unter Tel.: 0800/9040400.