Kennedy-Zitat

Berliner oder Pfannkuchen - Das ist die Frage

Ein kurzes Wort macht einen großen Unterschied: „Ish bin ine bear-LEAN-ar“ stand in Lautschrift im Rede-Manuskript von John F. Kennedy. Der unbestimmte Artikel „ein“entfachte in den USA eine Debatte.

Es hätte so einfach sein können. „Ish bin ine bear-LEAN-ar“, stand in Lautschrift in dem Manuskript der Rede, das John F. Kennedy bei seinem berühmten Satz helfen sollte. Der unbestimmte Artikel „ein“, nach präsidialer Lesart also das Wörtchen „ine“, entfachte in den Vereinigten Staaten bis ins 21. Jahrhundert eine Debatte, die es in sich hatte: Sie handelte und handelt mancherorts noch immer von Marmelade, Zuckerguss und Teigware.

„I am a jelly-filled doughnut.“ Ich bin ein mit Marmelade gefüllter Donut. So übersetzten viele Landsleute den berühmten Satz des amerikanischen Präsidenten. Eine Übersetzung, die sich lange hielt. Mit eben jenen Worten überschrieb auch ein Autor der New York Times seinen Beitrag, den die Zeitung im April 1988 – nicht am 1. April, daher auch kein Aprilscherz – veröffentlichte.

Der Text dürfte die Donut-These im amerikanischen Bewusstsein noch verfestigt haben. „Der Berliner“, so der Journalist, sei ein Begriff, den die Deutschen vorzugsweise für eine beliebte Süßigkeit verwendeten. Den Berliner oder, wie es in der Hauptstadt heißt, den Pfannkuchen. Und so, erklärte der Autor, ergebe es wieder Sinn, dass die Bürger Berlins der Rede des Präsidenten zwar hochemotional folgten, dass sie aber – davon ist der Autor überzeugt – kicherten und alberten, als John F. Kennedy diesen Satz sagte.

So verselbstständigte sich die „Donut-These“

Dabei hätte es so einfach sein können. Hätte der mächtigste Mann der westlichen Welt nur das „ine“, den sogenannten indefiniten Artikel „ein“, auf dem Zettelchen verschluckt, wäre alles okay gewesen. Doch so habe alles seinen unfreiwillig komischen Lauf genommen. Die Donut-These entwickelte in den USA eine solche Wucht, dass sie fast ein wenig wahr wurde.

Zumindest für einen, der alles andere als unbeteiligt in die Geschichte eingehen wird: Ted Sorensen, der Redenschreiber des Präsidenten. Er sah sich noch im Jahr 2008 in der Verantwortung für einen angeblichen grammatikalischen Fehler, der den Präsidenten in den Fettnapf tappen ließ.

Schuldbewusst formulierte Chefberater Sorensen, verantwortlich für die berühmtesten Sätze von JFK, in seinen Memoiren unter dem Titel „Counselor: A Life at the Edge of History“: „Die letzte Zeile der Rede (...) war die berühmteste und beliebteste (...), obwohl sie – worauf man mich immer wieder hinweist – einen unabsichtlich komischen grammatischen Fehler enthielt, für den ich die Verantwortung übernehme.“

Dann folgt die Erklärung des Artikel-Desasters, das die Amerikaner offenbar überhaupt nicht komisch fanden. Ted Sorensen beklagte die Konsequenzen. „Es hat nicht lange gedauert, bis mein Büro mit Briefen überflutet wurde, in denen man mich auf meinen Fehler aufmerksam machte, und das hat bis heute nicht völlig aufgehört“, schrieb der Kennedy-Berater, der im Jahr 2010 verstarb.

Späte Absolution

Den Ursprung dieser These aufzuspüren, erscheint nahezu unmöglich. Klar ist nur, dass einige amerikanische Sprachwissenschaftler das linguistische Märchen verbreiteten, dass es falsch sei, einen unbestimmten Artikel vorzuschalten. Ebenfalls im Jahr 2008 konsultierte die New York Times den Sprachwissenschaftler Professor Michael Jannings von der Princeton University, um das Missverständnis aufzuklären.

Der Experte erklärte die deutsche Speisekunde: „Viele regionale Essen sind in Deutschland nach Regionen benannt: nicht nur Frankfurter und Berliner, auch Nürnberger und Thüringer.“ Und Jannings erteilte dem Redenschreiber Sorensen späte Absolution: Es sei ganz sicher nicht sein Fehler gewesen. „Der Spruch ist ein Klassiker“, so der Princeton-Professor. Der Satz habe die Kraft gehabt, Jahrzehnte lang ein gutes Gefühl zu transportieren. Ein kleines Wörtchen hin oder her.

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