U-Bahnschläger

Manipulationsvorwürfe im Fall Torben P.

Im April schockierte eine brutaler Angriff im U-Bahnhof Friedrichstraße ganz Berlin. Doch damals unveröffentlichtes Videomaterial zeigt, wie es zu dem Gewalt-Exzess kam. Die Vereinigung Berliner Strafverteidiger ist empört.

Der Videoausschnitt, der die brutale Attacke eines 18-Jährigen an Ostern im Berliner U-Bahnhof Friedrichstraße zeigte, schockierte im April die Öffentlichkeit. Nun bringen Strafverteidiger politischen Zündstoff in den Fall: Sie werfen der Staatsanwaltschaft vor, bei der Auswahl eines für die Fahndung nach dem Schläger eingesetzten Filmausschnitts bewusst Szenen zurückgehalten zu haben, die den Fall in einem anderen Licht erscheinen lassen könnten.

„Diese Vorgehensweise ist geeignet, den Verdacht manipulativen Verhaltens hin zu einer Emotionalisierung der Gewaltdebatte zu wecken“, hieß es in einer am Dienstag verbreiteten Erklärung der Vereinigung Berliner Strafverteidiger.

Der Beschuldigte Torben P. muss sich Ende August vor dem Berliner Landgericht verantworten. Er hatte ein Geständnis abgelegt. Die Anklage lautet auf versuchten Totschlag und schwere Körperverletzung. In dem bisher bekannten Videoausschnitt war zu erkennen, wie der betrunkene Schüler sein 29 Jahre altes Opfer Markus P. provozierte und angriff. Als sein Gegenüber schon auf dem Boden lag, sprang er ihm mehrfach auf den Kopf. Das Opfer kam mit schweren Verletzungen ins Krankenhaus.

Video zeigt Vorgeschichte

Aus erst kürzlich veröffentlichten anderen Szenen des Videomitschnitts einer Überwachungskamera geht nun aber auch die Vorgeschichte hervor. Diese Bilder zeigen, wie das ebenfalls stark alkoholisierte spätere Opfer den Schüler attackiert, bevor dieser auf ihn losgeht. Diese Szenen hatte die RBB-“Abendschau“ am Sonntagabend ausgestrahlt, der Justiz sollen sie von Anfang an bekanntgewesen sein. „Der spätere Geschädigte war nicht unbeteiligt, er fängt an, die Auseinandersetzung körperlich werden zu lassen“, bewertete der Verteidiger von Torben P., Thorsten Bieber, gegenüber der „Abendschau“ die Bilder.

Nach Darstellung der Staatsanwaltschaft wurde die Gewaltszene für die Fahndung nach dem 18-Jährigen ausgewählt, um schnell Hinweise aus der Bevölkerung zu erhalten. Bieber äußerte hingegen den Eindruck, es sei „gerade mit dieser Veröffentlichung Politik gemacht worden, um zu sagen: Unsere U-Bahnen sind nicht sicher, wir brauchen mehr Polizei, mehr Ordnungskräfte.“

Simone Herbeth, die Sprecherin der Staatsanwaltschaft, wies die Kritik zurück. Man habe in einer Eilsituation schnell darüber entscheiden müssen, welche Bilder am besten für eine Wiedererkennung des Täters geeignet seien, sagte die Sprecherin. Sie verwies am Dienstag darauf, für die Veröffentlichung sei zuvor ein richterlicher Beschluss eingeholt worden, und trat damit weiteren, ebenfalls geäußerten Zweifeln am rechtmäßigen Vorgehen der Ermittler entgegen.

Der Vorwurf, die Staatsanwaltschaft könnte Stimmungsmache betrieben haben, ist etwas völlig Neues im Fall TorbenP. Bislang war der Behörde ein eher zu „lasches“ Vorgehen unterstellt worden. Vor allem wurde von mehreren Seiten wiederholt kritisiert, dass die Staatsanwaltschaft den Schüler „nur“ wegen versuchten Totschlags und nicht wegen versuchten Mordes angeklagt hat. Auch der Verzicht auf einen Haftbefehl gegen den 18-Jährigen hatte in der Öffentlichkeit heftigen Unmut erregt. Am vergangenen Sonntag wurden Bilder aus der Überwachungskamera veröffentlicht, die zeigen, dass sich die Tat aus einer Auseinandersetzung entwickelte, an der auch das spätere Opfer aktiv beteiligt war. Daraufhin hieß es plötzlich von mehreren Seiten, diese Fotos würden „ein anderes Licht“ auf den Fall werfen. „An der staatsanwaltschaftlichen Bewertung des Sachverhalts und am Tatvorwurf ändert das absolut nichts“, bekräftigte hingegen Justizsprecherin Herbeth.