Nachruf

Hanna-Renate Laurien - bewundert und gefürchtet

Hanna-Renate Laurien ist im Alter von 81 Jahren gestorben. Die CDU-Politikerin, frühere Berliner Schulsenatorin und Parlamentspräsidentin war auch als "Hanna-Granata" bekannt - und stolz auf diesen Spitznamen. Einst wollte sie Regierende Bürgermeisterin von Berlin werden. So mancher konnte von ihr lernen.

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Wer das Glück hatte, sie kennenzulernen, konnte sich ihrem Bann nicht entziehen. Mal charmant, mal kämpferisch, meist resolut, immer selbstbewusst und den entscheidenden Punkt ansteuernd und das alles in tiefer christlicher Verwurzelung – das war Hanna-Renate Laurien. Dabei war die am Freitag im Alter von 81 Jahren gestorbene frühere Berliner Schulsenatorin und Präsidentin des Abgeordnetenhauses für ihre Schlagfertigkeit ebenso bewundert wie gefürchtet.

Eine Kostprobe dafür lieferte sie noch einmal in einem Interview rund um ihren 80. Geburtstag im April 2008. Da erzählte sie diese Anekdote über ihre ersten Erfahrungen als junge Katholikin, zu der die Konvertitin 1952 aus einer Protestantin geworden war. „Wenn ich heute mit jungen Leuten rede und ihnen schildere, wie das früher war, dann glauben sie das oft kaum noch. Als ich katholisch wurde, gab es zum Beispiel noch verbotene Bücher. Ich beantragte daher ganz selbstverständlich eine Indexerlaubnis beim Kardinal in Köln. Ich habe darunter geschrieben: ,Die Bücher, die mir nun angeblich verboten sind, habe ich jedoch schon alle gelesen und bin trotzdem katholisch geworden’. Ich habe die Indexerlaubnis natürlich sofort bekommen, aber die jungen Leute meinen, man spinnt, wenn man ihnen das heute erzählt…“ Hanna-Renate Laurien war damals 24 Jahre jung und hatte als Lehrerin im höheren Schuldienst Nordrhein-Westfalens gerade ihre spätere bildungspolitische Karriere gestartet.

Den Berlinern ist die 1928 in Danzig geborene, in Spremberg in der Lausitz aufgewachsene und in Berlin 1946 das Gymnasium erfolgreich abschließende Hanna-Renate Laurien nicht minder gut bekannt als „Hanna Granata“. Auf diesen Spitznamen, den natürlich Berlins Taxifahrer, als die noch alle Witz und Originalität versprühten, erfanden, war sie stolz. „Ich bekam ihn, weil ich eine gegen mich gerichtete Demonstration besuchte…“

Nein, furchtsam war sie nie. Aber gefürchtet haben sich manche vor ihr. 1984 auch Eberhard Diepgen. Und das kam so: Als der Regierende Bürgermeister Richard von Weizsäcker die damalige Kultusministerin von Rheinland-Pfalz 1981 mit in die geteilte Hauptstadt brachte, um frischen Wind in der SPD- verfilzten Stadt zu entfachen, war Frau Laurien zunächst eher missmutig. In der Pfalz sprach man über sie vom „Mainzer Berlin-Opfer“. Als Senatorin für Schule, Jugend und Sport fand sie jedoch schnell so große Freude an Amt und Stadt, dass sie nach der Wahl Weizsäckers zum Bundespräsidenten dessen Nachfolgerin werden wollte. Das wiederum wollte die eingesessene CDU um Diepgen und Klaus Landowsky weniger gern. Ein parteiinterner Machtkampf, in dem der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl seine Ministerkollegin aus gemeinsamen Mainzer Tagen unterstützte, entschied sich allerdings bekanntlich zugunsten Eberhard Diepgens.

„Hanna Granata“ warf das bei aller Enttäuschung natürlich nicht um. Noch energischer setzte sie sich als Senatorin auch in Diepgens Senat für eine Verbesserung insbesondere der Schulbildung ein. Ihr Credo, die Starken fordern und die Schwachen fördern ist von nicht endender Aktualität wie ihr Plädoyer für durchlässige Schulstrukturen. Nach Abwahl (1989) und Wiederwahl (1991) der CDU als stärkster Partei krönte Frau Laurien 1991 ihre politische Karriere als erste Präsidentin des Abgeordnetenhauses. Als sie nach vier Jahren zurücktrat, begründete die Theologin dies mit einem Zitat des spanischen Jesuiten Philosophen Baltasar Gracian: „Lasse die Dinge, ehe sie dich verlassen“. Nicht nur Politiker können von dieser Frau lernen.

Nach dem Abschied aus der Politik hat sich die Mitbegründerin der FU natürlich nicht zur Ruhe gesetzt. In vielen Ehrenämtern hat sie sich trotz schwindender Gesundheit weiter engagiert für die Menschen in dieser Stadt ebenso wie für die Kirche, deren treue Dienerin sie bis zum Schluss geblieben ist.

Einmal nach ihrem größten Erfolg gefragt, antwortete die große alte Dame der CDU, die nach zwei gelösten Verlobungen auf eine eigene Familie verzichtet und ein Gelübde zur Ehelosigkeit abgelegt hatte: dass schwangere Mädchen nicht mehr von der Schule verwiesen werden. Als Oberstudiendirektorin eines Kölner Gymnasiums hatte sie 1967 eine schwangere Schülerin zum Abitur zugelassen. Ein handfester Skandal war das damals.

Berlin ist seit Freitag um eine couragierte, mutige Frau ärmer.

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