Denn nicht wenige Jungregisseure verarbeiten in ihren ersten Filmen eigene Erfahrungen, die sie just dort gemacht haben. Man denke nur an "Am Ende kommen Touristen", in dem Robert Thalheim seine Zivi-Zeit in der Gedenkstätte Auschwitz, oder "Kammerflimmern", in dem Hendrik Hölzemann seinen Dienst als Rettungshelfer verarbeitet hat. Auch "Renn, wenn du kannst" fällt in diese Kategorie: Regisseur Dietrich Brüggemann hat seinen Ersatzdienst in der Schwerstbehindertenbetreuung geleistet. Sein zweiter Film handelt nun von dem Zivi Christian (Jacob Matschenz), der den Problemfall seines Sozialwerks betreuen soll: Ben (Robert Gwisdek) sitzt seit sieben Jahren im Rollstuhl, hat sich von der Außenwelt abgeschottet und auch in seinen vier Wänden mit einem Panzer aus Zynismus versehen. Recht bald wird diese Zweier- indes zu einer Dreieckskonstellation, als Ben die Musikstudentin Annika (Anna Brüggemann) kennenlernt.
Sie landen erst zu dritt auf Bens Hollywoodschaukel, dann auch zu dritt in Bens Bett. Und wenn es erst so aussieht, als ob Anna sich zu dem Zivi hingezogen fühlt, entdeckt sie bald eine Wesensverwandtschaft zu Ben. Denn wie dieser hat sie sich mit einem Panzer umgeben, hinter der Verletzlichkeit und Ängste lauern. Und wie Ben muss sie diese überwinden, um zu sich selbst zu finden.
Das klingt nach Problemfilm und schwerer Kost; und wirklich leidet der Behindertenfilm (wenn wir den mal als ein Subgenre fassen dürfen) oft selbst an einer gewissen Behinderung, der nämlich, es stets allen recht zu machen und nie anzuecken. Dietrich und seine Schwester Anna Brüggemann, die gemeinsam das Drehbuch schrieben, pfeifen allerdings auf derartige Gutmenschenattitüde. Und so überzeugt ihr Film durch brillanten Wortwitz, aber auch durch eine virtuose Bildsprache, schöne visuelle Einfälle und hervorragende Darsteller. Mutiges, junges Kino, von dem man gern mehr sehen möchte.
Drama: Deutschland 2010, 116 Min., von Dietrich Brüggemann, mit Robert Gwisdek, Anna Brüggemann, Jacob Matschenz
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