64 Feuer und keine Spur. Bei dem Versuch, die seit Monaten anhaltende Brandserie in Hellersdorf aufzuklären, hat die Polizei nach wie vor keine Hinweise auf den oder Täter. Diese aber zündeln unterdessen weiter. In der Nacht zum Dienstag brannte es erneut viermal im Süden des Stadtteils. Diesmal gingen auf dem Gelände einer Grundschule an der Nossener Straße Abfallcontainer in Flammen auf. Die Feuerwehr konnte gerade noch ein Übergreifen der Flammen verhindern.

Gegen 22.40 Uhr entdeckten Anwohner zwei brennende Container vor dem Schulgebäude und alarmierten die Feuerwehr. Während die Löscharbeiten noch in vollem Gange waren, spürten Feuerwehrleute bei ihren Sicherungsmaßnahmen zwei weitere Brände auf der Rückseite des Gebäudes auf. Alle vier Feuer konnten gelöscht werden, ohne dass Menschen verletzt wurden.

Mehrere Anwohner berichteten der Polizei nach dem Brand von zwei Männern, die auf einem Moped mit hoher Geschwindigkeit den Tatort verlassen hätten und in Richtung Riesaer Straße geflüchtet seien. Noch wissen die Ermittler des zuständigen Brandkommissariats im Landeskriminalamt (LKA) nicht, ob die inzwischen mehr als 60 Brände vom einem oder mehreren Tätern gelegt wurden. Die Aussagen der Zeugen könnten auf Letzteres hindeuten, hieß es gestern aus Ermittlerkreisen. „Genauso denkbar ist aber auch, dass es sich bei den Männern auf dem Moped um Trittbrettfahrer gehandelt hat, die mit den zuvor gelegten Bränden nichts zu tun haben“, sagte ein Beamter.

Das Rätselraten über die Täter geht damit unvermindert weiter. Fortschritte bei den Ermittlungen erhoffen sich die Beamten des Brandkommissariats jetzt von der Auswertung von DNA-Spuren, die an allen bisherigen Brandorten gesichert wurden. Mögliche Übereinstimmungen könnten erstmals eine Antwort auf die Frage geben, ob alle Feuer von dem- oder denselben Tätern gelegt wurden. Insgeheim hoffen die Ermittler, dass die gesicherten Spuren mit Daten bereits aus der Täterkartei des LKA übereinstimmen. In dem Fall hätte man einen Volltreffer gelandet, hieß es gestern. Mit der Auswertung der zahlreichen Spuren ist die Kriminaltechnik des LKA befasst, wie lange die Untersuchungen der vielen bislang gesicherten Spuren dauern, ist noch unklar.

Unterdessen beobachtet Michael Purper, Berliner Landesvorsitzender der Gewerkschaft der Polizei (GdP), mit Sorge Bemühungen der betroffenen Bewohner, sich selbst vor den nicht enden wollenden Brandanschlägen zu schützen. In den vergangenen Tagen hatten Bewohner des Kiezes mehrfach von der Gründung einer Bürgerwehr gesprochen. Der GdP-Landeschef hält das für eine „hochgefährliche Entwicklung“, auch wenn er für die Sorgen und Ängste der Anwohner Verständnis habe.

Debatte über Bürgerwehr

Der GdP-Landesvorsitzende Purper bezweifelt, dass die Polizei den notwendigen Überwachungsdruck aufbauen könne, um weitere Brandanschläge zu verhindern. Die Polizei sei dazu angesichts ihrer Personalsituation vor allem in den Nachtstunden gar nicht in der Lage. „Dass der Staat in der Vergangenheit 4000 Polizisten eingespart hat, konnte nicht ohne Folgen bleiben“, sagte Purper gestern. Ein Polizeisprecher hielt dem entgegen, die Behörde sei durchaus in der Lage, die notwendigen Kräfte für eine Aufklärung der Brandserie und den Schutz der Hellersdorfer aufzubieten. Allerdings, so hieß es im Landeskriminalamt, gleiche die Tätersuche in einem so großen Gebiet wie dem jetzt Betroffenen in Hellersdorf mitunter der sprichwörtlichen Suche nach der Nadel im Heuhaufen.

In dem betroffenen Gebiet brennt es nahezu jede Nacht. Mal stehen Kellerverschläge, mal Müllcontainer, mal in Hausfluren abgestellte Kinderwagen in Flammen. Die Brandserie begann im März dieses Jahres, in den vergangenen Wochen wurden die Abstände zwischen den einzelnen Bränden immer kürzer. Die Bewohner sind zunehmend verunsichert, inzwischen macht sich auch Angst breit. Viele von ihnen, insbesondere Familien mit kleinen Kindern, spielen mittlerweile mit dem Gedanken, wegzuziehen. Andere erwägen offenbar, sich zusammenzuschließen, um nachts auf den Straßen zu patrouillieren und selbst auf die Jagd nach den Tätern zu gehen

Hans H. Nibbrig