Berlins Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) wagt einen Vorstoß, um das Problem mit überforderten Schulleitern zu lösen. Ab 2015 soll es einen Direktoren-TÜV geben. Die verbindliche Qualifizierung an einer neuen Akademie soll sicherstellen, dass die Bewerber tatsächlich geeignet sind für ihre Führungsaufgaben. Denn das Beamtenrecht macht es fast unmöglich, einmal eingesetzte Schulleiter wieder abzulösen.
Zudem soll durch das neue Auswahlkriterium künftig verhindert werden, dass bei mehreren Bewerbern allein die Dienstjahre entscheiden. Aufgeflammt ist die Diskussion durch den Aufstand der Lehrer an der Montgolfier-Schule in Berlin-Treptow gegen die eigene Schulleiterin. Als die umstrittene Pädagogin nach mehreren Monaten Dauerkrankheit zu Schulbeginn wieder ihren Dienst antrat, meldeten sich elf Lehrer krank.
Über den neuen Schulleiter-TÜV sprach Morgenpost Online mit dem Staatssekretär für Bildung, Mark Rackles (SPD).
Morgenpost Online: Herr Rackles, der Umgang mit unfähigen Schulleitern ist ein Dauerproblem. Das Beamtenrecht macht es offenbar unmöglich, Schulleiter abzusetzen. Ist die Verwaltung da machtlos?
Mark Rackles: Zur Klarstellung: überforderte Schulleiter sind nicht die Regel, sondern die Ausnahme. Wer einmal die zweijährige Probezeit überstanden hat, sitzt aber tatsächlich ziemlich fest auf seinem Posten. Wir wollen die Eignungsfrage deshalb jetzt bei der Ausbildung angehen. Bei der Bewerbung um einen Schulleiterposten soll es künftig nicht mehr ausreichen, guter Fachlehrer zu sein und praktische Erfahrungen mitzubringen. Man muss auch eine Qualifikation für die Management-Aufgaben, die neben der Schulorganisation auch Teambildung beinhalten, nachweisen. Dazu werden wir eine Schulleiter-Akademie gründen, die am Fortbildungsinstitut Lisum angesiedelt wird. Ab 2015 sollen dort die ersten Zertifikate für Schulleiter ausgestellt werden können. Ein solches Zertifikat erhält dann nur, wer festgelegte Standards erfüllt.
Morgenpost Online: Was sollen denn die Inhalte einer solchen Ausbildung sein?
Mark Rackles: Ein Schulleiter muss mehr als ein guter Lehrer sein. Er muss ein Team leiten, Controlling-Aufgaben übernehmen, Öffentlichkeitsarbeit leisten, mit Partnern im Umfeld kooperieren. Es ist eigentlich nicht möglich, dass ein Fachlehrer all diese Fähigkeiten mitbringt. Die Qualifizierung soll 120 Stunden umfassen. Am Anfang der Ausbildung soll eine Selbstevaluation stehen, in der die Pädagogen herausfinden müssen, ob sie tatsächlich geeignet sind, Führungsaufgaben zu übernehmen. Schließlich muss man auch Vorraussetzungen wie Kommunikations- und Konfliktfähigkeit mitbringen.
Morgenpost Online: Es gibt doch sicher jetzt schon Fortbildungen für Schulleiter?
Mark Rackles: Natürlich, neben der Uni Potsdam bietet auch die Freie Universität einen Studiengang zur Schulentwicklung und Qualitätssicherung an. Aber mit der Akademie wollen wir die Qualifizierung verbindlich machen. Wir geben die Standards vor, welche Inhalte dabei vermittelt werden müssen.
Morgenpost Online: Was nützt denn die beste Qualifizierung, wenn bei der Einstellung dann doch nur nach den geleisteten Dienstjahren entschieden werden muss? Das Beamtenrecht schreibt ja vor, dass der Kandidat mit der höheren Besoldungsgruppe bevorzugt werden muss. Nicht der bessere, sondern der ältere Bewerber bekommt die Stelle.
Mark Rackles: Gerade diesem Mechanismus wollen wir die Zertifikate vorschalten, denn die gelten dann als ein wesentliches Auswahlkriterium. Dazu sind rechtliche Änderungen bei der Verordnung der Lehrerlaufbahn nötig. Auch die Schulinspektionen haben schließlich gezeigt, dass die Qualität einer Schule ganz wesentlich von der Schulleitung abhängig ist. Es gibt zahlreiche Beispiele, wo ein Schulleiterwechsel aus einer sogenannten Problemschule innerhalb von kurzer Zeit eine Leuchtturmschule gemacht hat, wie zum Beispiel bei der Fläming-Grundschule.
Morgenpost Online: Leider gibt es aber auch die umgekehrten Fälle. Die Spreewald-Grundschule ist nach dem Leitungswechsel innerhalb von zwei Jahren von einer Vorzeige-Schule zur Brennpunktschule geworden. Was passiert denn mit diesen Schulen?
Mark Rackles: Es gibt bereits Coachings und Fortbildungen in solchen Fällen. Wenn eine in einer Krisensituation ist, wie etwa bei Gewaltproblemen, kommt die Schulpsychologie oder bei Schulentwicklungsproblemen das Interventionsteam Pro Schul zum Einsatz. Das Beispiel der Montgolfier-Schule zeigt aber, dass wir ein funktionierendes Frühwarnsystem brauchen. Wenn es Anzeichen gibt wie Beschwerden von Lehrern und Eltern oder wenn es konfliktträchtige Veränderungen wie die Umstellung auf den Ganztagsbetrieb gegeben hat, dann müssen Schulinspektion und Schulaufsicht gemeinsam einen Blick auf die Schule haben und gegebenenfalls frühzeitig Mediatoren zum Einsatz kommen. Dies geschieht in vielen Fällen auch schon heute, aber eben nicht systematisch.
Morgenpost Online: Warum kann man bei ausbleibendem Erfolg den Schulleitern nicht eine andere Aufgabe irgendwo in der Verwaltung zuweisen?
Mark Rackles: Es gibt immer wieder Vorschläge, die gescheiterten Führungskräfte in der Verwaltung beispielsweise bei den Schulinspektionen oder in der Schulaufsicht einzusetzen. Das lehne ich aber ab. Solche wichtigen Schlüsselpositionen können nicht zum Abstellgleis gemacht werden. Eine Umsetzung an eine andere Schule oder die Versetzung in die Verwaltung kann ohnehin nur auf Basis der Freiwilligkeit geschehen. Wir müssen uns also auf das Coaching konzentrieren. Und wir müssen dafür sorgen, dass künftig die engagiertesten Lehrer zu Führungskräften werden. Die regionalen Schulaufsichten sollen in Zukunft gezielt auf Nachwuchssuche gehen, fähige Fachkräfte ansprechen und sie für eine Schulleiterlaufbahn empfehlen.
Morgenpost Online: In New York werden gezielt Führungskräfte ausgebildet, die Brennpunktschulen leiten und verändern sollen. Berlin hat sich dieses Modell angesehen, wollen Sie das Konzept übernehmen?
Mark Rackles: Nicht ganz. Wir wollen an der Akademie unsere Führungskräfte so ausbilden, dass sie in jeder Berliner Schule einsetzbar sind. Eine Spezialisierung auf Problemschulen haben wir nicht vor. Allerdings sollen alle angehenden Schulleiter auch in Schulen in schwieriger Lage hospitieren und diskutieren, wie die Konflikte vor Ort gelöst werden können.
Morgenpost Online: Im Koalitionsvertrag ist davon die Rede, dass Verwaltungsleiter die Direktoren entlasten sollen, damit diese sich stärker um Qualitätsentwicklung kümmern können. Was ist daraus geworden?
Mark Rackles: Die Schulleiter müssen entlastet werden, aber nicht jede Schule benötigt einen Verwaltungsleiter wie es sie an großen Oberstufenzentren gibt. Wir wollen aber an allen Schulen die Sekretariate stärken. An den Grundschulen haben wir mit Schuljahresbeginn die stellvertretenden Schulleiter von Unterrichtsstunden entlastet.




