Prozessauftakt

23-Jähriger gesteht Messerstiche auf Familienvater

Im Januar 2011 wurde in Berlin-Neukölln ein 34 Jahre alter Familienvater auf der Straße niedergestochen. Er starb. Zwei mutmaßliche Täter stehen vor Gericht. Doch nur einer räumt ein, zugestochen zu haben.

Detlef C. ist vermutlich der wichtigste Zeuge. Der 44 Jahre alte Krankenpfleger lag am 14. Januar 2011 gegen 23.15 Uhr schon im Bett, als er durch die geöffnete Balkontür „plötzlich entsetzliche, schmerzvolle Schreie“ hörte. „Hilfe, Hilfe, Nachbarn, helft mir“, schrie ein Mann auf der Straße, „die haben mich abgestochen.“ Es handelte sich um den Obst- und Gemüsehändler Yildirim Y., verheiratet, Vater zweier kleiner Kinder. Der 34-Jährige verstarb am Tatort.

Wegen Totschlags stehen nun zwei junge Männer vor einem Moabiter Schwurgericht. Beide gaben zu, am 14. Januar 2011 mit Yildirim Y. in Streit geraten zu sein. Strittig ist jedoch, wer ihn tötete.

Der 23-jährige Anthony W. gab am Montag zu Protokoll, dass er und sein Kumpel Marvin K. an jenem Tag an der Goldammerstraße in der Gropiusstadt im Berliner Bezirk Neukölln einen Bekannten besuchen wollten. Sie waren angetrunken. Der Bekannte war offenbar nicht zu Hause, öffnete jedenfalls nicht die Tür. Als sie umkehrten, stieß der 24-jährige Marvin mit dem entgegenkommenden Yildirim Y. zusammen. Worauf Marvin K. den untersetzten Gemüsehändler als „Missgeburt“ beschimpfte. Es folgte ein wütender Wortwechsel und eine Schubserei zwischen Marvin K. und Yildirim Y. Er habe daraufhin versucht, sich zwischen die beiden zu stellen und mit Worten wie „he, lasst das doch sein“ beschwichtigend eingegriffen, behauptete Anthony. Allerdings vergeblich.

Der erboste Yildirim Y. habe ihn mit einem Faustschlag zu Boden geschlagen. Von dort aus habe er gesehen, wie auch Marvin K. umgestoßen wurden. „Da sind bei mir die Sicherungen durchgebrannt“, sagte Anthony W. Er sei aufgesprungen, habe sein Messer gezogen und auf Yildirim Y. „drei oder vier Mal eingestochen“. Anschließend sei er weggerannt, habe aber noch gesehen, dass Marvin K. mit Yildirim Y. weiter rangelte. Ob der Kumpel dabei ebenfalls mit einem Messer hantierte, habe er nicht sehen können. Aber es müsse ja wohl so sein.

Ein Gerichtsmediziner, das wissen die Angeklagten, zählte später elf Stiche, die Yildirim Y. in Oberkörper und in den Armen versetzt worden waren. Marvin K. bestreitet jedoch, gestochen zu haben. Er besitze gar kein Messer, beteuerte er vor Gericht. Yildirim Y. habe ihn an dem Abend bei der Rangelei umgestoßen. Als er aufstand, habe ihm sein Freund Anthony W. schon zugerufen, dass er abhauen solle. Er sei dann auch wirklich losgerannt. Wenig später sei er von Anthony W. überholt worden. Dabei habe der Freund mehrfach gerufen: „Was habe ich getan... ?“ Und das Messer habe Anthony W. auch beim Rennen noch in der Hand gehalten.

Auch für seine Fingerabdrücke an einem Messerscheide, die am Tatort gefunden wurde, hat Marvin K. eine Erklärung: Er habe sie Stunden vor der Tat in Anthony W.s Wohnung in der Hand gehabt, als er sich das Messer anschauen wollte.

Folgt das Gericht dieser Aussage, dann kann nur Anthony W. wegen Totschlags verurteilt werden. Für Marvin K. käme höchstens eine Bestrafung wegen Beleidigung infrage. Doch es gibt ja die Aussage des Krankenpflegers Detlef C., der genau gehört haben will, dass der sterbende Yildirim Y. rief: „Die haben mich abgestochen.“ Ein Nebenklagevertreter erkundigt sich vorsorglich, ob er das wirklich so genau von seinem im siebten Stock gelegenen Balkon gehört habe. Detlef C. bestätigt das: Seine Wohnung sei wegen des Schalls so ungünstig gelegen, dass er „auf der Straße nachts sogar ein Flüstern hören“ könne.

Der Prozess wird fortgesetzt.