Schrott-Mafia

Metalldiebe plündern Berliner Privathäuser

Rohstoffdiebe, die seit zwei Jahren Großbaustellen, Firmengelände und Bahntrassen heimsuchen, bedrohen jetzt auch Privatleute und Häuslebauer. Für die Metalldiebe ist es ein lohnendes Geschäft – angesichts der gestiegenen Preise. Doch die Polizei ist den Tätern dicht auf den Fersen.

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Das Berliner Westend ist ein altehrwürdiger Bezirk. Gegründet als reine Villenkolonie, atmet das Viertel noch heute den Glanz vergangener Tage. Max Schmeling, Joachim Ringelnatz und Richard Strauss haben hier gewohnt, und so fühlte sich auch der Anwalt Mathias K. sicher, als er im Westend eine Jugendstilvilla erwarb. Bis es mit der Baustelle losging - und den Diebstählen.

"Einen alten, schmiedeisernen Handlauf hatten wir ausgebaut und im Garten zwischengelagert", erzählt K. Kurz darauf war das drei Meter lange und mehr als 40 Kilogramm schwere Gerät spurlos verschwunden. Genau wie der Wasserhahn für den Gartenschlauch. "Es ist einiges weggekommen", ärgert sich der Besitzer, "inzwischen sperren wir nach Feierabend alles weg."

Die Metalldiebe sind los. Die Rohstoffplünderer, die seit zwei Jahren Großbaustellen, Firmengelände und Bahntrassen heimsuchen, bedrohen jetzt auch Privatleute und Häuslebauer. Im mecklenburgischen Güstrow drangen Kupferklauer im August in ein frisch saniertes Haus ein und rissen Rohre aus den Wänden. In Rangsdorf südlich von Berlin drangen Diebe in ein gerade fertig gebautes Einfamilienhaus ein und entwendeten Elektrokabel. Und in Berlin machen sich die dreisten Täter immer wieder an Gasleitungen in bewohnten Gebäuden zu schaffen. Dass es noch zu keiner größeren Explosion kam, ist ein reiner Glücksfall.

Kupferpreise haben sich vervierfacht

In einem Land ohne nennenswerte Bergwerke spielt Altmetall eine besonders wichtige Rolle. Aber Industriemetalle sind weltweit Mangelware: Der Preis für Kupfer, den elektrischen Superleiter, hat sich innerhalb eines Jahrzehnts vervierfacht. Die Angst vor den Auswirkungen der Finanzkrise lässt die Rohstoffpreise derzeit zwar fallen, aber die Metallförderung kann mit der gestiegenen Nachfrage aus China und Indien trotzdem nicht Schritt halten, es wird also recycelt, was das Zeug hält. Allein die deutschen Stahlunternehmen benötigen Monat für Monat eine Schrottmenge, die 200 Eiffeltürmen entspricht. Besonders häufig wird Kupfer wieder verwendet. 80 Prozent seiner jemals geförderten Menge soll noch heute im Umlauf sein. Und allzu häufig liegt das wertvolle Metall auf offener Straße.

Die Kupferkabel des Herrn Benthin schlängelten sich hinter einer LPG am Rande des brandenburgischen Örtchens Wusterwitz an Obstbäumen vorbei zur L96. Der Baustellenausrüster versorgte die Großbaustelle an der Landstraße mit Starkstrom - bis eine Bande mit Beilen und Bolzenschneidern kam und seine Kabel zerschlug. Der Gesamtwert der Beute betrug 40.000 Euro, und Frank Benthins Firma stand am Abgrund: "Ich habe überlegt, ob ich den Laden zumache", sagt der Unternehmer aus Luckenwalde.

Jetzt schlagen die Ordnungshüter zurück

Die Polizei war lange machtlos. Plötzlich war jede Bahnanlage, jede Baustelle ein Selbstbedienungsladen. Regenrinnen, Bronzebüsten, Schienenstränge, Gullydeckel, ganze Güterzüge verschwinden spurlos über Nacht. Selbst Bronzestatuen auf Friedhöfen werden zersägt, mal ein kompletter Hirsch, mal der Arm eines Dichters. Doch jetzt schlagen die Ordnungshüter zurück.

Raum 128, Lage- und Einsatzzentrale der Bundespolizei in Halle an der Saale. Im ersten Stock einer Backsteinkaserne aus der Kaiserzeit surren die Flachbildschirme, im Hintergrund knarzen die Funkgeräte. Norbert Lindner, Erster Polizeihauptkommissar, steht vor einer Wandkarte, die von Erfurt nach Berlin und von Wolfsburg bis nach Leipzig reicht. In diesem Bermudadreieck, durch das jeder fünfte deutsche Bahnkilometer führt, verschwindet besonders viel Buntmetall.

"Was ist da südlich von Erfurt eingezeichnet?", fragt er den Polizisten vor der Bildschirmwand. Gleisarbeiten der Bahn, also harmlos. "Aber wenn das Diebe gewesen wären", sagt der große Mann im grauen Anzug und schwarzen Hemd, "dann wäre in 20 Minuten unser Hubschrauber da gewesen." Es wäre nicht das erste Mal, dass Lindners Luftwaffe im Verbund mit Bodentruppen zuschnappt.

Deutsche Bahn 3700 Mal bestohlen

Fast zwei Jahre lang hat Lindner die "Besondere Aufbau-Organisation" der Polizei gegen den Metallklau geleitet - die sogenannte "SoKo Kupfer". Die erfolgreiche Sonderkommission, die in diesem Sommer aufgelöst wurde, war vor allem den gefährlichen Diebstählen bei der Bahn auf den Spuren. Laut Bundespolizei wurde allein die Deutsche Bahn im letzten Jahr 3700 Mal um Metall erleichtert, ein Anstieg von fast 50 Prozent zum Vorjahr. Schranken und Weichen fielen aus, Züge standen auf offener Strecke, und die Schäden gingen in den zweistelligen Millionenbereich.

Dann kam Lindners "SoKo Kupfer". Mit 15 Ermittlern, Infrarotkameras, einem Rudel Hunden, einem Detektiv und einem Hubschrauber trug die Sondereinheit dazu bei, dass inzwischen fast jeder zweite Metalldieb gefasst wird - für Diebstahlverbrechen ist das eine sehr hohe Aufklärungsrate.

Seit Neuestem sitzen die Experten aus der Sondereinheit in den Inspektionen der einzelnen Bundesländer. Denn die Länder haben aufgerüstet und brauchen jetzt Leute wie Matthias Krull, Lindners besten Ermittler. Krull ist ein großer Mann in Holzfällerhemd und verwaschenen Jeans, ausgelatschten Turnschuhen und einem goldenen Ohrring. Der Mann, der aussieht wie ein Klempner, ist Kriminaltechniker. Er jagt die Metallmafia mit modernsten Maschinen: Fuß- und Fingerabdrücke, die Schnittmuster am Kupferdraht, nichts entgeht ihm. "Die Täter wissen gar nicht, was wir noch alles für Möglichkeiten haben", sagt Krull.

Schrottplätze werden mit Kameras überwacht

Weil man die Bahngleise, Baustellen und Friedhöfe der Republik selbst mit massivem Polizeieinsatz nicht sichern könnte, überwachen die Kupfer-Cops längst andere Tatorte: die Schrottplätze.

Zum Beispiel den "Buntmetallankauf Ahab" in Mögelin im Havelland. Den Schrottplatz, über den das gestohlene Kupfer des Baustellenausrüsters Frank Benthin zurück auf den Markt floss. Im hintersten Winkel einer stillgelegten Maschinenfabrik hängen kleine Kameras unter niedrigen Dachrinnen. Weil auch die Metallhändler ständig bestohlen werden, haben sie ihre Schrottplätze zu Festungen hochgerüstet. Denn immer mehr Versicherungen weigern sich, sie überhaupt noch unter Vertrag zu nehmen.

Bei Ahab steht ein kleiner Mann mit blauer Weste und Tony-Marshall-Frisur im Hof und sagt: "Immerhin, 21 Kilo sauber geschälte Kabel hat der gebracht." Der Metallhändler Andreas Hüter schaut einem jungen Mann hinterher, der gerade "Milberry" abgeliefert hat, "Kupferkabel blank", der Hit auf Hüters Preisliste: 4,40 pro Kilo.

"Sie bringen Ihr Zeug, wir legen es auf die Waage, und dann zahlen wir bar nach Liste", sagt der schwarz gelockte Schrotthändler mit einem leichten Sächseln. So einfach? "Nee, Sie müssen noch Ihren Ausweis zeigen und ein Formular ausfüllen, dass das auch alles Ihnen gehört."

Auch die Kupferdiebe von Wusterwitz unterzeichneten diese eidesstattliche Erklärung, dass Kabel "aus keiner strafbaren Handlung" stammen. Den Baustellenausrüster Benthin trieben sie damit beinahe in den Ruin, nur ein großzügiger Vorschuss seiner Auftraggeber konnte ihn retten. "So eine Erklärung ist vor Gericht sowieso keine Sicherheit", sagt Hüter. Er könne sich gar nicht dagegen wehren, als Hehler eingestuft zu werden: "Das Zeug kommt so klein geschnitten rein, dass nichts mehr erkennbar ist."

Opa, Mutter, Söhne - alle haben geklaut

Ermittlungen der Polizei zufolge war der Schrottplatz im Havelland ein Umschlagplatz für eine der größten Buntmetall-Banden, die sie je gestellt hat. Im Frühjahr vergangenen Jahres schwärmten 70 Polizisten aus, um elf Verdächtige zu verhaften. Alle elf stammen aus benachbarten Dörfern, alle sind Deutsche, keiner hat einen festen Job. Vom 62 Jahre alten Opa über die Mutter bis zu den Söhnen haben alle mitgeklaut, die Sachschäden schätzt der Staatsanwalt auf über eine Million Euro. Noch gibt es kein Urteil, dafür aber zwei Geständnisse.

Das Büro des Schrottplatzes bekommt jetzt Besuch von zwei Mittvierzigern in Jeans- und Lederjacke. Hüter bittet sie in sein Hinterzimmer. Dort wälzen sie drei Aktenordner durch. "Das war schon wieder die Polizei", seufzt der Metallhändler. Sein Schrottplatz läuft gut, er hat zehn Mitarbeiter, 50 Kunden pro Tag plus 2000 Online-Anfragen. "Die Grünen" sind deshalb längst seine Stammgäste geworden, denn auch die Metalldiebe gehen bei ihm ein und aus. "Jetzt beschlagnahmen sie die Wasserhähne, die der Typ vorhin gebracht hat", sagt Hüter lakonisch. Abgeschraubt hatte er sie offenbar in den Gärten der umliegenden Dörfer. Vielleicht aber auch am Haus von Herrn K. im Berliner Westend.

Genau wie die Familienbande wusste auch der Wasserhahn-Dieb nicht, wie stark die Kriminaltechniker aufgerüstet haben. Dem großen Kupferklau sind heute länderübergreifende Einsatzgruppen auf der Spur. Sie installieren unsichtbare Funkfallen, die jede Bewegung aufs Handy melden. Sie arbeiten mit Webcams und experimentieren angeblich sogar mit unsichtbaren Farb- und Strahlenmarkierungen, wie man sie sonst nur bei Geldtransporten einsetzt.

Ein junger Mann, der beim Kabelklau in Wusterwitz dabei war, hat gestanden. Der 22 Jahre alte Arbeitslose behauptet, dass sein Halbbruder die Idee gehabt habe. "Die sollten denken, dass das Polen oder Ukrainer waren", sagt er über den Plan der Familien-Mafia. Jetzt drohen ihm bis zu zehn Jahre Haft für "schweren Bandendiebstahl", denn auch wenn er es sich nicht erklären kann: "Als die uns gepackt haben, da wussten die schon alles."