Insolvente Drogeriemarktkette

Bei Schlecker hat der Ausverkauf begonnen

Mindestens 2000 Filialen in ganz Deutschland sollen bis zum 24. März schließen. In Berlin stehen 77 auf der Streichliste. Hunderten Berlinern droht die Arbeitslosigkeit. In den betroffenen Filialen leeren sich nun die Regale.

Foto: Glanze

In der Schlecker-Filiale in der Ackerstraße liegen an der Kasse Listen aus. Kunden, so ist es gedacht, sollen sich mit den Mitarbeitern solidarisieren und unterschreiben. Doch auf den Listen gibt es nicht eine Unterschrift. Genutzt hätte es ohnehin wohl nichts. Denn jetzt ist das Schicksal der Filiale besiegelt, die Schließung entschieden. Von den drei Mitarbeiterinnen sind alle krankgemeldet. Die letzten Öffnungstage werden von Ersatzkräften aus anderen Filialen bestritten. „Meine Filiale in der Torstraße ist schon vor drei Wochen geschlossen worden“, sagt eine der Verkäuferinnen. Seit 14 Jahren arbeite sie bei Schlecker. Bis Ende des Monats muss sie noch in der Ackerstraße arbeiten. Wie es danach weitergeht? Sie weiß es nicht.

Am Mittwoch hat Schlecker-Insolvenzverwalter Andreas Geiwitz jene Liste durch das Land geschickt, auf die die Mitarbeiter seit Wochen gewartet hatten. Mindestens 2000 Filiale n in Deutschland sollen bis zum 24. März schließen, in Berlin 77 und Brandenburg mindestens 50. Rund 12.000 Mitarbeitern droht die Kündigung, einigen Hundert in Berlin. Welche das sein werden, wird die sogenannte Sozialauswahl zeigen. Dann bestimmen Dauer der Betriebszugehörigkeit, Alter, Zahl der Kinder, wer bleiben darf und wer gehen muss. Überschattet wird alles noch von einem Konflikt über die Finanzierung einer Auffanggesellschaft. Der Bund will kein Geld geben, die Länder, Baden-Württemberg vor allem, zieren sich ebenfalls.

Diese Berliner Schlecker-Filialen werden geschlossen

Zur Karte: Bei insgesamt 27 Filialen geht aus den Angaben von Schlecker bislang nicht klar hervor, welches von mehreren Geschäften in den jeweils angegebenen Straßen geschlossen wird. Diese Filialen sind in der Karte zunächst nicht als geschlossen gekennzeichnet.

Die Mitarbeiterinnen der Filialen wurden am Dienstag per Fax über die Schließungen informiert. Darauf stand auch, dass die Schließungen nicht automatisch mit Kündigungen einhergehen. Eine Berliner Betriebsrätin, die als Verkäuferin arbeitet, spricht von „großer Wut im Bauch“. Einen neuen Job im Handel, den würde sie schon finden. „Doch da wird schlechter bezahlt“, ist sie überzeugt. Derzeit verdient sie fast 16 Euro pro Stunde. Im Berliner Einzelhandel ist das durchaus ein guter Lohn. Der Hauptgeschäftsführer des Berliner Handelsverbandes Berlin-Brandenburg, Nils Busch-Petersen, sieht für ehemalige Schlecker-Mitarbeiterinnen in der Region gute Chancen. „Viele unserer Mitgliedsbetriebe suchen händeringend Mitarbeiter“, sagt Busch-Petersen.

Es wird weiter verhandelt

Das Insolvenzverfahren ist für die Mitarbeiter eine quälend lange Angelegenheit, Auch am Mittwoch, als die Schließungsliste erscheint, ist noch längst nicht alles klar. Es wurde weiter verhandelt zwischen Insolvenzverwalter Geiwitz und dem Gesamtbetriebsrat in einem Hotel im thüringischen Oberhof. Läden, die auf der Schließungsliste stehen, werden wieder gestrichen, andere rutschen dafür rauf.

An der Kasse bei Schlecker in der Ackerstraße steht Liane Ehrhardt. Sie arbeitet im Büro direkt über der Schlecker-Filiale, beim Berufsverband der Deutschen Kieferorthopäden. „Ich bin unglücklich, dass diese Filiale geschlossen wird“, sagt sie. Für sie war es praktisch. Fast täglich, erzählt sie, ist sie in den Laden gegangen. Irgendwas wird ja immer im Büro gebraucht, Putzmittel, Kaffeefilter, solche Sachen. Zu den Mitarbeiterinnen habe sie fast schon ein vertrauensvolles Verhältnis gehabt, sagt Ehrhardt. Sie bedauert die Schließung.

Die Filiale an der Badenschen Straße 49 in Wilmersdorf wird zum 24. März geschlossen. Die Verkäuferinnen wirken angespannt, reden wollen sie nicht. Kundin Simone Klopfer (43), die das Geschäft gerade verlassen hat, stört die Schließung nicht: „Für die Mitarbeiter tut mir das leid, für den Konzern aber nicht. Denn der hat die Beschäftigten doch schlecht behandelt. Noch nicht einmal ein Telefon soll es in den Filialen geben.“

Mit den Schlecker-Verkäuferinnen haben die Kunden Mitleid, doch mit dem Unternehmen Schlecker nicht. Zu sehr hat die Drogeriemarktkette in den Jahren vor der Insolvenz ihr Image ruiniert, haben die Läden im Vergleich zur Drogeriemarkt-Konkurrenz gelitten. Schleckers Pleite ist die Pleite eines Unternehmens, das mit seinem Konzept beim Kunden nicht ankam. Jetzt folgt in vielen Filialen Schlussverkauf. Und die Mitarbeiter setzen sich ab. Das stimmt auch für einen Neuanfang wenig hoffnungsvoll.

Viele melden sich krank

Auch in der Filiale in der Brunnenstraße, nördlich der Bernauer Straße, sind die drei Mitarbeiterinnen krankgeschrieben. Just seit sie wissen, dass am 24. März Schluss sein wird. Im Laden steht eine Aushilfskraft. Im Januar hat ihr Stammgeschäft an der Landsberger Allee geschlossen. Seitdem ist die Brunnenstraße schon die vierte Filiale, in der sie aushilft. „Ich wandere durch ganz Berlin“, sagt die 54-Jährige. In Pankow und in Lichtenberg war sie schon. Jetzt ist sie im Wedding gelandet. Dabei hat sie gern bei Schlecker gearbeitet. Es gab Urlaubsgeld, Weihnachtsgeld, bezahlte Überstunden. Viele Verkäuferinnen haben – anders, als es das Image vermuten lässt – keine schlechte Meinung von ihrem Arbeitgeber.

Genervt betrachtet die Schlecker-Belegschaft dagegen den Streit über die Auffanggesellschaft, in der entlassene Mitarbeiterinnen mit Schulungen fit für neue Jobs gemacht werden sollen. Die bundeseigene Förderbank KfW bestätigte, dass es von ihr keinen 70-Millionen-Kredit geben wird. Die Bundesländer sollen finanzieren. Eine Einigung ist nicht in Sicht.

Und somit endet das Kapitel Schlecker an vielen Orten im ganzen Land wie in der Filiale an der Westfälischen Straße 81. „Ab sofort 30 Prozent auf alles“, steht dort auf pinken Plakaten im Schaufenster. Die Regale im Laden weisen schon etliche leere Stellen auf. Es sind Lücken, die nicht mehr aufgefüllt werden.