Berliner Verwaltung

Pensionswelle sorgt für Personalmangel

Justiz, Schule, Verwaltung: Berlin droht ein erheblicher Verlust an Landesbediensteten. Durch Pensions- und Renteneintritte sinkt die Zahl der Angestellten bis 2018 um ein Viertel. Viele Stellen sollen gestrichen werden, für andere fehlt der Nachwuchs.

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Neben dem hohen Krankenstand hat der öffentliche Dienst in Berlin noch ein weiteres Problem: Bis 2018 wird mehr als ein Viertel aller Beschäftigten in den Ruhestand gehen. Das geht aus einer aktuellen Prognose der Senatsfinanzverwaltung hervor. Von den 114.442 Voll- und Teilzeit-Beschäftigten, die noch im März 2011 in den Verwaltungen von Senat und Bezirken, bei der Polizei und in den Schulen arbeiteten, werden bis 2018 29.909 Beamte und Angestellte in Pension oder Rente gehen. Die Zahl der Beschäftigten im Land Berlin wird – ohne Gegensteuern – damit um 26,1 Prozent sinken.

Einige Bereiche sind besonders stark betroffen. So sinkt die Zahl der Lehrer von 35.785 auf 24.158, was einer Verringerung um 32,5 Prozent ausmacht. Vor allem die neuen Sekundarschulen werden von dieser Pensionswelle erfasst. Die Zahl der Hauptschul- und Realschullehrer sinkt um 38,7 beziehungsweise 37,9 Prozent. Mehr als 1100 Lehrer werden in den nächsten sechs Jahren in den Sekundarschulen in den Ruhestand gehen. Kritisch wird es auch an Grundschulen, wo von 14.133 Pädagogen 4242 in Pension und Rente gehen werden.

Dabei sieht es hinsichtlich der Neueinstellung von Lehrkräften bereits jetzt schwierig aus. Torsten Ulrich von der Initiative „Verbeamtung jetzt“, sagt, dass überhaupt noch nicht klar sei, ob und wie viele Pädagogen zum neuen Schuljahr eingestellt werden: „Wir steuern erneut auf ein Schuljahr zu, in dem an vielen Schulen qualifizierte Fachkräfte fehlen werden.“

Junge Lehrer wollen Berlin verlassen

Von den 120 Referendaren, denen von der Bildungsverwaltung eine Einstellungsgarantie angeboten worden sei, hätten nur 70 das Angebot angenommen, so Ulrich. Die anderen würden in andere Bundesländer oder an Privatschulen gehen. Darüber hinaus hätten 240 Lehrer einen Antrag auf Freigabe gestellt, um ab August in ein anderes Bundesland wechseln zu können. 193 Anträge seien bewilligt, 49 abgelehnt worden, weil in Mangelfächern Fachkräfte fehlen. „Wir brauchen bessere Arbeitsbedingungen für angestellte Lehrer“, fordert Ulrich. 2820 hätten deshalb jetzt ein entsprechendes Manifest unterschrieben, das Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) übergeben werden soll.

Auch in anderen sensiblen Bereichen gibt es nur aufgrund der demografischen Entwicklung Personalabbau. So schmilzt die Zahl der Beschäftigten in der Gerichts- und Bewährungshilfe um 40 Prozent auf 103. Im ohnehin von hohem Krankenstand geplagten Justizvollzug gehen 659 von 2814 Beschäftigten in den Ruhestand. Auch bei den bürgernahen Verwaltungen in den Bezirken wird es eng. Von 23.741 Mitarbeitern werden 2018 nur noch 17.208 im Dienst sein – minus 27,5 Prozent.

Zwar sind die Zahlen dem Senat bekannt. Aber es gibt widerstreitende Interessen. So setzt sich Finanzsenator Ulrich Nußbaum (parteilos, für SPD) für einen auch vom Abgeordnetenhaus gewünschten Stellenabbau ein. So soll die Zahl der Vollzeitstellen auf 100.000 sinken, was einem Minus von 6000 Stellen entspricht. Ziel ist es, 80.000 Stellen in den Haupt- und 20.000 Stellen in den Bezirksverwaltungen zu erreichen, sagte am Mittwoch ein Sprecher des Senators. In diesem Jahr sollen so insgesamt 500 Stellen wegfallen. Für nächstes Jahr ist der Abbau von 575 Stellen geplant. Beispiel Justiz: 2015 werde es nach den bisherigen Plänen 205 Justizbeschäftigte weniger als heute geben, teilte die Justizverwaltung am Mittwoch mit. Dagegen regt sich nun Protest. Der Verein von Leitenden Mitarbeitern im Berliner Justizvollzug warnte, bei weiteren Einsparungen verschlechtere sich die Behandlung und Betreuung der Gefangenen drastisch.

Beschäftigten, Gewerkschaften und Amtsleitern bereitet die Entwicklung Sorge. Der Vorsitzende der Deutschen Beamtenbundes Berlin, Joachim Jetschmann, warnt: „Der weitere Personalabbau in den Bezirken wird zu einem dramatischen Abbau der Bürgerdienste führen.“

Der öffentliche Sektor brauche jetzt eine „strategische Personalplanung zusammen mit einer ehrlichen Aufgabenkritik“, sagt Matthias Meifert, Mitglied der Geschäftsführung bei der Unternehmensberatung Kienbaum. Der Wirtschaftswissenschaftler ist spezialisiert auf Personalmanagement. Mindestens ebenso wichtig wie die Planung sei für die Mitarbeiter angesichts von hohem Krankenstand und wachsender Unzufriedenheit am Arbeitsplatz aber auch das, was die Berater „emotionales Commitment“ nennen. „Im öffentlichen Dienst ist teilweise das Gefühl dafür verloren gegangen, dass man einen wichtigen Dienst für die Gesellschaft tut“, sagt Meifert. In den vergangenen Jahren seien „einige Schmerzgrenzen überschritten“ worden – zwischen Personalabbau, Gehaltskürzungen und Überhangmanagement sei für viele die Perspektive verloren gegangen. Doch nicht nur Gehalt und Karrierechancen seien Faktoren für Zufriedenheit. „Für Mitarbeiter ist es wichtig, dass sie wissen, worauf sie stolz sein können“, sagt Meifert. Gerade in Hinblick auf Fachkräftemangel und den Wettbewerb um Nachwuchskräfte müsse das Land eine eigene „Arbeitgebermarke“ entwickeln. „Der Arbeitgeber muss das Positive an seinen Jobs herausarbeiten, Perspektiven zeigen und offensiv für das eigene Haus und seine Vorteile werben.“