Jörg Wenzel ist noch ganz begeistert. Gerade ist er aus einer weißen Stretch-Limousine ausgestiegen, die ihn zurück zu seiner Familie zurückgebracht hat. „Das war wirklich ein Erlebnis – und was für ein Service!“, sagt er. Der 42-Jährige gehörte zu den ersten, die schon mal vom neuen Flughafen Berlin Brandenburg „Willy Brandt“ (BER) abheben durften. Allerdings nicht in einem großen Passagierjet, sondern in einem kleinen roten Helikopter von Air Service Berlin, mit dem Jörg Wenzel und am Ende insgesamt etwa 250 Fluggäste jeweils sieben Minuten lang über dem neuen Hauptstadt-Airport kreisen konnten. „Die Dimensionen des BER sind schon beeindruckend – wirklich schade, dass er jetzt so viel Häme bekommt“, sagt Wenzel nach dem Flug.

Nach der Dramaturgie der Flughafen-Betreiber sollten die am Wochenende veranstalteten Publikumstage so richtig Vorfreude auf die unmittelbar bevorstehende Inbetriebnahme des BER wecken. Doch am vergangenen Dienstag musste Flughafenchef Rainer Schwarz die für den 3. Juni geplante Eröffnung des BER kurzfristig absagen. Der Brandschutz sei noch nicht auf dem vorgeschriebenen Niveau, heißt es zur Begründung. Für die meisten Fest-Besucher ist das jedoch nur ein vorgeschobener Grund.

Fehlende Verkleidungen, lose Kabel

„Man braucht sich doch hier nur umschauen – das wäre doch in drei Wochen nie zu schaffen gewesen“, sagt etwa Manfred Sauer bei seinem Baustellen-Rundgang. In der Tat: Fehlende Fassaden-Verkleidungen am Parkhaus, offene Kabelstränge neben dem Termingebäude oder die zahlreichen aufgeschütteten Kiesberge im nördlichen Lieferhof lassen nicht nur bei Manfred Sauer ernsthafte Zweifel am offiziell verkündeten Baufortschritt aufkommen. Und das ist nur der äußere Eindruck. Das Motto der Publikumstage „Rund ums Terminal“ ist wörtlich zu nehmen, Einblicke etwa ins Gebäudeinnere sind während der Publikumstage nur einige wenige möglich. Zum Beispiel durch eine geöffnete Glastür am Haupteingang zur Abflughalle: Dahinter sieht schon vieles recht perfekt aus: Die Gepäckwagen stehen Reih und Glied, die Check-in-Schalter haben schon ihre dunkle Holzverkleidung und auf der großen Anzeigetafel flimmern vielfarbig die geplanten Abflüge. Dahinter allerdings der ernüchternde Vermerk „gestrichen“.

Wann denn tatsächlich die ersten Maschinen regulär von neuen Flughafen in Schönefeld starten werden, diese Frage bewegte einen Großteil der Fest-Besucher. „Wie das hier aussieht, werden die wohl noch ein Jahr oder mehr brauchen“, mutmaßt Jürgen Welke aus Reinickendorf. Er wohnt in der Einflugschneise zum innerstädtischen Flughafen Tegel und hatte sich schon darüber gefreut, dass der Lärm über seinem Haus bald weniger wird. Seine Tochter Anja kann der Termin-Verschiebung für die BER-Eröffnung jedoch auch Gutes abgewinnen: „Da brauchen wir wenigstens nicht so weit zu laufen“, sagt die Zwölfjährige.

Auch Brandenburgs Ministerpräsident Matthias Platzeck (SPD) bekommt beim Flughafen-Rundgang am Sonntagnachmittag die Frage nach dem neuen BER-Eröffnungstermin gestellt. Platzeck, der auch stellvertretender Aufsichtsratsvorsitzender der Flughafengesellschaft ist, will sich jetzt lieber nicht mehr so genau festlegen. Nachdem er am bei der Terminabsage am Dienstag noch gesagt hat, spätestens Mitte August müsse der neue Flughafen in Schönefeld seinen Betrieb aufnehmen, hält er sich nun zurück. „Sicherheit und Gründlichkeit gehen vor Schnelligkeit. Bei einem neuen Eröffnungstermin kommt es jetzt nicht auf einen, zwei oder drei Monate an“, sagt er. Ihm sei es außerdem wichtig, dass die Verantwortung für die geplatzte Eröffnung nun nicht den Bauarbeitern angelastet werde. Nach den Negativmeldungen der abgelaufenen Woche übt sich Platzeck wie schon tags zuvor schon Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) in wortgewandtem Zweckoptimismus: „Dieses wird ein guter Flughafen.“

Protest gegen Asylverfahren

Der zweite Publikumstag am Flughafen bietet auch eine Bühne für Unmutsbekundungen. Nachdem Wowereit bereits am Vortag bei seiner Rede von den Besuchern teilweise ausgelacht worden war, geht es am Sonntag allerdings nicht nur um Pleiten, Pech und Pannen bei der Airport-Planung. Mit einem sogenannten Flashmob protestiert die Evangelische Jugend Neukölln auf dem Gelände des neuen Hauptstadtflughafens gegen das dort geplante Asylschnellverfahren. Etwa 40 Jugendliche hätten ihre Köpfe in gelbe Stoffbeutel gesteckt, die Hände wie gefesselt auf dem Rücken verschränkt und sich zwischen den Ständen von Air Berlin und Bundespolizei versammelt, sagt die Neuköllner Jugendpfarrerin Marita Lersner. Die Jugendlichen wollten damit auf die Situation von Flüchtlingen ohne Papiere hinweisen, über deren Asylverfahren am künftigen Flughafen innerhalb von 48 Stunden entschieden werden soll. Auf dem Gelände entsteht dafür eine Einrichtung mit 300 Plätzen.

Nach der peinlichen Terminabsage für die BER-Eröffnung mochte sich während der beiden Publikumstage auch bei vielen anderen Festgästen nicht so rechte Feierlaune nicht einstellen. Zwar sprechen die Fest-Veranstalter von etwa 100.000 Besuchern an beiden Tagen, doch das riesige Vorfeld des Hauptterminals ist am Sonntag meist nur spärlich bevölkert. Die extra angelegten Parkplätze sind nicht einmal zu einem Drittel belegt. Viele derjenigen, die dennoch gekommen sind, sind enttäuscht über das Angebot auf dem Gelände. „Viel zu viel Rummel, zu wenig Information über den Flughafen“, sagt etwa Martin Anger. Er hätte sich zum Beispiel eine Fotoleiste zur Geschichte von Schönefeld und des BER-Projekts gewünscht.

Doch neben Riesenrad, Hüpfburg und Glücksrädern gibt es aber ja noch den Stand der Flughafengesellschaft. Unverdrossen verteilen dort Mitarbeiter Papiertüten mit der euphorischen Aufschrift „Der steckt alle in die Tasche. Der modernste Flughafen Europas“. Und der, über den jetzt die ganze Welt lacht, fügt Werner Janzen mit einigem Sarkasmus hinzu. „Etwas mehr Bescheidenheit wäre jetzt wohl angebracht“, sagt der 62-Jährige, der am Stand eigentlich erfahren wollte, wann nun der neue Airport tatsächlich eröffnet wird. Der Termin soll zwar frühestens nach einer Sondersitzung des Aufsichtrates am Mittwoch verkündet werden, doch ein junger Mann in roter BER-Jacke weiß offenbar schon mehr. „Das wird wohl frühestens zum Winter-Flugplan Anfang November sein.“