Vielleicht hat der Kleine ja wirklich Glück gehabt. Vielleicht kommt er ja wirklich ohne Dauerschaden davon. Bestätigen wird sich das erst in einigen Jahren, sagte eine Ärztin im Moabiter Kriminalgericht.
Der Mann, der in seiner Geburtsurkunde als Vater vermerkt ist, wurde am Donnerstag wegen Körperverletzung zu einer sechsmonatigen Bewährungsstrafe verurteilt. Vincenz D. hatte vor Gericht zugegeben, seinen etwa drei Monate alten Sohn im Frühsommer 2010 heftig geschüttelt zu haben. „Ich habe ihn auf den Arm genommen und versucht zu beruhigen“, sagte er. „Ich habe ihn hin und her gewogen und versucht, mit ihm zu spielen.“ Aber auch das habe nicht geholfen. „Dann ist es passiert…“ Er schwieg beklommen. „Was passiert?“, fragte der Vorsitzende des Schöffengerichts. „Dann habe ich ihn geschüttelt. Ich habe ihn vor mich gehalten und geschüttelt, sodass sein Kopf nach vorn und nach hinten schwenkte.“ Fünf Mal, zehn Mal, vielleicht auch öfter, Vincenz D. wusste es nicht mehr genau. „Es war ein Blackout.“
Kein Interesse am Sohn
„Und was ist dann geschehen, wie hat das Baby reagiert?“, fragte der Richter.
„Es hat weiter geschrien, aber nicht anders als vor dem Schütteln“, antwortete Vincenz D. Sekunden später sei dann ja auch die Mutter des Jungen ins Zimmer gekommen, habe ihm das Baby abgenommen und es beruhigt.
Die heute 18-jährige Felicitas F. bestätigt das wenig später. Sie war 16, als sie das Baby bekam. Intellektuell war sie dem fünf Jahre älteren Vincenz D., der eine spezielle Klasse für Lernschwache mit dem Abschluss der 10. Klasse einer Gesamtschule beendete, vermutlich damals schon überlegen. Sie wohnten bei ihrer Mutter in Lichtenberg. Felicitas F. pausierte nach der Entbindung nur wenige Tage. Anschließend ging sie sofort wieder zur Schule, um den Abschluss zu schaffen. Und ihre Mutter, die im Bezirksamt als Putzfrau beschäftigt ist, ließ ihren Arbeitsbeginn auf den Nachmittag verlegen, damit sie sich vormittags um das Baby kümmern konnte. Denn Vincenz D. war damit offenbar überfordert und wollte sich wohl auch gar nicht kümmern. Zeit hätte er genug gehabt. Eine Ausbildung zum Kfz-Servicemechatroniker hatte er abgebrochen. Später hatte er sich mit Gelegenheitsjobs ein wenig Geld verdient. Als sein Sohn geboren wurde, war Vincenz D. schon seit Monaten arbeitslos. Er habe zu seinem Sohn nie eine richtige Beziehung aufgebaut, sagte Felicitas F. Es habe mehrfach auch Gespräche über eine Trennung gegeben.
Ostern 2010 gab es den ersten Vorfall: Vincenz D., der auf das Baby aufpassen sollte, war im Bett eingeschlafen. Der Junge lag neben ihm. Als Felicitas F. das Zimmer betrat, war das Baby blau angelaufen. Sie alarmierten die Feuerwehr. Rettungssanitäter konnten jedoch Entwarnung geben. „Aber für mich zu diesem Zeitpunkt klar, dass Vincenz D. ausziehen wird“, sagte Felicitas F.
Brutal geschüttelt
Ein paar Tage später gingen sie mit dem Kleinen für eine planmäßige Untersuchung zu einem Kinderarzt. Der Arzt stellte fest, dass er einen unverhältnismäßig großen Kopf hat. Das Baby wurde ins Lichtenberger Kinderkrankenhaus eingewiesen und zu einer weiteren Untersuchung ins technisch besser ausgestattete Virchow-Klinikum gebracht. Dort stellten die Ärzte fest, dass die Ursache des übergroßen Kopfes Einblutungen in das Hirngewebe waren. Und dass der Säugling brutal geschüttelt worden war. Mehr als einmal, wie eine Ärztin vor Gericht betonte.
Pro Jahr kommt es in Berlin rund 500 Mal zu Strafverfahren, weil Babys geschüttelt wurden. Fünf Prozent der Kinder verfielen in ein dauerndes Wachkoma. 70 Prozent hätten Folgeschäden wie Sehstörungen und geistige Behinderungen. Und nur sehr wenige kämen ohne Folgen davon. Vielleicht auch dieser Junge. Man müsse die Schulzeit abwarten, erklärte die Ärztin. „Dann werden wir sehen, ob er Gedichte von Goethe verstehen und mathematische Gleichungen aufstellen kann.“


