Der Streit um die verschobene Eröffnung des neuen Großflughafens BER zieht immer weitere Kreise: Der Berliner Flughafen-Architekt Meinhard von Gerkan hat Vorwürfe schlechter Planung und Bauleitung bei dem Milliarden-Projekt zurückgewiesen. Vor der Tagung des Flughafen-Aufsichtsrates am Mittwoch schlossen Brandenburgs Ministerpräsident Matthias Platzeck (SPD) und das Bundesverkehrsministerium zudem personelle Konsequenzen nicht aus. Besonders der Chefplaner des Flughafens, Manfred Körtgen, steht momentan heftig in der Kritik.

Das Architektur-Büro GMP erklärte in Hamburg, das Unternehmen habe seine Verpflichtungen uneingeschränkt erfüllt. „Unserer Überzeugung nach wird der neue Flughafen Berlin Brandenburg für Deutschland ein herausragendes und zukunftsweisendes Projekt darstellen und die berechtigten Erwartungen seiner Nutzer einschränkungslos erfüllen“, hoben die Architekten hervor. Sie würden die Entscheidung mittragen, den Hauptstadtflughafen später zu eröffnen. Das Vertrauen der Passagiere in Sicherheit und Funktionalität habe Vorrang.

Ein neuer Termin für die Anfang vergangener Woche wegen erheblicher Brandschutzmängel verschobene Inbetriebnahme des BER steht noch nicht fest. Während von politischer Seite zunächst der August als möglicher neuen Eröffnungstermin angepeilt wird, dringen mehrere Fluggesellschaften auf einen späteren Termin im Herbst. Die zwei verbleibenden Probebetriebstage in dieser Woche am BER wurden abgesagt. Bei der Aufsichtsratssitzung am Mittwoch soll es auch darum gehen, einen belastbaren neuen Termin für die Eröffnung zu finden. Ursprünglich war der 3. Juni als Starttermin für den BER geplant gewesen.

Schuld bei Planung und Controlling

Neben dem neuen Eröffnungstermin dürfte sich der Aufsichtsrat auch mit möglichen personellen Konsequenzen aus dem Skandal befassen. Brandenburgs Ministerpräsident Matthias Platzeck (SPD) hat entsprechende Personalentscheidungen nicht ausgeschlossen. „Konsequenzen sind aber erst dann zu ziehen, wenn man weiß, wer schuld ist“, sagte Platzeck in Potsdam. Er und Berlins Regierender Bürgermeister Wowereit (SPD) sitzen im Aufsichtsrat. „Die Schuld liegt aber nicht bei den tausenden Bauarbeitern“, sagte Platzeck. „Sie liegt eine Ebene höher, bei Planung und Controlling.“

Die Sitzung des Aufsichtsrates könnte daher zur entscheidenden Bewährungsprobe für Chefplaner Manfred Körtgen werden. Platzeck wollte sich dazu zwar nicht äußern. Der Unmut gegen Körtgen, der als Geschäftsführer Betrieb der Flughafengesellschaft die Verantwortung für den Flughafen-Neubau in Schönefeld trägt, ist jedoch nicht nur in Kreisen der brandenburgischen Landespolitik, sondern auch im Bundesverkehrsministerium groß. Im Hause des Verkehrsministers Peter Ramsauer (CSU) sei die Stimmung gegenüber der Geschäftsführung „nicht gut“, heißt es bei mit den Vorgängen vertrauten Mitarbeitern Ramsauers. Auf der Aufsichtsratssitzung werde man „notfalls personelle Konsequenzen“ ziehen, sollte der „knallharte Fragenkatalog“ nicht vollumfänglich beantwortet werden können.

Körtgen wird sowohl von beteiligten Baufirmen als auch aus der Politik Versagen im Projektmanagement vorgeworfen. Noch schwerer wiegt der Vorwurf, dass er Flughafen-Geschäftsführer Rainer Schwarz und die Aufsichtsgremien über das Ausmaß der Probleme im Baufortschritt nicht ausreichend informiert haben soll. Mängel in der Funktion der Brandschutztechnik hatten in der vorigen Woche dazu geführt, dass Flughafen-Chef Schwarz die für den 3. Juni angekündigte Eröffnung des BER kurzfristig komplett absagen musste.

Körtgen wollte mit Zwischenlösung öffnen

Speziell aus Kreisen der brandenburgischen Landespolitik hieß es, dass das Vertrauen in Körtgen schwer erschüttert sei. Ihm wird insbesondere vorgeworfen, bei den regelmäßig anberaumten Beratungen des Aufsichtsrats zwar Probleme im Baufortschritt benannt, diese jedoch als lösbar dargestellt zu haben. Selbst bei der Aufsichtsratssitzung im April soll Körtgen erklärt haben, dass die BER-Eröffnung wie geplant am 3. Juni erfolgen könne. Zu diesem Zeitpunkt war bereits klar, dass die Feuerlöschanlagen nicht wie vorgesehen vollautomatisch funktionieren würden. Körtgen wollte das durch eine Interimslösung ausgleichen, mehrere Hundert Mitarbeiter sollten zusätzlich eingestellt werden, damit sie im Notfall unter anderem flüchtenden Passagieren den Weg nach draußen zeigen und Brandschutztüren im Terminalgebäude per Hand schließen. Für die Bauaufsicht war eine solch angedachte Zwischenlösung jedoch nicht genehmigungsfähig.

Körtgen selbst machte dagegen die zahlreichen Umplanungen, unter anderem veranlasst durch Änderungswünsche der Fluggesellschaften, für den erheblichen Terminverzug verantwortlich. Diese hätten alle in das Brandschutzsystem für den BER planerisch integriert werden müssen, wodurch bestehende Zeitpuffer aufgebraucht worden seien, sagte er vorige Woche bei einer Anhörung im Verkehrsausschuss des brandenburgischen Landtags.

Sondersitzung des Verkehrsausschusses

Die Fraktionschefin der Berliner Grünen, Ramona Pop, warnte die politisch Verantwortlichen allerdings, sich aus der Pflicht zu stehlen. Pop will durch Akteneinsicht in der Berliner Verwaltung Licht ins Dunkel bringen. Der Regierende Bürgermeister Wowereit will in einer Sondersitzung des Verkehrsausschusses am Freitag zu BER-Entwicklungen Auskunft geben.

Widerstand regt sich jetzt auch gegen Wünsche der Fluggesellschaften, das Nachtflugverbot am Flughafen Tegel zu stutzen. So wollen die Airlines ihr ab Juni für den neuen Hauptstadtflughafen geplantes Angebot an zusätzlichen Flügen nun am alten Airport übergangsweise unterbringen. „Es ist absolut unzulässig, dass die Anwohner des Flughafens Berlin-Tegel für die Planungsfehler von Politik und Wirtschaft büßen sollen“, kritisierte der Verkehrsclub Deutschland.

Das Bundesverwaltungsgericht in Leipzig hat unterdessen bekanntgegeben, dass es am 3. und 4. Juli über Klagen gegen den Bau des neuen Hauptstadtflughafens verhandeln wird. Dabei geht um die Frage, ob das Baugenehmigungsverfahren für den Flughafen rechtlich einwandfrei abgelufen ist. Wurde doch damals noch von einem Flugbetrieb mit geradlinigen Abflügen ausgegangen.Tatsächlich sind am BER aber gleichzeitige Starts von beiden Bahnen mit abknickenden Routen vorgesehen, wodurch ganz neue Gebiete von Fluglärm betroffen sind. Sollten die Kläger vor Gericht recht, kann der Airport – egal zu welchem Zeitpunkt – nicht wie vorgesehen in Betrieb gehen.

BMO/fü