Studie

Kampf gegen Bildungsarmut bleibt Problem für Berlin

Berlin belegt jetzt den vorletzten Platz im Bildungsranking der 16 Bundesländer. Integration und Berufsausbildung sind schlecht.

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Die gute Nachricht: Berlin hat im bundesweiten Vergleich der Bildungssysteme die rote Laterne an Schleswig-Holstein abgegeben. Das geht aus dem Bildungsmonitor 2012 hervor, den die Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft am Mittwoch vorgestellt hat. Die schlechte Nachricht: Weit hat es die Hauptstadt nicht gebracht. Von Platz 16 ist sie lediglich auf Platz 15 gerutscht. Vergleichbare Regionen wie Hamburg oder Bremen haben sich indes gegenüber 2011 stark verbessert. Auch Brandenburg legte deutlich zu. Sachsen hat erneut das leistungsfähigste Bildungssystem aller 16 Bundesländer. Platz zwei errang mit Thüringen ein weiteres ostdeutsches Land vor Baden-Württemberg und Bayern.

Das insgesamt schlechte Abschneiden der Hauptstadt hat laut Studie damit zu tun, dass es bei der Integration und der beruflichen Bildung große Probleme gibt. Auch kämpfe die Hauptstadt nicht genug gegen Bildungsarmut. So würden noch immer zu viele Jugendliche die Schule ohne Abschluss verlassen. Die Abbrecherquote liegt mit 8,8 Prozent über dem Bundesdurchschnitt (6,1 Prozent). Von den Jugendlichen ausländischer Herkunft brechen sogar 17,1 Prozent die Schule ab. Das ist der zweitschlechteste Wert in Deutschland.

Stark in der Forschung

Zur Situation der beruflichen Bildung heißt es im Monitor, dass Berlin bundesweit die niedrigste Quote an Ausbildungsplätzen hat. Zudem würden mit 84,7 Prozent deutlich weniger Lehrlinge als im Bundesdurchschnitt (89,4 Prozent) die Abschlussprüfungen der dualen Ausbildung bestehen.

Die Stärken Berlins liegen in der Forschung. So waren im Jahr 2010 9,4 Prozent aller Abschlüsse an Hochschulen Promotionen. Das ist bundesweiter Bestwert. Außerdem hat Berlin die vierthöchste Habilitationsquote. Bei der Anzahl der Forscher an den Hochschulen belegt die Hauptstadt ebenfalls einen Spitzenplatz. Auf den vorderen Rängen liegt sie zudem bei der Versorgung der Kinder mit Kita- und Ganztagsschulplätzen.

Die Vorsitzende des Berliner Grundschulverbandes, Inge Hirschmann, fordert, so schnell wie möglich nach den Ursachen dafür zu suchen, weshalb Städte in vergleichbarer Ausgangslage wie es Berlin, Hamburg und Bremen sind, so unterschiedlich abschneiden. „Berlin muss die Schulen in sozialen Brennpunkten stärker fördern“, sagt Hirschmann. So sei es nicht hinzunehmen, dass die Bildungsverwaltung Schulen, die kleinere Klassen einrichten wollen, Förderstunden streicht wie Anfang dieses Schuljahres geschehen. Gerade in sozialen Brennpunkten seien kleine Lerngruppen nötig, um die Kinder angemessen zu fördern.

Anreize für Brennpunktschulen

Hirschmann plädiert außerdem dafür, die Angebote der Ganztagsschulen zu prüfen. „Die Schulen brauchen Lernwerkstätten und gut funktionierende Büchereien.“ Auch Hort- und Kitabetreuung müssten auf den Prüfstand. Längst nicht alle Einrichtungen hätten schon ein gutes Konzept.

Franziska Giffey (SPD), Bildungsstadträtin des Bezirks Neukölln, in dem viele Migranten leben, sagt, dass an den Brennpunktschulen die besten Lehrer eingesetzt werden müssen. Dafür seien Anreize nötig. Nur so könnten die Kinder, die größtenteils aus sozial schwachen Familien kommen, zum Erfolg geführt werden. Gegenwärtig sei es schwer, überhaupt Lehrer an diese Schulen zu bekommen.

Zur Situation auf dem Ausbildungsmarkt äußert sich Jörg Nolte, Sprecher der Industrie- und Handelskammer Berlin (IHK). Er sagt, dass das Zahlenmaterial des Bildungsmonitors zum Teil veraltet sei. „Seit 2009 stellen die Berliner Betriebe jedes Jahr 600 Ausbildungsplätze zusätzlich zur Verfügung.“ 2011 habe es in der Hauptstadt insgesamt etwa 12.800 Ausbildungsplätze gegeben. Das Angebot sei größer gewesen, als die Nachfrage. Ursache dafür sei die mangelnde Ausbildungsreife vieler Jugendlicher. „Wir würden uns freuen, wenn die Schulen das praxisorientierte Lernen verbessern und den Austausch mit Unternehmen intensivieren“, sagt Nolte. Mit der Sekundarschulreform sei man zwar auf dem richtigen Weg, die Umsetzung brauche aber noch Zeit.

Teilhabe verbessern

Erfreulich ist, dass alle Bundesländer, also auch Berlin, im Vergleich zum ersten Bildungsmonitor 2004 deutlich zugelegt haben. Das hat laut Studie damit zu tun, dass die Länder sowohl ihr Fachkräfteangebote als auch die Qualität ihrer Schulen verbessern konnten. Beides sei für das Wirtschaftswachstum entscheidend, heißt es. Nach Ansicht von INSM-Geschäftsführer Hubertus Pellengahr bleiben aber größere Teilhabechancen für Schüler aus bildungsfernen Haushalten und Migrantenfamilien wesentliche Herausforderungen für die Bildungspolitik.

Sieger im Bildungsvergleich 2012 ist Sachsen. Zusammen mit Thüringen weist dieses Bundesland die höchsten Ganztagsquoten in den Kitas (75,6 Prozent bei den Drei- bis Sechsjährigen) und Grundschulen (71,3 Prozent) auf. 2011 hatten bereits 6,8 Prozent der Kita-Erzieherinnen in diesem Bundesland einen Hochschulabschluss. Außerdem sind dort über alle Bildungsstufen hinweg die Klassengrößen sowie die Schüler-Lehrer-Relationen sehr gut.

Der neunte Bildungsmonitor wurde vom Institut der deutschen Wirtschaft Köln im Auftrag der arbeitgebernahen Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft vorgelegt. Die Untersuchung bewertet das Bildungssystem unter einer ökonomischen Perspektive. Beurteilt wird dabei der Beitrag von Bildung zu wirtschaftlichem Wachstum und Beschäftigung. Die Daten beziehen sich zumeist auf das Jahr 2010.

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