Neues Google-Institut

Investoren sehen Berlin als nächstes Silicon Valley

Der Suchmaschinen-Riese Google setzt bei der Zukunftsforschung auf Berlin. Zusammen mit der Humboldt-Universität hat der Konzern das Institut für Internet und Gesellschaft gegründet. Für Investoren wird Berlins blühende Internetszene dadurch noch interessanter.

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An einem Wintertag saßen sie wieder einmal zusammen. Ein paar Berliner Wissenschaftler, die wissen wollten, wie das Internet unsere Welt, unser Rechtssystem und unser Wirtschaften verändert. Mit dabei war auch Max Senges, Berliner Chef des Suchmaschinen-Giganten Google. Die Idee hatte dann der Jura-Professor Ingolf Pernice. "Lasst uns doch ein gemeinsames Institut aufmachen."

So erinnert sich der Informatiker Thomas Schildhauer an die Geburtsstunde der neuen Forschungseinrichtung, mit der Berlin seine Stellung als Hauptstadt des Internets ausbauen wird. Im Februar verkündete der damalige Google-Chef Eric Schmidt, seine Firma werde das Projekt finanzieren. Und am Dienstag wurde das Alexander von Humboldt Institut für Internet und Gesellschaft an der Humboldt-Universität eröffnet. Professor Schildhauer ist einer der vier Gründungsdirektoren. Der gebürtige Wilmersdorfer, der an der TU Berlin studierte, lernte als Geschäftsführer der Lufthansa Informationstechnik und Software GmbH in den 90er-Jahren, wie das Internet die Vermarktung von Tickets verändert. "Ich hatte das Gefühl, hier gibt es einen Paradigmenwechsel", erzählt der 53-Jährige. Seit mehr als zehn Jahren führt er das Institut für Electronic Business (IEB) an der Universität der Künste, bekleidet die erste deutsche Professur für die Frage, wie im Internet Geschäftsideen entstehen. Da ist er in Berlin richtig: Laut IHK sind in der Stadt in den vergangenen drei Jahren 128 Internet-Firmen neu gegründet worden. In Berlin und Brandenburg arbeiten 170.000 Menschen in Informationstechnik und Medien.

Schildhauer setzt darauf, dass sich weitere Geldgeber finden. Denn natürlich melden sich auch Kritiker. Sie fürchten um die Unabhängigkeit der Forscher, deren Budget von 4,5 Millionen Euro über drei Jahre von einem Unternehmen stammt, das viele als gierige Datenkrake sehen, das Nutzer aushorcht, Urheberrechte verletzt und die ganze Welt für seinen Dienst Street View fotografiert. Die Institutsgründer haben das Problem diskutiert. Jetzt gibt es eine Forschungsgesellschaft und eine davon getrennte Fördergesellschaft, einen unabhängigen wissenschaftlichen Beirat und ein Kuratorium, die die Freiheit der Forschung sichern sollen.

Kreativer Unternehmergeist wie im Silicon Valley der 90er-Jahre

Schildhauer wird seine bisherige Arbeit weiterführen. Er untersucht, wie kleine und mittlere Unternehmen das im Internet abrufbare Wissen der Verbraucher nutzen und prüfen können, ob ihre Produkte marktgerecht sind. Solche eher wirtschaftswissenschaftlichen Fragen werden im Institut kombiniert mit Themen des Rechtsrahmens und den anthropologischen Folgen des Online-Lebens. "Ich sehe das Institut als wichtigen Baustein der Berliner Internet-Community", sagt Schildhauer.

Gerade in Berlin ist die Szene in den vergangenen Monaten aufgeblüht. "Viele arbeiten mit viel Substanz", sagt Schildhauer. Das haben auch amerikanische Risikokapitalgeber erkannt. Berlin gilt auch in San Francisco als gewinnversprechender Standort für Investitionen. Die ersten Risikokapitalgeber haben Büros in Berlin eröffnet. Allein eine gemeinsame Facebook-Seite vereint 20 neue Unternehmen, jedes hat in den vergangenen zwölf Monaten eine Million Euro oder mehr von Kapitalgebern erhalten. Der Investor Roberto Bonanzinga, der mit Balderton Capital rund 1,5 Milliarden Euro verwaltet, sucht in Berlin "nach dem nächsten Facebook". Den Spielentwickler Wooga hat er bereits mit Geld versorgt. Er spürt in Mitte und Prenzlauer Berg den gleichen kreativen Unternehmergeist wie im Silicon Valley der 90er-Jahre. Die Szene wird durch das neue Institut mit Sitz bei den HU-Juristen am Bebelplatz noch interessanter werden. Ein rein virtuelles Institut wäre nicht genug, sagt Schildhauer: "Man muss sich immer mal wieder Auge in Auge gegenübersitzen, um Projekte anzuschieben." Deshalb treffen sich zum Start des Instituts 250 Wissenschaftler aus aller Welt bis Freitag zum Symposium im NH Hotel am Osthafen.

Internet: www.internetundgesellschaft.de

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