Schauspieler

Jacob Matschenz hat "so einen komischen Komplex"

Eine klassische Ausbildung zum Schauspieler hat der 26-Jährige nie absolviert. Deshalb hat er sich lange nicht als solcher bezeichnet. Seit es aber besser für ihn läuft, überwindet er langsam diesen Komplex.

Foto: Christian Kielmann

Wir hätten ihn fast nicht erkannt. Wären wir nicht fest verabredet, an einem Ort, an dem sich früh am Morgen keiner aufhält, wir wären an ihm vorbeigelaufen. Das Gesicht ist unter langem, struppigem Haar, einem Sechstagebart und einer riesigen Brille verborgen: der ideale Schutzschild. Dabei ist Jacob Matschenz eines der gefeiertsten deutschen Nachwuchsgesichter, das, gerade mal 26 Lenze jung, schon auf 41 Film- und Fernsehproduktionen zurückblicken kann.

Zuletzt war er in "Renn, wenn du kannst" zu sehen. Am Donnerstag kommt nun "Bis aufs Blut - Brüder auf Bewährung" ins Kino, der gerade bei den First Steps Awards als Bester Film ausgezeichnet wurde. Im einen spielt Matschenz einen sympathischen, netten Zivildienstleistenden, der einen verbitterten Behinderten betreuen muss; im anderen gibt er einen Jugendlichen, der nach einem Gefängnisaufenthalt dagegen ankämpfen will, wieder auf die schiefe Bahn zu kommen, was aber schnell misslingt. Zwei Rollen, die unterschiedlicher nicht sein können. Von denen man kaum glauben mag, dass sie derselbe Darsteller absolviert.

Ein Lieblingsort: der Streichelzoo

Wären da nicht das markante Gesicht und die raspelkurzen Haare. Aber selbst die sind jetzt verschwunden. "Die Vorstadtkrokodile" sind schuld. Und seine Faulheit. Gerade hat er den dritten Teil der "Krokodile" abgedreht und musste da, als Ex-Knasti, lange Haare tragen. Den Bart hat er sich einfach mal nicht geschoren. Beides aber muss noch heute ab, für die nächste Produktion: Christian Petzolds "Dreileben - Etwas Besseres als den Tod".

Wir treffen uns in Pankow. Denn Matschenz ist Überzeugungs-Pankower. Hier ist er geboren, und nachdem er eine Zeit lang da gelebt hat, wo man derzeit als angesagter Schauspieler leben muss, in Mitte also, zog er vor zwei Jahren wieder hierher: "Das ist alteingesessen", schwärmt er, "und eben nicht so schickimicki." Er ist überpünktlich, wartet schon, mit Rennrad, am Eingangsportal des Bürgerparks. Zusammen spazieren wir durch das Grün, dessen Idylle allerdings immer wieder durch den ohrenbetäubenden Lärm von Flugzeugen im Landeanflug auf Tegel gestört wird. Wir steuern, jawohl, den Streichelzoo an: Kinderbauernhof Pinke-Panke! Streichelzoo geht ja eigentlich gar nicht, seit Helmut Kohl und seine Hannelore sich einst in den Kanzlerferien stets beim Kraulen von Haus- und Nutztieren ablichten ließen. Da hat Jacob Matschenz aber gar keine Berührungsängste. Und wirklich: Man kennt ihn hier, lässt uns sogar schon vorzeitig rein. Und so setzen wir uns zwischen kreischende Kinder, die am Nebentisch auf Nägel klopfen.

Das passt ganz gut zu meiner Eingangsfrage. Für "Das Lächeln der Tiefseefische" wurde er 2005 beim Max-Ophüls-Festival als bester Nachwuchsdarsteller ausgezeichnet, gerade hat er für "Bis aufs Blut" auf dem Filmkunstfest Schwerin wieder einen solchen Preis erhalten, bei der Berlinale hält er den Rekord an Auftritten in der Nachwuchs-Sektion Perspektive Deutscher Film. Ist man es nicht allmählich leid, immer auf den Nachwuchs festgeklopft zu werden? Matschenz lacht laut auf, gibt sich dann aber ganz diplomatisch: "Das ist ja erst einmal eine Ehrung, darüber freut man sich ja immer. Und es bringt Aufmerksamkeit, gerade auch für Studentenfilme und kleinere Projekte, die sonst nicht so wahrgenommen werden." Er will sich über Preise also nicht beschweren. "Und wenn da 'Nachwuchs' drauf steht: Warum nicht? Ich bin ja erst 26. Wenn ich das mit 40 immer noch kriege, würde ich mir allerdings schon Gedanken machen."

"Ich habe halt das Fressenglück"

Mehr als das Präfix "Nachwuchs-" interessiert ihn die andere Bezeichnung: "Schauspieler". Er leidet da nämlich an "so einem komischen Komplex", gibt er zu. "Ich habe keine Ausbildung, deshalb habe ich mich lange nicht so bezeichnet." Mittlerweile ist er da ein bisschen drüber weg, es "läuft ja auch ganz gut", stapelt er tief. "Und auf den Preisen steht das halt auch drauf, also nehme ich mir die Freiheit zu sagen: Ja, ich bin Schauspieler. Und nicht nur Gesichtsvermieter."

Fürwahr: Mit "Kleine Kreise" gab er vor neun Jahren sein Debüt, mit den "Tiefseefischen" gelang ihm 2005 der Durchbruch. Seither war er in Filmen wie "Die Welle", "Rose", "Neandertal" und "12 Meter ohne Kopf" zu sehen. Scheinbar mühelos pendelt er zwischen Komödien und taffen Dramen, zerbrechlichen und gewaltbereiten Figuren. Wie er das macht? Auch da gibt sich Matschenz ganz bodenständig. Und jetzt kommt ein großes Wort: "Ich habe halt das sogenannte Fressenglück." Bart ab, und er geht noch immer als deutlich jünger durch. Kapuzenpulli drüber und finsterer Blick: Schon kann man vor ihm das Fürchten kriegen.

Es ist also nur die Visage - noch so eine Tiefstapelei - und der Kapuzenpulli; oder, wie das heute heißt: der Hoodie. Der ist sowieso so etwas wie sein Grundkostüm. Kaum ein Film ohne ihn. Ja, er trägt ihn auch privat gern, und Kostümbildnerinnen orientieren sich gern an so etwas. Kapuze hoch, und das sieht gleich gefährlich aus; wie eine Art Schutzschild. Braucht er so etwas auch privat, um nicht erkannt zu werden? "Nö, da habe ich nicht so das Problem." Unser Treffen am Tor ist der beste Beweis. "Aber sollte das mal ein Problem werden, wäre der Hoodie eine gute Wahl."

Das "Fressenglück" hat ihn bislang auch vor einer Berufskrankheit bewahrt: dem Hänger. Die Leere, wenn bei einem Film die letzte Klappe gefallen ist. Dann wissen viele Kollegen nicht, wie es weitergeht, hängen Monate lang in Löchern. Das ist Matschenz noch nicht passiert. Im Gegenteil: In den letzten Jahren hat er so viel gearbeitet, dass ich er sich auf einen Hänger sogar freuen würde. Wie viele Filme er schon gedreht hat, hat er nie nachgezählt. Als wir es ihm sagen, kann er es kaum glauben. "Das ist ja richtig inflationär, da muss ich mich ja langsam rar machen."

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