Auch der zweite Graffiti-Sprayer, der vom ICE Berlin–Interlaken erfasst wurde, ist gestorben. Er war wie sein Freund, der bei dem Zugunglück vom vergangenen Freitag sofort getötet wurde, 15 Jahre alt. Der Jugendliche verlor einen Arm. Er wurde mit einem Rettungshubschrauber zum Unfallkrankenhaus in Marzahn geflogen.

Dort kämpften die Ärzte vergeblich um das Leben des schwer Verletzten. Wie die Polizei am Sonntag mitteilte, starb der Junge aus Rathenow (Havelland) am Sonnabendnachmittag.

Zurück bleibt sein Bruder. Der Zwölfjährige hat mit angesehen, wie die beiden Älteren vergeblich versuchten, sich vor dem Intercity-Express zu retten; der ICE raste mit einer Geschwindigkeit von 120 Kilometern pro Stunde heran.

Die drei Jungen hatten zum Auftakt der Schulferien gemeinsam in der Nähe der Bahngleise gezeltet. Ohne den Jüngeren machten sich die beiden Freunde am Freitag frühmorgens auf, um mit ihren Farbdosen einen Güterzug zu besprühen, der bei Rathenow abgestellt war. Die Jugendlichen waren der Polizei durch ähnliche Aktivitäten bereits bekannt. Für ihren Nervenkitzel riskierten sie Kopf und Kragen. Der Zwölfjährige folgte ihnen, so die bisherigen Ermittlungen der Polizei, erst später und beobachtete das tragische Geschehen. Er erlitt einen Schock und wird psychologisch betreut.

„Die Jugendlichen waren offensichtlich überrascht, als der Güterzug plötzlich anfuhr“, sagte Meik Gauer von der Bundespolizei in Berlin. Nach ersten Aussagen des ICE-Zugführers hätten die 15-Jährigen noch versucht, von den Gleisen wegzukommen. „Wir gehen davon aus, dass sie den Zug gesehen haben“, sagte Gauer.

Der Lokführer habe noch mit Notsignal und Bremsung versucht, das Unglück zu verhindern. Doch es gab kein Entrinnen. Es scheint, als seien die Jungen in Panik geraten. „Hätten sie sich flach hingelegt, wäre es vielleicht glimpflich ausgegangen“, so Gauer.

Nach dem Unglück war die Strecke für mehrere Stunden gesperrt. Die etwa 300 Fahrgäste des ICE375, der auf dem Weg von Berlin in die Schweiz war, wurden in Bussen nach Hannover gebracht. Auch andere Zugverbindungen wurden durch den Unfall massiv beeinträchtigt.

Rund 40 Jugendliche sterben jährlich bundesweit durch Leichtsinn und falsches Verhalten auf Bahnanlagen. Besonders riskant wird es zur Ferienzeit, sagte ein Bahnsprecher. Dann nähmen Graffiti-Schmierereien, leichtsinnige Ausflüge auf Bahnanlagen oder S-Bahn-Surfen regelmäßig zu. „Die Eigengefährdung wird dabei ständig unterschätzt“, meinte Bundespolizist Gauer. Seit Jahren versuchen Polizei und Bahn, mit Präventionsarbeit dagegen anzukämpfen.

Im vergangenen Sommer starteten sie die Sicherheitskampagne „Fair und sicher unterwegs“. Doch der Leichtsinn ist nicht zu stoppen. Erst in der Nacht zum Freitag hatte sich ein 18-Jähriger in Berlin-Moabit schwere Verbrennungen auf einer Bahnanlage zugezogen. Betrunken war er auf einen stehenden Güterzug geklettert – und wurde dabei von einem Stromschlag aus einer Oberleitung getroffen.

Züge und Bahnanlagen sind seit Jahren bevorzugte Objekte für Sprayer. Werden doch genau dort ihre Bilder und Schriftzüge von besonders vielen Menschen wahrgenommen. Das ist genau das Ziel der Sprayer: Denn umso höher das Aufsehen, desto größer der Ruhm innerhalb der Graffiti-Szene. Zwar wollen die Urheber des Graffito aus Furcht vor Schadenersatzforderungen möglichst anonym bleiben, doch mit Hilfe spezieller Unterschriften – sogenannter tags – geben sie sich innerhalb der Szene zu erkennen. In einschlägigen Internetforen brüsten sie sich dann mit ihren „Erfolgen“.

In Rathenow bemühen sich seit einiger Zeit Kirche, Kommune und Polizei gemeinsam um die Graffiti-Szene, die rund 200 Anhänger haben soll. „Wir sind da dran“, berichtete der Pfarrer der Evangelischen Gemeinde, Andreas Buchholz. Jugendpfarrer Wolf Schöne bemüht sich um die Jugendlichen, beim Diakonischen Werk gibt es ein Graffiti-Projekt mit Streetworkern. „Wir sind total erschüttert und hoffen, dass die Jugendlichen jetzt aufwachen“, sagte Pfarrer Buchholz, der das Unglück am Sonntag auch in seiner Predigt thematisierte.