Tragödie in Charlottenburg

Getötetes Baby – die Suche nach einer Erklärung

Nachdem eine Frau ihr Neugeborenes aus dem Fenster ihrer Charlottenburger Wohnung warf, bleibt die Frage nach dem Warum. Die Familie war dem Jugendamt zwar bekannt, doch übersahen die Mitarbeiter die Schwangerschaft.

Einen Tag nach dem Tod eines neugeborenen Jungen in Charlottenburg sitzt der Schock bei den Anwohnern noch immer tief. Blumen und Kerzen liegen mittlerweile im Innenhof des Wohnhauses, in den am Sonntagvormittag eine 40 Jahre alte Mutter einen Säugling aus dem Fenster im fünften Stock geworfen hatte. „Ruhe in Frieden, mein kleiner Engel“, steht auf einer Kerze. Viele fragen sich, was Ines D. zu dieser Tat getrieben hat. Erklären kann es sich niemand. „Vielleicht war sie verzweifelt“, sagt eine ältere Dame, die kopfschüttelnd im Innenhof am Spandauer Damm steht.

Wie berichtet machte am Sonntagmorgen ein Nachbar den schrecklichen Fund, als er im Hof des Hauses einen blauen Müllsack mit dem Leichnam des Neugeborenen entdeckte. Die Polizei konzentrierte sich sofort auf die Wohnung der 40-Jährigen, die mit ihrem Lebensgefährten Carl T. und ihrer 15-jährigen Tochter in der fünften Etage des Hauses wohnt. Sie nahmen das Paar und die Tochter fest. Ines D. hatte das Kind noch in der Nacht zu Sonntag in der Wohnung zur Welt gebracht. In den Vernehmungen gab sie zu, das Baby aus dem Fenster geworfen zu haben. Am Montagabend wurde sie einem Richter vorgeführt, der gegen sie Haftbefehl wegen Totschlags erließ. Carl T. und die Tochter waren bereits zuvor wieder auf freien Fuß gesetzt worden. Beide hätten nichts mit dem Tod des Säuglings zu tun, soll Ines D. betont haben.

Mitarbeitern fiel nichts auf

Dem Jugendamt war Ines D. allerdings seit Längerem bekannt. Nach Angaben der zuständigen Jugendstadträtin von Charlottenburg-Wilmersdorf, Elfi Jantzen (Grüne), hatte Ines D. zuletzt im vergangenen September Besuch von Mitarbeitern des Jugendamtes bekommen. Laut Jantzen hätten sie nichts von einer Schwangerschaft mitbekommen. Zuvor waren Mitarbeiter im März bei Ines D., da ihre Tochter die Schule geschwänzt hatte. Eine Schwangerschaft konnte zu diesem Zeitpunkt noch nicht bemerkt werden, betonte Jantzen. Sie glaubt nicht, dass sich die Mitarbeiter etwas vorzuwerfen hätten. Die Familie sei nie wegen Kindesmisshandlung oder Vernachlässigung aufgefallen. „Es gab keinerlei Hinweise, dass mit solch einer Tat zu rechnen war“, so Jantzen. Auch die heute 15-jährige Tochter sei nicht in Gefahr gewesen. Dennoch werde geprüft, „ob es irgendwelche Anhaltspunkte gegeben hat, bei denen wir hätten eingreifen müssen“.

Dennoch stellen sich weitere Fragen, etwa warum die zuständigen Behörden nicht früher auf Ines D. aufmerksam geworden sind. Denn sie hat bereits zwei weitere leibliche Kinder. Außer einer 17-jährigen Tochter, die nicht mehr bei der 40-Jährigen lebt, soll Ines D. vor zwei Jahren ein Kind zur Welt gebracht und dies kurz danach zur Adoption freigegeben haben.

Lebensgefährte mehrfach vorbestraft

Darüber hinaus ist noch ungeklärt, ob die kriminelle Vergangenheit ihres Lebensgefährten bekannt war. Denn Carl T. ist mehrfach vorbestraft. 2004 wurde er verurteilt, weil er seine damalige Freundin getötet hatte. 2009 wurde er wegen Misshandlung von Schutzbefohlenen erneut verurteilt. Auch davon hätten die Mitarbeiter nichts gewusst, so Jantzen. Carl T. gilt jedoch nicht als tatverdächtig, nachdem Ines D. die Tat gestanden hat.

Die Geschäftsführerin des Berliner Kinderschutzbundes, Sabine Walther, wollte sich zu eventuellen Versäumnissen nicht äußern. Sie sagte nur: „Die Mitarbeiter des Jugendamtes können nur tätig werden, wenn es einen Anlass gibt.“ Sofern die Tochter von Ines D. nicht in irgendeiner Weise gefährdet war, hätte das Jugendamt zumindest beim ersten Besuch im März keinen Grund gehabt, nachzuhaken. Da die 15-Jährige nach dem Gespräch mit den Mitarbeitern des Jugendamtes offenbar wieder regelmäßig zur Schule gegangen sei, war der Fall für das Jugendamt damit erledigt. „Das ist völlig normal“, so Walther. Ines D. gelang es offenbar, ihre Schwangerschaft so gut wie es ging geheim zu halten. Nachbarn drehte sie stets den Rücken zu, um ihren Bauch nicht zu zeigen. Auch der Gesundheitsdienst habe laut Bezirksamt nichts von der Schwangerschaft gewusst.

Motiv weiterhin unklar

Die Ermittler suchen nun nach den Beweggründen von Ines D. Nach Informationen der Berliner Morgenpost sind ihre Erklärungen zum Teil widersprüchlich, einen verwirrten Eindruck mache sie jedoch nicht. Wahrscheinlich ist, dass sie das Kind nicht wollte und keinen anderen Ausweg sah. Warum sie das Baby nicht in einem Krankenhaus zur Welt brachte oder in eine Babyklappe gab, ist ungeklärt. „Viele Mütter schämen sich und haben Angst entdeckt zu werden, wenn sie das Kind in einer Babyklappe abgeben“, sagt Gabriele Stangel. Die Seelsorgerin im Zehlendorfer Krankenhaus Waldfriede hat im Jahr 2000 die erste Babyklappe in Berlin eingerichtet. Möglich sei natürlich auch, dass sie diesen Ausweg gar nicht in Betracht gezogen habe, so Stangel.