Staatsanwalt Volker Simons hat sich lange schon auf diesen Tag vorbereitet. Auf dieses Plädoyer seines bislang größten Prozesses. Immerhin geht es gegen eine Prominente, gegen das Ex-Topmodel Nadja Auermann, das bei fast jedem der 17 Verhandlungstage von Fotografen umlagert wurde und hier angeklagt ist wegen Steuerhinterziehung. Rund 272.000 Euro soll sie dem deutschen Fiskus durch die Angabe eines falschen Wohnsitzes vorenthalten haben. Eine große, schlanke Frau, 40 Jahre alt, die sich ihrer Attraktivität und Ausstrahlung bewusst ist. Und die, so scheint es, all ihre schauspielerischen Fähigkeiten bemüht, dem Staatsanwalt mit Blicken und Gesten ihre Verachtung zu demonstrieren.
Fatale „Schrottimmobilie“
Simons ist aufgeregt. Er hält nervös einen Stapel Zettel, aus denen er zu Beginn erst einmal eine ganze Serie von Grundsatzurteilen verschiedener Gerichte zitiert. Gelegentlich versagt ihm fast die Stimme. Doch die Grundaussage seines Abschlussvortrages bleibt eindeutig: Diese Frau, die ihm im Saal 3115 des Moabiter Kriminalgerichts gegenüber sitzt, ist schuldig. Simons spricht von „krimineller Energie“, die von dem Ex-Topmodel an den Tag gelegt worden sei. Er fordert, dass sie „zu einer empfindlichen Geldstrafe“ verurteilt wird. Und er nennt für jedes Steuer-Betrugsjahr Zahlen, die sich nach seiner Rechnung auf 630 Tagessätze à 300 Euro summieren.
Im Saal wird geraschelt. Reporter zücken Handys, rufen den Rechner auf, vergleichen: 189.000 Euro. „Dafür muss eine Oma lange stricken“, wird geflüstert. Nadja Auermann jedoch, die während des einstündigen Vortrages des Staatsanwaltes immer wieder empört auf ihren Verteidiger Robert Unger einredet, wirkt jetzt schon fast gleichgültig. Simons hätte wohl auch eine Million als Strafe nennen können. Es wäre ihr vermutlich egal. Denn Auermann, das ist unverkennbar, sieht keinen Platz für Absprachen: Geständnis gegen milderes Urteil. Sie pocht auf ihre Unschuld.
Es geht um eine Villa im Köpenicker Ortsteil Hessenwinkel. Nadja Auermann sagte im Mai dieses Jahres zu Prozessbeginn, es habe sich bei dieser Immobilie „in erster Linie um eine Investition“ gehandelt. Finanzberater in Monaco, wo Auermann damals offiziell wohnte, hätten sie 1998 zu diesem Kauf gedrängt. Doch es war ein Fehler, den sie dummerweise erst nach dem Kauf bemerkte. Zu spät habe sie bemerkt, dass über dieses „scheinbar idyllisch gelegene Grundstück am Dämeritzsee Flugrouten des Airports Schönefeld führten“; zu spät festgestellt, dass diese Villa total marode war. So hätte die Heizungsanlage gleich mehrfach gewechselt, das Dach neu gedeckt, neue Elektroleitungen gelegt, Fenster und Türen ausgetauscht werden müssen. „Eine Schrottimmobilie“, resümierte Auermann bitter, „ein Millionengrab“. Folgerichtig habe sie in dieses Haus auch gar nicht einziehen können: „Es lag ohnehin viel zu abseits“, hatte sie zu Protokoll gegeben. „Hätte ich in Berlin wohnen wollen, hätte ich mir eine Wohnung am Kudamm oder in Mitte genommen.“
Das Model und die tote Katze
Staatsanwalt Volker Simons und zuvor die Ermittler der Finanzbehörde sahen es jedoch anders. Ihrer Meinung nach hatte Auermann die Villa zwischen 1999 und 2002 als Wohnort genutzt – sie hätte also auch in Deutschland Steuern zahlen müssen. Der Anklagevertreter hat die Argumente für seine These in seinem Plädoyer akribisch aufgelistet. Er berichtet von Fotos, die belegen, dass Auermann mit ihren Kindern in dem Haus gewohnt habe. Er zitiert Zeugen, die das Fotomodel mehrfach gesehen haben wollen.
Einer will sie sogar gleich über mehrere Monate hinweg immer wieder auf dem Anwesen beobachtet haben. Andere erinnerten sich an gemeinsame Grillpartys oder daran, dass sie eines der Kinder von Auermann beaufsichtigt hätten. Und vom Staatsanwalt erwähnt wird auch eine Katze namens „Lilly“, die Auermann gehört haben soll, die von Nachbarn gefüttert wurde und am Ende von einem Auto überfahren wurde. Nadja Auermann, die mal wieder auf dem Grundstück in Hessenwinkel geweilt habe, soll nach Aussagen einer Nachbarin vom Tod der Katze sehr betroffen gewesen sein. „Da fragt man sich schon, ob so etwas in einem Haus geschieht, das nur als Renditeobjekt geplant war“, sagt Simons immer wieder mit süffisantem Blick auf Auermann.
Ex-Ehemann soll ebenfalls zahlen
Der Mann, der neben Nadja Auermann auf der Anklagebank sitzt, konnte sich beim Erwähnen des Schicksals der Katze Lilly nur mühsam das Lachen verkneifen. Es ist der Schauspieler Wolfram Grandezka. Für den 41-Jährigen, bekannt geworden vor allem durch die Daily Soap „Verbotene Liebe“, hat Staatsanwalt Simons wegen Beihilfe zur Steuerhinterziehung eine Geldstrafe von 18000 Euro beantragt. Grandezka war zur mutmaßlichen Tatzeit mit Auermann verheiratet. Simons geht davon aus, dass der Schauspieler die Villa in Hessenwinkel ebenfalls als Wohnort nutzte. Ergo hätte er sie auch bei seinen Steuererklärungen erwähnen müssen.
Grandezka hat sich zu den Vorwürfen vor Gericht nicht geäußert. Der 41-Jährige macht während der Verhandlung meist den Eindruck, als ginge ihn das alles gar nichts an. Kaum ein Blick für den Staatsanwalt. Kaum ein Blick aber auch für Auermann, von der er seit sechs Jahren geschieden ist. Und auch sie mied zu Grandezka möglichst konsequent den Kontakt.
Das Urteil soll voraussichtlich am 13. Dezember verkündet werden.




