Bilanz

Händler mit Berliner WM-Fanmeile unzufrieden

Zum letzten Spiel der deutschen Nationalelf kamen am Sonnabend noch einmal Zehntausende auf die Berliner Fanmeile. Doch die Händler sind enttäuscht, denn das große Geschäft auf der WM-Party blieb aus.

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Auf der Berliner Fanmeile zitterten und jubelten Zehntausende mit der Nationalelf beim Spiel gegen Uruguay.

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Der rundliche Herr aus Bayern – das weiß-blaue T-Shirt und sein Dialekt verraten ihn – hat Hunger. Er bestellt sich eine Bratwurst. Extra aus München sei er gekommen, sagt er. „Eigentlich ja fürs Finale, aber jetzt eben für das kleine Endspiel.“ Der Verkäufer nickt mürrisch – was den Bayern beim Bezahlen dazu animiert, noch einen Kommentar abzugeben: „Ihr macht's aber net das Geschäft Eures Lebens, oder?“ Der Mann von der Grillbude antwortet jetzt doch ausführlicher, aber mit Worten, die niemand in der Presse lesen will.

Fast jeder Budenbesitzer zwischen Brandenburger Tor und Siegessäule entlädt in diesen Tagen irgendwie seinen Frust über die vergangenen vier Wochen. „Die meisten von uns haben nicht einmal ihre Standmiete erwirtschaftet“, sagt zum Beispiel Bierverkäufer Alexander Stübing. Der 28 Jahre alte Potsdamer war mehrmals in den vergangenen Wochen bei der Fanmeile im Einsatz, erst am Olympiastadion, später im Stadtzentrum. „Aber es gibt viel zu wenig Bildschirme und Lautsprecher“, sagt er, „sodass die Leute nie stehen bleiben, sondern immer weiter zur Siegessäule laufen.“ Nur die vorderen Stände hätten deshalb Chance auf einige Kunden. „Die Meile ist einfach viel zu groß geplant und zu weit weg vom Brandenburger Tor.“ Bei der EM 2008 habe es auch zwischen den Deutschlandspielen Laufkundschaft gegeben.

Doch in diesem Jahr will auch bei Deutschlands letztem großen Spiel gegen Uruguay auf der Straße des 17. Juni keine wirkliche Feierstimmung einsetzen. Der Veranstalter schätzt die Menge der Fans auf 100.000 – doch diese Zahl lässt sich nur schwer so hoch bestätigen, bei den vielen leeren Stellen zwischen den Bildschirmen. Die Menschen johlen zurückhaltend beim ersten Tor für Deutschland, buhen lustlos beim Tor für Uruguay. Selbst an der Siegessäule ist der Andrang nicht so groß, dass man von einem Massenereignis sprechen kann.

Auch der Veranstalter der WM-Party zieht am Sonnabend eine durchwachsene Bilanz. Die Geschäfte seien nicht gut, sondern „mehr schlecht als recht“ gelaufen, sagt Sprecherin Anja Marx. Die erhofften Umsätze an den Getränkeständen bleiben aus. Von vielen Berliner Fußballfans wird auch die Zweiteilung der Fanmeile kritisiert. Zum Olympiastadion, wo die Vorrunde übertragen wird, kommen nur mehrere Zehntausend Fans. Erst als mit dem letzten Vorrundenspiel Deutschlands die Fanmeile an der Siegessäule eröffnet wird, werden die Hunderttausenderwerte erreicht. Doch auch für diese zweite Phase können die meisten Standbesitzer ohne langes Nachdenken die drei Tage aufzählen, an denen auf der Meile etwas los war: „England, Argentinien und Spanien“, sagen sie dann. Als Deutschland gegen diese drei Mannschaften spielt, sind sogar bis zu 350.000Fußballfans gekommen.

Der Trick mit dem Preis

An den anderen Tagen ist zwar ein Programm angekündigt, das aber oft sehr gleichförmig ist, sagen die Standverkäufer. „Wir konnten zum Teil schon die Texte mitsprechen“, sagt einer. „Es gab Tage, da haben wir nicht mehr als zwei Bier und zwei Orangensäfte verkauft.“

Ana, eine Mitarbeiterin des Shiatsu-Standes „Special Touch“, macht ihrem Ärger Luft. „Wir kommen auf gar keinen Fall wieder“, sagt die 45-Jährige. „Wir dachten, es sei vielmehr wie im Jahr 2006, als auch an den spielfreien Tagen die Touristen kamen.“ Ihr Service, eine 10-minütige Shiatsu-Behandlung, wird nur selten genutzt. Erst als sie den Preis halbiert, von zehn auf fünf Euro, kommen einige Kunden.

Den „Trick“ mit dem Preisnachlass machen viele andere Geschäfte nach. Je näher man der Siegessäule während des letzten Spiels der Deutschen kommt, desto günstiger werden Bier und Bratwurst verkauft. Viele Fans wissen das und ignorieren die ersten Stände.

Nur das Riesenrad ist gut besucht. „Der Umsatz könnte noch um zwei Drittel größer sein“, sagt Schausteller Mario Berndt, „wenn wir näher am Brandenburger Tor hätten stehen können.“ Aber angesichts der Situation der anderen Stände, fügt er an, könne er zufrieden sein. „Es gibt eben 100 Bierstände, aber nur ein Riesenrad.“ Er wolle auf jeden Fall wiederkommen – auch wenn derzeit ein weiteres Fanfest in dieser Dimension noch nicht sicher ist. Selbst Anja Marx von der Organisation hält sich diesbezüglich noch zurück.

Nur eine wirklich gute Nachricht enthält die Bilanz des Berliner Fifa-Fanfestes: Bei der Gesamtzahl der Besucher ist das Fest in Berlin die klare Nummer Eins der offiziellen Fanfeste. Nach Fifa-Angaben haben in Berlin bisher knapp 1,5 Millionen Menschen die Live-Übertragungen gesehen. „Das entspricht insgesamt rund der Hälfte aller Fifa-Fanfest-Zuschauer weltweit“, sagte Anja Marx. Neben dem Berliner Fest gab es noch in fünf weiteren Städten offizielle WM-Feste des Weltverbandes: in Rom, Paris, Sydney, Mexiko-Stadt und Rio de Janeiro. Alle Feste zusammen zählten rund 3,1 Millionen Fans. Zum Vergleich: Vor vier Jahren wurden allein auf den deutschen Fanmeilen zusammen 15 Millionen Fans gezählt.