Occupy-Bewegung

Verkleidete Demonstranten laufen durch Berlin

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Foto: REUTERS

Zum Start des Karnevals zogen am Freitag etwa 100 verkleidete Demonstranten zum Brandenburger Tor und warfen Konfetti – aus Protest gegen die Macht der Banken und für mehr Demokratie. Trotz Kälte campieren Occupy-Aktivisten weiterhin am Bundespressestrand.

Ein gutes Dutzend Zelte haben die Berliner Demonstranten der neuen Protestbewegung von Occupy mit Blick auf Kanzleramt und Reichstag aufgestellt. Nur durch die Spree sind sie räumlich vom Zentrum der Macht getrennt. „Assemble, 99%“ hat jemand in den Sand geschrieben, versammelt euch. Auf einem Regenschirm steht „Yes we camp“.

Auch außerhalb der Zeltstadt machen die Berliner Occupy-Aktivisten auf sich aufmerksam. So zogen zum Start des Karnevals am Freitag rund 100 verkleidete Demonstranten zum Brandenburger Tor und warfen Konfetti. „Wollt Ihr noch mehr Schulden?“, skandierten sie. An diesem Samstag wollen sich die jungen Männer und Frauen an einer Menschenkette um das Regierungsviertel beteiligen, in Frankfurt am Main werden Gleichgesinnte das Bankenviertel umstellen.

„Leider haben wir nur noch kalten Tee“ sagt Daniel Mützel und reibt sich die klammen Hände. Der 26-jährige Student hat seine erste Nacht im Zelt hinter sich. „Kalt“, kommentiert er und ist trotzdem begeistert. Wie in Hunderten anderen Städten rund um den Globus haben sich auch in Berlin Menschen zusammengefunden, die etwas ändern wollen. Aufgeschreckt durch die weltweite Finanzkrise protestieren sie gemeinsam – gegen die Macht der Banken, für mehr Demokratie.

Nach New Yorker Vorbild, wo seit September unter dem Motto „Occupy Wall Street“ mitten in Manhattan gezeltet wird, entstanden auch in Deutschland Protest-Camps. In Berlin sind die Demonstranten jetzt am Bundespressestrand zusammengerückt. Die Aktivisten werden von der Noch-Pächterin geduldet. Berlin erlaubt kein Zeltlager im öffentlichen Raum.

Neben Daniel sitzt der 35-jährige Roman Asriel. Der gelernte kaufmännische Assistent ist seit kurzem arbeitslos. Für ihn ist Occupy zum Vollzeit-Job geworden, sogar bei ZDF-Talkerin Maybrit Illner war er schon. „Manchmal fühle ich mich wie kurz vor dem Revolutions-Burnout“ sagt er grinsend.

Warum verbringen die beiden ihre Tage zwischen Zelten, die im Herbst eher ungemütlich sind? „Klar könnte man sich auch im Café treffen, aber wir bauen hier eine echte Infrastruktur auf“ erklärt Daniel. Außerdem hätten die Camps symbolischen Wert, ergänzt Roman, so werde der Protest weltweit sichtbar.

Junge Leute sitzen am Lagerfeuer, kochen und essen gemeinsam und diskutieren über Politik. Aber Ende November droht die Räumung, ab Dezember will der Bund auf dem Gelände Büros bauen. Die meisten sind sich aber einig: „Wir bleiben, so lange es geht.“

Dazu gehört auch, den Alltag im Camp zu organisieren. Dafür haben die Protestler ganz ordentlich Arbeitsgemeinschaften gegründet. „Ich bin hier der Koch“, ist eine kräftige Stimme zu hören. „Hat jemand Allergien?“ Nein – dann müssen beim Kochen keine Extrawünsche bedacht werden. In der provisorischen Küche stehen Herd, Kühlschrank und Lebensmittel. Das meiste wurde gespendet. Auch Zelte, Decken und Schlafsäcke seien genug da, sagt Daniel. Ein Outdoor-Ausstatter habe geholfen.

Stört die Occupy-Aktivisten das Hippie-Image, das ihnen teilweise verpasst wird? „Das zeigt doch nur, dass wir friedlich sind“, meint Roman. So werde die Bewegung vielleicht für harmloser gehalten, als sie sein will. Daniel nickt: „Wir fliegen sozusagen unter dem Radar“.

Romantik strahlt zwar ein Lagerfeuer aus. Doch Smartphones sind allgegenwärtig. Über Facebook, Twitter, Blogs und E-Mails sind die Occupy-Aktivisten auch international bestens vernetzt. Presseanfragen werden koordiniert, Diskussionen öffentlich gemacht.

Trotzdem ist auf den ersten Blick das konkrete Ziel noch nicht richtig zu erkennen. Wo soll es hingehen? „Das fragt mich mein Vater auch immer“, sagt Student Daniel lakonisch. Mitstreiter Roman findet: „Es geht jetzt darum, Fragen zu sammeln, und nicht zu schnell zu antworten.“ Vielleicht gerade deswegen stößt die Occupy-Bewegung auf viel Sympathie.

Zur Demonstration am Samstag in Berlin haben neben den Netzwerken Attac und Campact auch Linke und Grüne aufgerufen. Über Twitter hat auch der Sprecher der Bundesregierung, Steffen Seibert, seine Grüße übermittelt. Roman beeindruckt das aber wenig: „Wenn die es ernst meinen würden, hätten sie uns ein Camp gegeben.“

( dpa/bee )