Dach gesprengt

Deutschlandhalle stürzt nach einer Sekunde ein

Die Sprengung dauerte nur eine Sekunde, dann stürzte das Dach der Deutschlandhalle und damit 76 Jahre Berlin-Geschichte ein. In wenigen Monaten wird an gleicher Stelle ein Neubau wachsen.

Sonnabendvormittag, wenige Minuten vor zehn Uhr. Ein tiefer, dunkler Knall, dann vibriert kurz der Boden. Noch in mehreren hundert Metern Entfernung ist die Explosion zu spüren. Das 6000 Quadratmeter große Dach der Deutschlandhalle stürzt in sich zusammen. Eine riesige Staubwolke zieht Richtung Funkturm. Nur die Außenfassaden bleiben stehen. Der legendären Veranstaltungsarena in Westend ist buchstäblich das Dach über dem Kopf weggerissen worden.

40 Kilogramm Sprengstoff haben Sprengmeister Christoph Halter und seine Kollegen dafür verwendet. Zusätzlich wurden 32 Schneidladungen verteilt. „Wir mussten 1000 Meter Kabel verlegen, um die Sprengladungen miteinander zu verbinden“, sagte der Sprengmeister. 235 Löcher wurden in die Dachpfeiler gebohrt. „Die Sprengung an sich dauerte nur eine Sekunde“, sagte Christoph Halter. Ein Abriss des Daches mit einem Bagger wäre aus Sicht des Sprengmeisters wegen der besonderen Bauweise zu gefährlich gewesen. „Das Dach hätte bei den Arbeiten einstürzen können“, betonte Halter, der Mitte der 70er-Jahre als Ordner in der Halle arbeitete. 8000 Euro hat die Sprengung den Angaben zufolge gekostet.

Mit 40 Kilogramm Sprengstoff haben Sprengmeister Halter und sein Team die letzten Hoffnungen vieler Berliner zerstört. Bis zum bitteren Ende hatten sie geglaubt, dass das geschichtsträchtige Bauwerk gerettet werden kann. Nun bleiben ihnen nur Erinnerungen.

„Die Halle verschwindet, aber meine Erinnerungen kann niemand zerstören“, sagt Klaus Rothbarth (68) aus Steglitz. Die Stones hat er hier gesehen und Joe Cocker. Mehrere Hundert Berliner sind an diesem trüben Vormittag gekommen, um die Sprengung zu erleben. Und fast alle wissen, nein: spüren heute noch, wie es damals war, zum Beispiel beim Sechstagerennen. „Es roch nach Schweiß, Bier und Rauch. Die laute Musik und das Läuten der Glocke zur letzten Runde – als wenn es gestern gewesen wäre“, erzählt Rolf Bachert (85) aus Charlottenburg. Eine Polizeibeamtin erinnert sich an ihren Einsatz bei einem Nena-Konzert – und an junge Menschen, die keine Eintrittskarten hatten, aber unbedingt in die Halle wollten. Andreas Born denkt an Ähnliches zurück, aber er stand auf der Seite der Rebellen: „Ich hatte kein Geld für das Frank-Zappa-Konzert, wollte aber unbedingt rein. Das Konzert habe ich im Wachraum der Polizei verbracht.“ Sie alle eint, dass sie die Halle vermissen werden, diesen mythischen Ort der Jugend, dieses Chamäleon, das an einem Tag Rock-Arena war und am nächsten Zirkusmanege.

Unter den Zuschauern ist auch Künstler Matthias Koeppel, der mehrere Bilder zur Geschichte der Deutschlandhalle geschaffen hat. Auf einem Skizzenblock bereitet er seine nächste Arbeit vor. Sein „Kollege“ Tobias Mannewitz ist schon seit fünf vor 8 Uhr an der Halle. „Ich brauche natürlich etwas mehr Zeit, um das Bild einzufangen“, sagt er. Vorbereitet hat er alles, die Wände der Halle in Öl auf der Leinwand verewigt. „Gleich muss ich schnell sein. Mein erster Blick muss alles umfassen, dann werde ich die Explosion aus dem Gedächtnis malen“, sagt er kurz vor dem großen Knall.

Wenige Minuten später hebt die Polizei alle Sperrungen auf. Das Dach ist weg. Am Montag sollen die Abrissbagger kommen, im Frühjahr 2012 will die Messe Berlin mit dem Neubau einer Kongresshalle beginnen. „Die neuen Hallen, wie die O2 World und das Velodrom sind sicher praktischer und moderner“, sagt Peter Kaiser. „Aber das Flair wie die Deutschlandhalle werden die nie haben. Sie war einzigartig.“ Mitarbeit: cke

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