Die Mutter Steuerberater, der Vater Sportlehrer. Ein schickes Haus in der Neubausiedlung von Kleinmachnow (Potsdam-Mittelmark), zwei Autos vor der Tür. Doch am 10. Februar 2011 wird die Idylle jäh zerstört: Ein Mann entführt die vierjährige Tochter der Familie K. Im Prozess gegen den mutmaßlichen Täter Carsten W. schilderten die Eltern am Mittwoch vor dem Landgericht Potsdam, welche angstvollen Stunden sie erlebt haben während der mehr als 13 Stunden dauernden Entführung ihrer Tochter Karolina. „Ich hatte Angst, mein Kind nie wieder zu sehen“, sagte die Mutter.

Angeklagt ist der 45 Jahre alter Geschäftsmann Carsten W. aus Berlin, der die Tat gestanden hat. Ihm drohen mindestens fünf Jahre Haft wegen erpresserischen Menschenraubes und schwerer räuberischer Erpressung. Im Prozess zeigte er am Mittwoch tiefe Reue und bat die Eltern um Entschuldigung.

Der Unternehmer, selbst Vater von drei Kindern, hatte das Mädchen erst nach der Zahlung von 60 000 Euro Lösegeld, das die Familie selbst aufbrachte, wieder frei gelassen. Er wurde gleich nach der Tat festgenommen und sitzt seitdem in Untersuchungshaft. Als Motiv nannte der Angeklagte Schulden.

„Ich habe das Anfangs für einen Scherz gehalten“, berichtete die Mutter von dem Beginn des Entführungsdramas. Die zierliche 42-Jährige wollte ihr Kind zur Kita bringen, als plötzlich ein maskierter Mann vor ihr stand, sie mit einer Sichel bedrohte – und ihre Tochter schnappte. Nach anfänglicher Panik habe sie im Verlauf des Tages etwas Zuversicht geschöpft, sagte die Steuerberaterin. Die Minuten nach der Geldübergabe seien jedoch sehr schwer gewesen: „Ich habe mir X-mal vorgestellt, wie ich mein Kind in den Arm nehme. Gleichzeitig wurde ich unruhiger und verzweifelter je mehr Minuten vergingen.“

Wie ihre Tochter Karolina die Entführung verkraftet hat, ist nach Angaben der Eltern noch schwer zu beurteilen. Das Kind spreche wenig von der Tat. „Sie war Anfangs ziemlich verstört“, schilderte der Vater (52). „Es gibt Situationen, wo sie sehr heftig reagiert.“ Anfangs sei sie aggressiv gewesen, manchmal fange sie unvermittelt an zu schreien. Den Entführer nenne sie nur „er“. Die Mutter berichtete, dass eine vor der Tat abgeklungene Neurodermitis wieder stark ausgebrochen ist. Die Familie steht in Kontakt zu einem Kinderpsychologen, auch die Mutter hat entsprechende Hilfe in Anspruch genommen.

Irritiert zeigte sich der Vorsitzende Richter Andreas Dielitz über das Verhalten der Polizei am Tattag. Eine Nachbarin der Familie hatte die Entführung beobachtet und sofort den Notruf gewählt. Das Gespräch dauerte laut Protokoll 13 Minuten und 56 Sekunden bis ein Einsatz ausgelöst wurde. Mehrfach wiederholte der Beamte auf Berlinerisch Angaben der Frau, brummelte „Mmh“ oder „Aha“. „Verzweifelt man da nicht am Telefon?“, fragte der Richter die 41-Jährige. Dieser ist jedoch vor allem die Verzweiflung der Mutter in Erinnerung geblieben: „Sie schrie immer wieder: Mein Kind, mein Kind!“ Nach dem Ende des Telefonats sei die Polizei dann sehr schnell vor Ort gewesen.

Staatsanwalt Jörg Möbius stellte klar, dass der Beamte parallel nach 1:46 Minuten Maßnahmen eingeleitet habe.

Der Angeklagte, dem der Berliner Psychiater Jens Köhler narzistische Züge bescheinigte, entschuldigte sich nach der Zeugenvernehmung bei den Eltern: „Es tut mir unendlich leid. Ich bereue das sehr, dass ich das getan habe.“ Während die Mutter dazu schwieg, sagte der Vater: „Dafür gibt es keine Entschuldigung.“

Welche Auswirkungen die Tat auf die Kinder des Angeklagten hat, ließ die Aussage seiner Ex-Frau erahnen, mit der er ein gutes Verhältnis hat. Sie sei von der Tat geschockt gewesen – aber sie passe ins Schema. „Er hat versucht, dass alles allein zu stemmen“, sagte die 36-Jährige zu den finanziellen Problemen. Auf die Frage von Richter Dielitz, ob die Kinder wüssten, wo der Vater ist, sagte sie mit belegter Stimme: „Ja sie wissen alle Details.“

Für den zweiten Prozesstag waren noch die Ex-Frau des Angeklagten sowie Polizeibeamte als Zeugen geladen. Das Urteil des Landgerichts Potsdam wird für den 5. August 2011 erwartet.

dpa/sei