Prüfungen

Berliner Gymnasien wollen Prüfung abschaffen

Künftig sollen in Berlin die Prüfungen zum Mittleren Schulabschluss nur noch an den Sekundarschulen gemacht werden.

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Berlins Gymnasiasten schneiden seit Jahren beim Mittleren Schulabschluss (MSA), der nach der zehnten Klasse fällig ist, sehr gut ab. Der Anteil der bestandenen Abschlüsse liegt bei 96 Prozent und das konstant seit 2010. Die Gymnasialschulleiter sehen in den Ergebnissen ihrer Schüler ein wichtiges Argument dafür, die MSA-Prüfungen für Gymnasiasten auch in Berlin abzuschaffen. Der Zeitaufwand sei zu hoch für einen geringen Nutzen, heißt es. Nach Angaben der Bildungsverwaltung soll Anfang September ein Modell vorgestellt werden, wie die Gymnasien künftig mit dem MSA umgehen sollen.

Insgesamt sind die Ergebnisse es Mittleren Schulabschlusses (MSA) in den vergangenen Jahren kontinuierlich schlechter geworden. Das geht aus einer Kleinen Anfrage des SPD-Abgeordneten Joschka Langenbrinck hervor. Demnach hatten in diesem Jahr lediglich 87 Prozent der zur Teilnahme verpflichteten Schüler die Prüfungen bestanden. Sieht man sich die einzelnen Schulformen an, zeigt sich, dass an Realschulen, Gesamtschulen und Hauptschulen der Anteil der Schüler, die den Abschluss geschafft haben, in den vergangenen drei Jahren besorgniserregend zurückgegangen ist. Bei den Hauptschulen von 45 Prozent auf gerade mal 37 Prozent im Jahr 2012. An den Realschulen haben zuletzt 78 Prozent die Prüfungen bestanden, vor drei Jahren waren es noch 82 Prozent. Und an den Gesamtschulen sank die Erfolgsquote von 83 Prozent auf 80 Prozent.

Ein Viertel aller Teilnehmer fällt durch

Kontinuierlich erfolgreich sind nur die Gymnasiasten. In der Statistik sehen die Gesamtergebnisse dadurch schöner aus, als sie tatsächlich sind. Denn Berlin ist das einzige Bundesland, in dem die Schüler am Gymnasium überhaupt am MSA teilnehmen. In allen anderen Bundesländern sind sie von den Prüfungen ausgenommen. Betrachtet man nur die Schulformen, an denen der MSA auch als Abschluss für die Schüler relevant ist, dann fällt in Berlin ein Viertel aller Teilnehmer durch. Dabei sind die Schüler, die freiwillig an den Prüfungen teilnehmen, weil sie eigentlich nicht die nötige Punktzahl in den Hauptfächern haben, gar nicht mit einbezogen.

„Man tut den Sekundarschulen keinen Gefallen, wenn man sie beim MSA mit den Gymnasien misst“, sagt Ralf Treptow, Vorsitzender der Vereinigung der Oberstudiendirektoren. Er plädiert für die Abschaffung des Mittleren Schulabschlusses an den Gymnasien, nicht zuletzt wegen der zeitlichen Belastung für die Lehrer. Laut Bildungsverwaltung soll es hinsichtlich des zeitlichen Aufwandes eine Lösung zum Schuljahr 20123/14 geben, denn klar ist, dass es schwer ist, die MSA-Prüfungen und die Abi-Prüfungen an den Gymnasien parallel zu organisieren. Schon in diesem Jahr wird den Schulen deshalb erstmals freigestellt, wann sie nach den Herbstferien die Präsentationsprüfungen durchführen. Zum kommenden Schuljahr soll dann eine Gesetzesänderung zum MSA greifen. Unklar ist, ob die Verwaltung dabei den Vorschlägen der Vereinigung der Oberstudiendirektoren folgt oder ein eigenes Konzept vorlegt.

Schüler an Gymnasien entlasten

„Unsere Empfehlung ist, für die Gymnasien lediglich die Präsentationsprüfung zu erhalten“, sagt Ralf Treptow, Sprecher der Gymnasialleiter. Anstelle der zentralen Prüfungen zum MSA sollten laut Treptow Vergleichsarbeiten im ersten Halbjahr geschrieben werden, deren Aufgaben die Gymnasien selbst festlegen. Sei das Ergebnis eines Schülers besonders schlecht oder die Versetzung in die elfte Klasse gefährdet, dann sollten die Schüler verpflichtet werden, extern an einer Sekundarschule an den MSA-Prüfungen teilzunehmen. Eine ähnliche Lösung favorisieren auch die Elternvertreter. Dabei haben sie weniger die organisatorischen Schwierigkeiten der Schulen, als die Belastungen der Schüler im Blick. „Nach der Verkürzung der Zeit zum Abitur von 13 Jahren auf zwölf Jahre ist es wichtig, jetzt jede Möglichkeit zu nutzen, um die Schüler von unnötigen Zusatzaufgaben zu entlasten“, sagt Günter Peiritsch, Vorsitzender des Landeselternausschusses. Die Prüfungen würden Zeit fressen, in der für das Abitur wichtige Inhalte vermittelt werden könnten.

Paul Schuknecht, Vorsitzender der Vereinigung der Berliner Schulleiter in der GEW, lehnt dagegen einen Sonderweg für die Gymnasien ab. Stattdessen sollten die MSA-Prüfungen für alle Schulen auf Januar vorgezogen werden, damit sie nicht parallel mit den Abiturprüfungen organisiert werden müssen, sagt er. Ralf Treptow hält dagegen, dass dann die Gefahr bestehe, dass die Schüler der Sekundarschulen nach den Prüfungen abschalten, nach dem Motto, jetzt sei alles gelaufen. Pädagogisch sei das fragwürdig.

Große Schwierigkeiten in Mathe

Unabhängig von den Gymnasien gibt es einen dringenden Handlungsbedarf an den Sekundarschulen angesichts des Abwärtstrends bei den MSA-Ergebnissen. Grund für das schlechte Abschneiden sind vor allem die Matheprüfungen. Hier haben die Schüler offenbar die größten Schwierigkeiten. Berlinweit ist die Hälfte aller Realschüler in diesem Jahr in Mathe durchgefallen. An den Gesamtschulen sind 40 Prozent der Schüler an den Aufgaben gescheitert. Besonders drastisch fielen die Ergebnisse in Bezirken mit vielen Schülern nichtdeutscher Herkunft aus. So haben beispielsweise an den Realschulen in Neukölln nur 18 Prozent der Schüler die Mathe-Prüfungen bestanden. In Mitte sind gerade 34 Prozent der Realschüler durchgekommen. „Das Problem sind häufig die Formulierungen der Aufgaben“, sagt Paul Schuknecht, Vorsitzender der Vereinigung der Schulleiter und selbst Sekundarschulleiter. Die Sprache sei sehr fachspezifisch und habe nicht mit der Alltagssprache zu tun. Zudem mache sich der Fachkräftemangel bemerkbar. An vielen ehemaligen Realschulen gebe es keine ausgebildeten Mathelehrer mehr. Die Schüler würden von anderen Lehrern fachfremd unterrichtet.

Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) hat eine Reihe von Maßnahmen angekündigt, die die Ergebnisse verbessern sollen. So sollen verstärkt Fachberater für Lehrer, deren Schüler besonders schlecht abschneiden, eingesetzt werden. Diese Berater würden im Unterricht hospitieren und den Lehrern Hinweise geben, mit welchen Unterrichtsmethoden sie die Schüler besser auf die Prüfungsaufgaben vorbereiten können.

Durch die Einführung des Ganztagsbetriebes an den Sekundarschulen verspricht sich die Bildungsverwaltung zudem eine bessere Förderung von Schülern mit Lern- und Sprachschwierigkeiten.