Psychologie

Was Brandstifter zu ihren Taten antreibt

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Ina Brzoska

Foto: Glanze

Der Fall des Berliner Serien-Brandstifters André H. beschäftigt nicht nur Polizei und Staatsanwaltschaft, sondern auch Verhaltenstherapeuten. Psychologin Isabella Heuser erklärt, was die Motivation solcher Täter sein kann.

27 Jahre alt ist der Brandstifter, den die Polizei am Freitag festgenommen hat. André H. ist gelernter Maler und Lackierer, der aus Frust über seine Arbeitslosigkeit gezündelt haben soll. Er hat zugegeben, 67 Autos in Brand gesetzt zu haben. Der Fall beschäftigt nicht nur Polizei und Staatsanwaltschaft, sondern auch Verhaltenstherapeuten. Ina Brzoska sprach mit der Psychologin und Psychiaterin Isabella Heuser von der Charité darüber, was pathologische Brandstifter dazu treibt, Feuer zu legen.

Morgenpost Online: Frau Professor Heuser, könnte der Mann, der gefasst wurde, ein Pyromane sein?

Professor Isabella Heuser: Das werden forensische Psychiater, die sich dem Fall annehmen, jetzt feststellen müssen. Ich habe den Mann, der in Berlin Feuer legt, nicht untersucht, aber offenbar hat er aufgehört, Autos anzuzünden, als er wieder einen Job bekam. Das spricht eigentlich nicht dafür, dass es sich um einen pathologischen Brandstifter handelt. Wahrscheinlich ist er einfach kriminell.

Morgenpost Online: Wie würden Sie Pyromanie beschreiben?

Heuser: Die Wissenschaft spricht eher von pathologischer Brandstiftung. Solche Fälle sind extrem selten, es handelt sind um Menschen, die vorsätzlich planen, Brände zu legen, sie sind süchtig danach. Schon vor der Tat spüren sie freudige Erregung, manche planen tagelang, wo sie das Feuer legen. Wenn es brennt, entwickeln sie oft Lust- und Machtgefühle. Für sie ist es fast so schön wie ein sexueller Akt.

Morgenpost Online: Beschreiben Sie einen Fall.

Heuser: Ich erinnere mich an diesen Handwerker, er war so Mitte 40. Er setzte am Wochenende immer Gehöfte in Brand, die ganze Woche plante er die Taten, seine ganze Freizeit ging dafür drauf. Er hat Landkarten studiert, fuhr mehrere hundert Kilometer weit, um nicht ertappt zu werden. Während der Tat empfand er so etwas wie Freude und Erleichterung.

Morgenpost Online: Kennen Sie auch Pyromaninnen?

Heuser: Nein, meist sind es Männer, die Feuer legen.

Morgenpost Online: Feuerwehrmänner?

Heuser: Also, das halte ich für eine Mär, ich glaube nicht, dass es unter Feuerwehrmännern pathologische Brandstifter gibt.

Morgenpost Online: Sind sich die Täter der Konsequenzen bewusst, haben sie ein schlechtes Gewissen?

Heuser: Ja, sie tun alles dafür, um nicht entdeckt zu werden. Aber der Druck, den sie verspüren, ist so groß, dass sie immer wieder losziehen und Feuer legen müssen. Sie sind süchtig.

Morgenpost Online: Woher kommt diese Faszination für Feuer?

Heuser: Es ist eine Urgewalt, wie Wind und Wasser auch. Der Mensch hat sich erst entwickelt, als er herausfand, wie Feuer gemacht wird. Feuer ist mystisch, aber völlig überhöht und verklärt. Kann sein, dass daher das gesteigerte Interesse der pathologischen Brandstifter rührt.

Morgenpost Online: Kinder spielen auch gerne mit Feuer. Sollten Eltern die Lust am Zündeln zügeln?

Heuser: Man kann die Ursachen für pathologisches Verhalten nicht immer in der Kindheit suchen. Psychologen können nicht definitiv sagen, wie Abhängigkeiten zustande kommen. Wir wissen nur, dass Menschen, die in ihrer frühen Kindheitsphase vernachlässigt, missbraucht oder gequält worden sind, in ihrem späteren Leben ein höheres Risiko entwickeln, süchtig zu werden.

Morgenpost Online: Sind pathologische Brandstifter therapierbar?

Heuser: Medikamente gibt es nicht, aber in der Psychotherapie gibt es viele gute Ansätze, um solchen Menschen zu helfen. Da stehen die Chancen sehr gut.

Morgenpost Online: Wie gehen Sie vor?

Heuser: Der Patient muss erkennen, wie seine Verhaltensweisen aussehen, er muss das pathologische Muster erkennen und Strategien erlernen, wie er diesen Drang, Feuer zu legen, in den Griff kriegt. Er muss den Impuls in andere Handlungen umlenken. Meist haben diese Menschen auch erhebliche Selbstwertprobleme, auch daran muss man arbeiten. Mit einer Therapie ist das aber in den Griff zu bekommen.

Morgenpost Online: Konnte der Mann, der Gehöfte angezündet hat, geheilt werden?

Heuser: Ja, nach 140 Stunden mit einer kognitiven Verhaltenstherapeutin hat er den Drang, Feuer zu legen, in den Griff bekommen. Soweit mir bekannt ist, hat er nie wieder eine Straftat begangen.