Als Georg Maximilian Sterzinsky am 9. September zum Bischof geweiht wird, ist das Bistum Berlin noch geteilt. Zwei Monate später fällt die Mauer. Der neue Oberhirte, 1936 im ostpreußischen Warlack geboren, steht vor der schwierigsten Aufgabe seines Lebens: Er muss die Katholiken seiner Diözese durch die Zeit der friedlichen Revolution in der DDR und der staatlichen Vereinigung begleiten.

Der evangelische Berliner Bischof Wolfgang Huber wird später sagen, es sei Sterzinsky in „außerordentlicher Weise“ gelungen, Menschen mit unterschiedlichen Biografien zusammenzuführen und Hoffnung zu stiften.

Das Berliner Bistum war und ist in allem ein Sonderfall im deutschen Katholizismus: Doppelte Kirchenstrukturen als Folge der Jahrzehnte langen Spaltung erschwerten das schnelle Zusammenwachsen, finanziell läuft manches aus dem Ruder. Nur dank der Solidarität anderer Bistümer, sie geben eine Geldspritze in Höhe von 30 Millionen Euro, kommt 2003 die Sanierung in Gang. Kirchengebäude müssen aufgegeben, Pfarrgemeinden zusammengelegt werden. Konflikte sind programmiert. Das Netz der Seelsorge bekommt Risse. Machtworte werden fällig.

Vorübergehend denkt Sterzinsky, inzwischen zum Erzbischof erhoben und ins Kardinalskollegium berufen, an Rücktritt. Er bleibt, will sich nicht aus der Verantwortung schleichen. Monate vor seinem 75. Geburtstag, am 9. Februar 2011, entschließt er sich dann doch, den Papst um Entpflichtung von seinem Amt zu bitten; der Kardinal ist zu dieser Zeit schon ein schwerkranker Mann. Am 24. Februar 2011 entschied sich der Papst nach langem Zögern doch, diesem Wunsch nachzugeben.

Seitdem leitet Weihbischof Matthias Heinrich (56) das Erzbistum Berlin bis zum Amtsantritt eines neuen Erzbischofs. Möglicherweise soll bereits in Kürze eine Entscheidung folgen.

Erfahrungen in der thüringischen Diaspora, wohin es seine große Familie nach der Vertreibung verschlagen hatte, haben Sterzinsky geprägt. Sein Theologiestudium absolviert er in Erfurt. Mit 24 Jahren empfängt er die Priesterweihe, es folgen Stationen als Kaplan und Pfarrer, 1981 übernimmt er im damaligen Bischöflichen Amt Erfurt-Meiningen die Funktion des Generalvikars.

Im Juni 1989 beruft ihn Papst Johannes Paul II. zum Bischof von Berlin - als Nachfolger des nach Köln gewechselten Kardinals Joachim Meisner. Geweiht wird er am 9. September 1989 in der St. Hedwigs-Kathedrale auf dem Bebelplatz in Mitte, seinen ersten Gottesdienst im Westteil der Stadt zelebriert er am darauffolgenden Tag in der St. Matthiaskirche in Schöneberg. Eine Demonstration der Einheit des geteilten Bistums.

Im Frühjahr 1990, die staatliche Vereinigung ist noch nicht vollzogen, kann er Gläubige aus West und Ost zum großen Katholikentag in Berlin begrüßen. Ein Jahre später wird Sterzinsky Kardinal, seit 1994 ist er der erste Erzbischof des 1930 gegründeten Hauptstadtbistums.

Den Besuch von Papst Johannes Paul II., des Pontifex aus Polen, im Juni 1996 nennt er sein schönstes Erlebnis. Als Bischof in der Hauptstadt ist er auch der geistliche Vater der in Berlin lebenden Polen. Er hat exzellente Verbindungen zum Episkopat des Nachbarlandes. „Versöhnung“ gehört zu seinem Programm, er handelt auch hier nach seinem Wahlspruch „Deus semper maior“ (Gott ist immer größer).

Aufsehen erregt der Kardinal mit seiner Weigerung, der Stiftung Zentrum gegen Vertreibungen die St. Michael-Kirche für eine Ausstellung zur Verfügung zu stellen. Es müsse erst zu einem Konsens über den Charakter dieses Projekts kommen, argumentiert er.

Die Brisanz der Missbrauchsaffäre am Canisius-Kolleg, die die Kirche 2010 viel Vertrauen kostet, erkennt Sterzinsky sofort, er stärkt dem Aufklärer Klaus Mertes den Rücken. Bereits 2009 war er bei traditionalistischen Katholiken angeeckt. Sie nahmen ihm übel, dass er in der Auseinandersetzung um die Pius-Brüder Verständnis für Kritik an Rom zeigte. Als „Judas von Berlin“ wurde er geschmäht.

Als „Familienbischof“ der Deutschen Bischofskonferenz warnt er vor einer Aushöhlung der ethischen Grundlagen von Ehe und Familie: „Ehe, Elternschaft und Familie gehören unauflösbar zusammen.“ Dennoch verfiel er nicht in Pessimismus. „Man kann davon ausgehen, dass die klassische Familie sich im 21. Jahrhundert nicht erledigen, sondern ihre Bedeutung als ‚Leitbild’ beibehalten wird.“ Er zitierte Albert Camus: „Wer die Wahrheit liebt, muss die Liebe in der Ehe suchen; das heißt: die Liebe ohne Illusion.“ Und im Streit um den Ausbau der Kinderkrippen stellte er sich 2007 hinter die damalige Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen; andere katholische Würdenträger haben damals heftig gegen die CDU-Politikerin polemisiert.

Sterzinsky arbeitet in der Migrationskommission des Episkopats mit, wird in den Päpstlichen Migrantenrat berufen und nimmt sich der Asylanten und den „Illegalen“ an. Als Thilo Sarrazins Buch „Deutschland schafft sich ab“ erscheint, gehört er zu den Kritikern des Ex-Bundesbankvorstands: Sarrazin mache Zuwanderer zu „Sündenböcken“.

Fast 21 Jahre war der „gelernte“ Berliner aus dem ostpreußischen Warlack im Kreis Heilsberg, ein Kirchenmann mit Ecken und Kanten, die respektierte Stimme des Katholizismus im weitgehend säkularisierten Berlin. Sterzinsky plädierte für eine „einladende Kirche“, machte sich gegen alle Widerstände für schulischen Religionsunterricht stark, Seite an Seite mit evangelischen Christen. Ökumene war dem in der Diaspora Aufgewachsenen eine Selbstverständlichkeit. Davon zeugte auch sein Auftreten beim 1. Ökumenischen Kirchentag 2003 in der Bundeshauptstadt.

Nach langem Leiden ist Georg Kardinal Sterzinsky nach mehreren Operationen am frühen Donnerstagmorgen im Alter von 75 Jahren gestorben.

In der St. Hedwigs-Kathedrale liegt ein Kondolenzbuch aus. Zu den Öffnungszeiten der Kirche zwischen 10 und 18 Uhr besteht die Möglichkeit, sich darin einzutragen.