Als Georg Maximilian Sterzinsky am 9. September 1989 zum Bischof geweiht wird, ist das Bistum Berlin noch geteilt. Zwei Monate später fällt die Mauer. Der neue Oberhirte, 1936 im ostpreußischen Warlack geboren, steht vor der schwierigsten Aufgabe seines Lebens: Er muss die Katholiken seiner Diözese durch die Zeit der friedlichen Revolution in der DDR und der staatlichen Vereinigung begleiten. Der evangelische Bischof Wolfgang Huber wird später sagen, es sei Sterzinsky in „außerordentlicher Weise“ gelungen, Menschen mit unterschiedlichen Biografien zusammenzuführen und Hoffnung zu stiften.
Das Berliner Bistum war und ist in allem ein Sonderfall im deutschen Katholizismus: Doppelte Kirchenstrukturen als Folge der Jahrzehnte langen Spaltung erschwerten das schnelle Zusammenwachsen, finanziell läuft manches aus dem Ruder. Nur dank der Solidarität anderer Bistümer, sie geben eine Geldspritze in Höhe von 30 Millionen Euro, kommt 2003 die Sanierung in Gang. Kirchengebäude müssen aufgegeben, Pfarrgemeinden zusammengelegt werden. Konflikte sind programmiert. Das Netz der Seelsorge bekommt Risse. Machtworte werden fällig.
Gesuch an den Papst
Vorübergehend denkt Sterzinsky, inzwischen zum Erzbischof erhoben und ins Kardinalskollegium berufen, an Rücktritt. Er bleibt, will sich nicht aus der Verantwortung schleichen. Monate vor seinem 75. Geburtstag am 9. Februar 2011 entschließt er sich dann doch, den Papst um Entpflichtung von seinem Amt zu bitten; der Kardinal ist zu dieser Zeit schon ein schwer kranker Mann. Am 24. Februar entschied sich Papst Benedikt XVI. nach langem Zögern doch, diesem Wunsch nachzugeben.
Erfahrungen in der thüringischen Diaspora, wohin es seine große Familie nach der Vertreibung verschlagen hatte, haben Sterzinsky geprägt. Sein Theologiestudium absolviert er in Erfurt. Mit 24 Jahren empfängt er die Priesterweihe, es folgen Stationen als Kaplan und Pfarrer, 1981 übernimmt er im damaligen Bischöflichen Amt Erfurt-Meiningen die Funktion des Generalvikars. Im Juni 1989 beruft ihn Papst Johannes Paul II. zum Bischof von Berlin – als Nachfolger des nach Köln gewechselten Kardinals Joachim Meisner.
Geweiht wird er am 9. September in der St. Hedwigs-Kathedrale, seinen ersten Gottesdienst im Westteil der Stadt zelebriert er am darauffolgenden Tag in der St. Matthias-Kirche in Schöneberg. Eine Demonstration der Einheit des geteilten Bistums. Im Frühjahr 1990, die staatliche Vereinigung ist noch nicht vollzogen, kann er Gläubige aus West und Ost zum großen Katholikentag in Berlin begrüßen. Ein Jahre später wird Sterzinsky Kardinal, seit 1994 ist er der erste Erzbischof des 1930 gegründeten Hauptstadtbistums. Den Besuch von Papst Johannes Paul II., des Pontifex aus Polen, im Juni 1996 nennt er sein schönstes Erlebnis.
Als Bischof in der Hauptstadt ist er auch der geistliche Vater der in Berlin lebenden Polen. Er hat exzellente Verbindungen zum Episkopat des Nachbarlandes. „Versöhnung“ gehört zu seinem Programm, er handelt auch hier nach seinem Wahlspruch „Deus semper maior“ (Gott ist immer größer). Aufsehen erregt der Kardinal mit seiner Weigerung, der Stiftung Zentrum gegen Vertreibungen die St. Michael-Kirche für eine Ausstellung zur Verfügung zu stellen. Es müsse erst zu einem Konsens über den Charakter dieses Projekts kommen, sagt er.
Kirchenmann mit Ecken und Kanten
Die Brisanz der Missbrauchsaffäre am Canisius-Kolleg, die die Kirche 2010 viel Vertrauen kostet, erkennt Sterzinsky sofort, er stärkt dem Aufklärer Klaus Mertes den Rücken. Schon 2009 ist er bei traditionalistischen Katholiken angeeckt. Sie nehmen ihm übel, dass er in der Auseinandersetzung um die Pius-Brüder Verständnis für Kritik an Rom zeigt. Als „Judas von Berlin“ wird er geschmäht. Als „Familienbischof“ der Deutschen Bischofskonferenz warnt er vor einer Aushöhlung der ethischen Grundlagen von Ehe und Familie: „Ehe, Elternschaft und Familie gehören unauflösbar zusammen.“ Dennoch verfällt er nicht in Pessimismus. „Man kann davon ausgehen, dass die klassische Familie sich im 21. Jahrhundert nicht erledigen, sondern ihre Bedeutung als ‚Leitbild' beibehalten wird.“
Er zitiert Albert Camus: „Wer die Wahrheit liebt, muss die Liebe in der Ehe suchen; das heißt: die Liebe ohne Illusion.“ Und im Streit um den Ausbau der Kinderkrippen stellt er sich 2007 hinter die damalige Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen; andere katholische Würdenträger polemisieren damals heftig gegen die CDU-Politikerin. Sterzinsky arbeitet in der Migrationskommission des Episkopats mit, wird in den Päpstlichen Migrantenrat berufen und nimmt sich der Asylanten und der „Illegalen“ an. Als Thilo Sarrazins Buch „Deutschland schafft sich ab“ erscheint, gehört er zu den Kritikern des Ex-Bundesbankvorstands: Sarrazin mache Zuwanderer zu „Sündenböcken“.
Fast 21 Jahre ist der „gelernte“ Berliner aus dem ostpreußischen Warlack im Kreis Heilsberg ein Kirchenmann mit Ecken und Kanten, die respektierte Stimme des Katholizismus im weitgehend säkularisierten Berlin. Sterzinsky plädiert für eine „einladende Kirche“, macht sich gegen alle Widerstände für schulischen Religionsunterricht stark, Seite an Seite mit evangelischen Christen. Ökumene ist dem in der Diaspora Aufgewachsenen eine Selbstverständlichkeit. Davon zeugt auch sein Auftreten beim ersten ökumenischen Kirchentag 2003 in Berlin.
Der Kardinal war lange Zeit schon krank, mehreren Operationen musste er sich unterziehen. Die Berliner trauerten am Donnerstag um den großen Kirchenmann, der 75 Jahre geworden ist. Vertreter aus Kirchen und Politik reagierten betroffen auf die Nachricht von dessen Tod und würdigten die Arbeit des langjährigen Berliner Katholiken-Oberhauptes und sein gesellschaftspolitisches Engagement für Menschen am Rande der Gesellschaft. Der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) sprach von einem „herausragenden Vertreter der katholischen Kirche“ in der Stadt.
Sterzinsky habe „mit seiner ganzen Individualität“ für „verlässliche Zusammenarbeit und für ein gutes Verhältnis der verschiedenen Kirchen und Religionsgemeinschaften“ gestanden. Brandenburgs Ministerpräsident Matthias Platzeck (SPD) würdigte seine Verdienste um die Neuordnung der katholischen Kirche in Ostdeutschland.
Die Totenmesse wird am 9. Juli 2011 um 15 Uhr in der St. Hedwigs-Kathedrale abgehalten. Nach dem Requiem soll der frühere Erzbischof in der Unterkirche der Kathedrale beigesetzt werden.





