Schlaghosen, Plateauschuhe und fluoreszierende Leuchtstäbe: Es gibt sie noch, Berlins schillernde Raver-Gemeinde. Vier Jahre nach der letzten Love Parade in der Hauptstadt feierten am Samstag 10.000 Techno-Fans beim Summer Rave im ehemaligen Flughafen Tempelhof. Das Massenspektakel war eine ausgelassene Hommage an den berühmten Techno-Umzug, wo in guten Jahren über eine Million Raver zwischen Brandenburger Tor und Siegessäule unterwegs waren. Neben Techno-Jüngern im klassischen Raver-Look kamen zum Summer Rave aber auch viele Tanzbegeisterte im Alltagsdress.
Die DJ-Liste in Tempelhof führten Westbam und Marusha an, zwei altgediente Veteranen der Love Parade und Protagonisten der Techno-Szene in den 1990er Jahren. Beim Plattenauflegen in zwei riesigen Flughafen-Hangars wurden sie von den Massen frenetisch bejubelt. Die Bässe aus den Riesenboxen dröhnten so stark, dass die Fenster des mehr als 70 Jahre alten Gebäudes bedrohlich vibrierten. Die Raver ließ das kalt, Ohrenstöpsel benutzten die wenigsten. "Geiler Sound", brüllte einer begeistert seinem Begleiter zu. Ein anderer tanzte euphorisch im schwarzen T-Shirt mit dem Aufdruck Feiern ohne Ende. DJ Westbam war da auf seiner Kanzel schon ordentlich ins Schwitzen gekommen und hatte sich ein Handtuch um den Hals gelegt. Riesige Discokugeln drehten sich über seiner Feiergemeinde.
Der ausverkaufte Summer Rave war zwar deutlich kleiner als die Love Parade, die Veranstalter hätten aber das Zwei- oder Dreifache an Karten verkaufen können, wie sie stolz erklärten. Mehr als 100 Euro hätten manche im Internet beim Auktionsforum Ebay geboten. Auch vor dem Tempelhofer Flughafengebäude fragten am Abend etliche nach Tickets. Am Straßenrand verkauften fliegende Händler Bier.
Durch das Ende der Love Parade sei in der Berliner Techno-Szene eine schmerzende Lücke entstanden, sagte Summer Rave-Initiator Tobias Tuchlenski. Der Riesenandrang zeige das dringende Bedürfnis, dass diese Lücke geschlossen werde. "Wir machen eine ganz neue Love Parade." Tuchlenski ist Regionalchef der Supermarktkette Kaiser's, die das Spektakel organisierte, um sich ein hippes Image bei jungen Leuten zu geben. Kritiker sprachen im Vorfeld von einem Supermarkt- Rave.
Tatsächlich war Techno selten so präsent in Berlin wie heute – auch ohne Love Parade. In den unzähligen Clubs wird praktisch täglich gefeiert, als gäbe es kein Morgen. Für eine Nacht beziehungsweise einen Tag im Berghain oder in der Bar 25 kommen Techno-Fans aus aller Welt nach Berlin. Allerdings endet die Sehnsucht nach dem Feierglück dort für viele schon bei den Türstehern, die nur ausgewähltes Publikum einlassen. Nicht so beim Summer Rave in Tempelhof: Dort kam am Samstag jeder rein, der eine Karte vorbestellt hatte. Alter und Outfit egal.
Wegen des Riesenerfolgs kündigten die Veranstalter für das kommende Jahr eine deutlich größere Fortsetzung ihres Sommerfests der Superlative an mit - 100.000 Ravern auf dem Tempelhofer Flugfeld. Beim Hinausgehen wurde allen schon mal ein Flyer mit dem Aufdruck Auf Wiedersehen in 2011 in die Hand gedrückt.





