Serientäter

Berliner zündete aus Frust und Neid Autos an

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Michael Behrendt und Steffen Pletl
Das Video konnte nicht gefunden werden.

Auto-Brandstifter festgenommen

Die Polizei hat einen 27-Jährigen festgenommen, der im Sommer 2011 insgesamt 67 Mal Autos angezündet haben soll. 102 Fahrzeuge brannten dabei ganz oder teilweise aus.

Video: Reuters
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Nach der Festnahme des mutmaßlichen Serienbrandstifters André H. in Berlin ist nicht mit einer schnellen Anklage zu rechnen. Denn jede der 67 Taten müsse belegt sein, so die Staatsanwaltschaft. Erkenntnisse gibt es zum Motiv.

Es war eine Puzzlearbeit, ihn zu fassen. Und es wird eine ebensolche Puzzlearbeit werden, ihn juristisch zu überführen. Zwei Tage nach Bekanntwerden der Festnahme des mutmaßlichen Serien-Autobrandstifters André H. aus Moabit müssen nun alle Beweise für die Anklageschrift zusammengefügt werden. Mit einer schnellen Anklage kann nach Angaben des Sprechers der Staatsanwaltschaft, Martin Steltner, nicht gerechnet werden. „Das dauert. Es muss jede Tat belegt sein. Wir stützen uns nicht allein auf die Angaben des Beschuldigten.“ Geprüft werden müsse auch, ob er für weitere Brandstiftungen in Betracht kommt. Polizeisprecher Thomas Neuendorf sagte: „Er hat nicht Buch geführt über die Taten.“

Immer wieder auf Videos

Der 27-Jährige war bereits am Freitag vom Staatsschutz festgenommen worden. Ihm wird vorgeworfen, 67 Fahrzeuge der Marken Audi, BMW und Mercedes direkt angesteckt und Schäden an 35 weiteren Autos verursacht zu haben – weil die Flammen auf sie übergriffen. Auf die Schliche waren ihm die Ermittler durch die Auswertung von Überwachungsvideos aus Bussen und U-Bahnen gekommen. Der 27-Jährige war immer wieder zu den Zeiten, da Autos brannten, in der Nähe der Tatorte auf den Videos aufgetaucht. Die Aufzeichnungen von Überwachungskameras gewinnen laut Neuendorf für die Ermittlungsarbeit der Kripo zunehmend an Bedeutung. Fotos seien die besten Beweise, zudem könnten Tathergänge genau rekonstruiert werden.

Die Festnahme belebt erneut die Debatte über mehr Personal bei der Polizei und den Sinn von Videoaufzeichnungen. Die Gewerkschaft der Polizei (GdP) forderte am Montag zusätzliche finanzielle Mittel.

Die Beamten legen dem mutmaßlichen Täter auch deshalb eine so hohe Zahl von Brandstiftungen zur Last, weil sie immer wieder auf die gleiche Art begangen wurden. Einzelheiten dazu wurden aus ermittlungstaktischen Gründen aber nicht genannt.

Der gelernte Maler und Lackierer, der wegen seiner Schulden bei seiner Mutter in Moabit lebte, gab laut Polizei persönlichen Frust, soziale Unzufriedenheit und auch die Geldnöte wegen seiner Arbeitslosigkeit als Motiv für seine Taten an. Verbindungen zur linksextremistischen Szene hat er nach bisherigen Erkenntnissen nicht. André H. lebte nach Informationen von Morgenpost Online mit seiner Mutter und einer jüngeren Schwester in einer Zweieinhalb-Zimmer-Wohnung in Moabit – für 500 Euro Miete. Der kleinste Raum soll sein Bereich gewesen sein.

Die Schwester muss seit einem schweren Unfall gepflegt werden. Sie kommt ohne die Hilfe der Mutter nicht klar. Als dann auch noch die Mutter die Diagnose bekam, an einer schweren und tückischen Krankheit zu leiden, sei nach Angaben eines Nachbarn das Maß des Erträglichen für den jungen Mann erreicht gewesen. „Er fand, dass es vielen Menschen besser ging als ihm“, so ein Kriminalbeamter. „Dieses Bessergehen zeigte sich für ihn im Besitz kostspieliger Autos der drei Marken, die er sich immer wieder zum Ziel für seine Brandstiftungen suchte.“ Offenbar habe er die Menschen bestrafen wollen, denen es finanziell besser geht. Auch die Ermittler sprachen bei ihrer Pressekonferenz von „diffusem Sozialneid“ und „psychologischer Auffälligkeit“.

Die Polizei betonte, dass die nächtlichen Streifen von Berliner Beamten und Bundespolizisten auch nach dem Fahndungserfolg weiter gehen. Berlins amtierende Polizeipräsidentin Margarete Koppers ist sicher, dass weitere Serientäter gefasst werden. „Wir werden nicht jeden Einzelnen kriegen, aber die Serientäter, die kriegen wir, davon bin ich überzeugt“, sagte sie in der RBB-Abendschau.

Offenbar lassen sich durch die Festnahme von André H. und die zu erwartende Strafe von mindestens zehn Jahren Haft nicht alle Brandstifter abschrecken. So wurde in der Nacht zum Montag an der Straße Fuchsbau in Lichtenberg ein Chrysler angezündet, ein daneben stehender Kia wurde beschädigt.

Die Rechtslage bei Brandstiftung

Brandstiftung, also das Anzünden fremden Eigentums, fällt unter die Rubrik „Gemeingefährliche Straftaten“. Dazu zählt etwa das Anzünden von Gebäuden, Betrieben und Fahrzeugen, aber auch Wäldern. Gemäß Strafgesetzbuch (StGB) liegt der Strafrahmen für Brandstiftungen zwischen einem und zehn Jahren Gefängnis. Unterschieden wird zwischen schwerer, besonders schwerer und Brandstiftung mit Todesfolge.

Fünf Jahre sind das Höchststrafmaß für Brandstifter, die keine Personen gefährdet haben. Häufig kommen sie noch glimpflicher davon: Der Strafrahmen beginnt bei sechs Monaten. Wer bewohnte Häuser oder Räume anzündet, wird mit mindestens einem Jahr Freiheitsentzug bestraft. Wer mit der Tat eine gesundheitliche Schädigung einer Person verursacht, macht sich der besonders schweren Brandstiftung schuldig. Das Mindeststrafmaß beträgt zwei Jahre Gefängnis.

Wird durch Brandstiftung ein Mensch getötet, muss der Täter mit einer lebenslangen Freiheitsstrafe oder mit Gefängnis nicht unter zehn Jahren rechnen.