Techno-Institution

Nach sieben Jahren schließt die Bar 25

Sie macht am Dienstag wirklich zu: die bunte Bar 25 an der Holzmarktstraße. Zum Abschied wird in der Mischung aus Kino, Theater, Spielplatz, Sportpark, Restaurant, Disco und Wagenburg noch einmal richtig gefeiert.

Foto: Michael Brunner

In diesem Jahr, mitten im Sommer, hat eine zweiköpfige Delegation aus Frankreich das Gelände hinter der Brettertür an der Holzmarktstraße, ganz in der Nähe der S-Bahn-Überführung, betreten. Die Frau trug ein rotes Kleid und Pagenschnitt, ihr Kollege einen Anzug, sein oberster Hemdknopf war offen, kein Schlips. Wie jeder Besucher der Bar25 bekamen auch die beiden einen Stempel auf die Innenseite des Unterarms. In Blau war dann auf ihrer Haut die Hausnummer zu lesen: 25. Dann schauten sie sich um auf dem Gelände, nickten immer wieder, machten sich Notizen: ein Zirkuszelt, ein Autoscooter-Wagen, ein Trampolin, eine Sauna, ein Swimmingpool, eine große Hütte komplett aus Sperrmüll gebaut, ein kleiner Beichtstuhl – und ein Elektro-Pferdchen, wie es sonst vor Supermärkten steht.

Die beiden waren vom Pariser Stadtparlament geschickt worden, um herauszufinden, wie man in Berlin so etwas gestaltet, einen Freiraum für Künstler auf 18.000 Quadratmeter, der gleichzeitig eine kommerzielle Bar ist. Ein Mischung aus Kino, Theater, Spielplatz, Sportpark, Restaurant, Disco und Wagenburg mit Wellnessbereich. In Paris gibt es so etwas nicht, gab es wohl nie, aber Frankreichs Hauptstadt hat gerade ein Gelände erworben, auf dem sie gern eine ähnlich kreative Gemeinschaft einziehen lassen will. Das Berliner Beispiel hingegen gibt es nur noch wenige Tage.

Kommende Woche ist das letzte Fest gefeiert, und das, was schon in den letzten Jahren immer noch einmal gerade abgewendet werden konnte, wird dann unausweichlich wahr: Die Bar25 wird endgültig geschlossen.

Korrekt von Rechts wegen

Die beiden Betreiber Juval Dieziger und Christoph Klenzendorf – nur zwei von insgesamt sieben „Entscheidern“ in der Bar25 – haben das inzwischen akzeptiert. „Definitiv vorbei“, sagt Klenzendorf und macht noch einmal eine Pause. „Diese Fläche, wie jetzt hier steht, wird es nächstes Jahr nicht mehr geben.“ Wenn er das sagt, kann man das noch nicht ganz glauben, zu fest sitzen die Nägel in den Balken, die diese Holzhütten sieben Jahre zusammengehalten haben. Nägel, die Klenzendorf und Dieziger selber eingeschlagen haben. Damals, als noch nicht klar war, wie lange man hier einmal durchhalten wird.

Angefangen haben sie mit ein paar umgedrehten Bierkästen und einer Musikbox– im Sommer 2004 haben sie das Gelände besetzt, eine Art der Ortsaneignung, wie sie in Berlin seit den Räumungen in 90er-Jahren nicht mehr üblich war. Sie wollten den Platz nutzen, dort wohnen, feiern, Freunde treffen. Irgendwann haben sie dann einen Vertrag mit dem Vermieter des Geländes, der Berliner Stadtreinigung (BSR), über eine Zwischennutzung geschlossen. Dann war es amtlich, dass sie hier sein dürfen – für die inzwischen größer gewordene Wohngemeinschaft an der Spree wieder ein Grund zum Feiern. In den letzten drei Jahren dann wurde dieser Vertrag immer knapp vor der Räumung noch einmal verlängert. Nur in diesem Jahr nicht mehr.

Das Gelände soll saniert werden, weil in der Erde in mehreren Metern Tiefe verseuchter Boden vermutet wird, der Einfluss auf das Trinkwasser Berlins haben könnte. Genau unter dem Restaurant und dem Zirkus, den Herzstücken der Bar25 liegt der kontaminierte Boden. Um dorthin zu gelangen, müssen also die Gebäude, die Schaukelpferdchen und all die anderen Dinge weichen. „Dass wir hier den Platz räumen müssen, damit haben wir uns abgefunden“, sagt Christoph Klenzendorf. „Aber wir hoffen trotzdem, irgendwie den Betrieb noch weiter aufrecht erhalten zu können.“ Zu wertvoll sind den Bar25-Betreibern die Kontakte, die sie geknüpft haben, die Freunde, die sie gewonnen haben. „Das hier ist ein wichtiger Treffpunkt für die Kreativen der Stadt.“

Eine letzte Möglichkeit bestünde darin, das Gelände im Westen zwischen Spree und S-Bahn-Brücke, die sogenannte „Bar24“, weiter als Zwischennutzung zu behalten. Erst in dieser Saison wurde das Gebiet vom Bar25-Team bespielt. Sie bauten ein Volleyballfeld, eine Skateboardbahn, ein kleines Schwimmbecken, eine Mehrstock-Hütte mit Spreeterrasse – sowie einen riesigen Sandkasten. Dort wurden während der Fußball-WM Spiele live auf der Leinwand geschaut und später Open-Air-Kinoabende veranstaltet. Erst vor einem Monat wurde gar ein kleiner neuer Club gegründet, der so neu ist, dass er einfach „New Club“ heißt.

Auch diesen Platz sollen die Betreiber jetzt räumen, sollen Nägel wieder herausziehen, die sie gerade ein eingeklopft hatten. Dabei ist dieses Gelände weder verseucht noch von der Sanierung betroffen. Aber offenbar wird das Gelände benötigt, um dort die ausgegrabene Erde abzuladen. Eine Zwischennutzung würde bedeuten, dass die Erde sofort abtransportiert werden müsste. Ein Mehraufwand, der vor allem Geld kostet. Wie viel, darum streiten sich beide Seiten jetzt wieder. „Dabei haben wir schon interessierte Investoren für das Gelände gefunden“, sagt Juval Dieziger. Jetzt, nach sieben Jahren, ist damit die Stimmung wieder ein bisschen vergiftet. Dabei hatten in den letzten Jahren BSR und Bar25 einander schon fast sympathisch gefunden.

Weltweit Werbung für Berlin

Die Chefin der Stadtreinigung, Vera Gäde-Butzlaff, war im Sommer 2009 selbst zu Gast im Restaurant der Bar25 gewesen. Privat, nur zum Essen. Das war der Sommer, in dem der US-Regisseur Quentin Tarantino fast schon Stammgast war. Es war auch der Sommer, in dem Tobias Rapp mit seinem Buch „Lost and Sound“ den sogenannten Easyjetset thematisierte, jene Berlin-Besucher, die nur zum Feiern in die Stadt kommen und in der Welt Werbung für Berlins Clubkultur machen. Und es war der Sommer, an dessen Ende Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit die Bar25-Betreiber zu seinem Hoffest eingeladen hatte und mit ihnen ein weiteres Vorgehen besprach.

Bei diesem Treffen vor einem Jahr hatten die Bar25-Betreiber den Eindruck, die Berliner Politik unterstütze die Kreativwirtschaft. Damals hatte Wowereit auch einen Besuch für 2010 per Handschlag verabredet. „Gekommen ist er den ganzen Sommer über nicht“, sagt Christoph Klenzendorf. „Das fanden wir schade.“ Dabei hatten sie die Einladung einige Male erneuert, auch mit dem Hinweis, dass er nur einen Blick hineinwerfen müsse. „Dann hätte er selbst gesehen, dass hier einfach etwas Einzigartiges entstanden ist.“ Etwas, das Besucher aus der ganzen Welt anzieht, ob aus Marzahn, aus Japan oder vom Pariser Stadtparlament.

Am Dienstag ist wieder Hoffest bei Wowereit und die Bar25 ist eingeladen. Doch bevor sich Juval Dieziger und Christoph Klenzendorf überlegen, was sie dann sagen, müssen sie zusammen mit 120 Mitarbeitern noch selbst ein Fest organisieren. Den Abschied. Viele Stempel mit einer „25“ werden auf Arme gedrückt werden und überall wird Konfetti liegen. Manche werden sehr laut lachen und bei einigen wird das Lachen ganz spät nachts zu einem Weinen werden, weil es eben zum Heulen ist, dass genau dann Schluss ist, wenn es am meisten Spaß macht.