Heidemarie Müller ist völlig aus dem Häuschen. „Ihr wisst ja, wie ich damals auf den Aufsatz geschimpft habe, den ich bei Euch schreiben wollte“, erinnert die 15-Jährige ihren Onkel und ihre Tante in einem Brief. So wütend sei sie in den Ferien gewesen, „denn der letzte noch freie Tag ging dadurch flöten. Aber jetzt werde ich nie, nie mehr darüber schimpfen, denn – haltet Euch fest, ich habe die Reise nach Amerika gewonnen.“
Monate zuvor, am 26. Juni 1963, hat die Schülerin aus der Rousseau-Schule im Wedding vor dem Schöneberger Rathaus John F. Kennedy zugejubelt, eingekeilt zwischen anderen begeisterten Zuhörern. Der Präsident sorgt in jenen Junitagen überall in Deutschland für Euphorie. In Berlin ist die Spannung vor der Rede des mächtigsten Mannes der Welt jedoch besonders groß. Zwei Jahre nach dem Mauerbau, den die Amerikaner nicht verhinderten, wollen die Bürger der eingemauerten Stadt wissen, welche Zukunft sie haben. Vor allem junge Menschen. Was wird Kennedy sagen? Und ist ihm zu glauben?
Keine Lust auf den Trubel hat der 18-jährige Johann Hessing. Dabei mag der Schüler der Erich-Hoepner-Schule in Charlottenburg den Lebensstil der Amerikaner und identifiziert sich mit ihren Werten. Der Sohn jüdischer Eltern, der kurz vor Kriegsende im Versteck eines Konzentrationslagers geboren wird, besucht oft seine Mutter, die nahe der US-Armeebasis in Ramstein ein Hotel betreibt, in dem viele Amerikaner übernachten.
Zudem hat er Verwandte in den USA. An Kennedy begeistert ihn das Legere, das man nachahmen möchte – bis hin zum Haarschnitt. Obwohl Hessing seine Rede versäumt, soll auch der Schüler der 13. Klasse diesen 26. Juni nicht vergessen. Und das hat mit dem US-Präsidenten zu tun.
Eine Traumreise als Preis
Unmittelbar nach dessen Besuch startet die „Berliner Morgenpost“ einen Aufsatzwettbewerb für alle Oberschulen in West-Berlin. Thema: Was bedeutet für uns der Besuch des amerikanischen Präsidenten? Eine Jury soll die drei besten Aufsätze prämieren. Der Preis: eine Reise nach Washington und New York, mit der vagen Chance, Kennedy zu treffen. Der Jury gehören neben dem Regierenden Bürgermeister Willy Brandt und Schulsenator Carl-Heinz Evers auch der amerikanische Stadtkommandant James H. Polk, Verleger Axel Springer und „Morgenpost“-Chefredakteur Heinz Köster an.
Viele Schulen machen den Aufsatz zur Pflichtaufgabe – für die großen Ferien. Was sicherlich nicht nur Heidemarie Müller aufstöhnen lässt. „Doch ich wollte es mir als gute Schülerin mit den Lehrern nicht verscherzen“, sagt die heute 64-Jährige. „Und dann lockte diese traumhafte Reise in die USA.“
Kennedy sei gekommen, „um die freie Welt noch fester zusammenzuschmieden“ und habe gezeigt, dass Berlin „seinem Herzen am nächsten steht“, schreibt sie in ihrem Aufsatz. Die Neuntklässlerin vergleicht seine Rede am 26. Juni mit dem Auftritt von Kreml-Chef Nikita Chruschtschow in Ost-Berlin, der nur zwei Tage später den US-Präsidenten kopiert: Kennedy habe wie ein Mann gesprochen, der zu dem stehe, was er sagt. „Chruschtschow dagegen hielt unbedeutende Reden.“
Kennedy habe seine Abscheu vor der Mauer gezeigt. Im Osten habe sich ein Mann feiern lassen, der eine Trennungsmauer liebt. Im Westen hätten die Menschen Kennedy hören wollen. Im Osten mussten sie gezwungen werden, „einen Staatsmann zu empfangen, der ihnen und uns die Freiheit nehmen will und auch schon genommen hat“.
Fast 200 Aufsätze eingeschickt
Johann Hessing sammelt in der Amerika-Gedenkbibliothek Material für seinen Aufsatz. Auch er versteht Kennedys Rede als Ermutigung und als Signal der Entschlossenheit gegenüber dem Ostblock. „Der Besuch Kennedys schlug Wellen, die uns forttrugen“, formuliert der Abiturient poetisch, um dann einen Punkt hervorzuheben.
Der Präsident habe zum ersten Mal ein politisches Ziel des Westens deutlich ausgesprochen, „das Programm einer riesigen, einer atlantischen Einheit“, was „der Vorstellung von dem Europa der Vaterländer gegenübersteht“. Hessing begrüßt die Idee einer engen transatlantischen Partnerschaft und lobt Kennedys Haltung als Mensch: „Er brachte sich selbst – als einer, der sich mit seiner Person für eine Idee einsetzen wird.“
Die Mühe der Schüler in den Ferien lohnt sich. Hessings Aufsatz gehört wie der von Heidemarie Müller zu den fast 200, die von Lehrern ausgesucht und zum Wettbewerb eingereicht werden.
Dann folgen Wochen der Ungewissheit. Immer ungeduldiger fragt Heidemarie, die mit ihrer Mutter in bescheidenen Verhältnissen und einer sehr kleinen Wohnung lebt, vor dem Schlafengehen: „Glaubst Du, dass ich gewinne.“ Ihr zweiter Gedanke: „Was soll ich auf so einer Reise bloß anziehen?“ Die Mutter habe ihr zunächst entgegnet, sie solle sich lieber keine Hoffnung machen, erzählt Heidemarie Erselius, wie die Schülerin von einst heute heißt. Dann habe ihre Mutter, um endlich Ruhe zu haben, zugesichert: „Wenn Du gewinnst, wird eingekauft.“
Am 31. Oktober wird der Traum Wirklichkeit. Zwei Mitarbeiter der „Berliner Morgenpost“ überbringen die Nachricht, dass Heidemarie gewonnen hat. Die ist so perplex, dass die beiden Herren verwundert fragen, warum sie sich denn nicht freue. Doch die 15-Jährige ist einfach nur überrascht. Am nächsten Tag ist ihr Sieg das Thema in der Schule.
Johann Hessing wird in die Redaktion gebeten. Sein Vater begleitet ihn. Bevor er erfährt, dass auch er gewonnen hat, werden ihm Fragen zum Aufsatz gestellt. Offenbar als Test, ob er ihn tatsächlich allein geschrieben hat. „Aber mein Vater konnte die Herren überzeugen“, erinnert sich Hessing.
Heidemarie kleidet sich neu ein
Am 4. November lernen sich die Preisträger im Ullsteinhaus kennen: Johann, ernst wirkend und selbstbewusst; Heidemarie mit Kurzhaarfrisur, zurückhaltend, fast schüchtern; und Dietmar Schedl, der dritte Gewinner: ein etwas pummeliger, kindlich wirkender Schüler der 9. Klasse aus der Leistikow-Schule in Zehlendorf. Er hat zur Bedeutung des Kennedy-Besuchs geschrieben: „Von diesem 26. Juni an wird Berlin in den Vorstellungen des Präsidenten nicht nur irgendeine Stadt sein.“
Durch das persönliche Kennenlernen „unserer durch die unmenschliche Mauer geteilten Stadt werden Kennedys Entscheidungen noch stärker von Mitgefühl und von Anteilnahme bestimmt werden“. Zudem glaubt der 15-Jährige, dass „durch Demonstration des Vorzugs unserer Gesellschaftsordnung – einschließlich unseres wirtschaftlichen Systems“ auch die letzten Zweifler „auf unserer und auf der anderen Seite überzeugt werden, so dass sich von innen heraus eine freiheitliche Entwicklung in der ganzen Welt anbahnen wird“.
Bei dem Treffen erfahren die Schüler, dass sie jeweils 800 D-Mark Taschengeld bekommen, das die Airline Pan American (Pan Am) auszahlt, einen Pass und Impfungen benötigen sowie die Minderjährigen eine Einverständnis-Erklärung der Eltern. Am 7. November wird ihnen der 18. November als Reisebeginn genannt. Ein wenig forsch werden sie von der „Morgenpost“, die über regelmäßig berichten wird, ermuntert: „Sperren Sie Augen und Ohren auf, damit Sie recht viel erleben.“
„Kennedy-Kostüm“ eingekauft
Mein Gott, denkt Heidemarie Müller, nur noch zehn Tage bis zum Flug. Mit der Mutter geht es wie versprochen auf Einkaufstour: Zur Reiseausstattung gehören bald ein Mantel, eine schwarze Lacktasche, ein Kostüm, das „Kennedy-Kostüm“ genannt wird, ein Südwester-Hut, den Heidemarie im Flieger vergessen wird, eine weiße Bluse, ein Paar braune Wildlederschuhe und ein paar Stiefel, „die ganz große Mode sind“. Die ganze Zeit geht ihr der Song aus dem Musical „West Side Story“ nicht aus dem Kopf: „I like to be in America“.
In Begleitung einer Pan Am-Mitarbeiterin, die sich um die Schüler kümmert, heben sie am 18. November, 12 Uhr, in Tempelhof mit einer Propeller-Maschine ab. In den USA nimmt der Korrespondent des Springer-Auslandsdienstes, Hans Steinitz, die Preisträger in Empfang. Ihr Betreuer und Dolmetscher. Das Programm für die folgenden acht Tage ist dicht: Diskussionen mit Schülern, Besuche bei US-Familien, Besichtigungen öffentlicher Gebäude, Empfang beim deutschen Botschafter, Interviews. Heidemarie Müller gefällt sofort, dass es hier in den Schulen offener zugeht.
Zwischen den Terminen genießen die Schüler aus Berlin Alltägliches der neuen Welt, das ihnen ungewohnt erscheint. Heidemarie ist beeindruckt, dass ihr Hotelzimmer einen Fernseher hat, sie schaut einen Krimi und ist verblüfft, dass der Film durch Werbung unterbrochen wird. Begeistert schreibt sie ihrer Mutter von der ersten amerikanischen Coke. Die Postkarten unterzeichnet die Schülerin mit „Deine Amerikanerin“ oder „Dein Kennedy-Fan“.
Zum Treffen mit dem US-Präsidenten kommt es am 20. November. Korrespondent Hans Steinitz hat drei Dutzendmal bei den zuständigen Stellen angerufen, bis die Berliner Schüler auf der Liste stehen. Während der Besichtigung des Weißen Hauses werden sie dann gebeten, ins Vorzimmer des Präsidenten zu kommen. Kennedy möchte sie sehen. Heidemarie schwirrt viel durch den Kopf. „Wir sollen dem ersten Mann der freien Welt vorgestellt werden.“ Was wird er wissen wollen? Was soll sie sagen? Nervös zupft sie an ihrem dunkelblauen Kostüm.
Kennedy macht Späße
Johann Hessing, mit Fliege – „das einzige Mal, dass ich auf einer Reise so etwas getragen habe“, wie er heute ironisch anmerkt –, rechnet damit, dass Kennedy sie an seinem Schreibtisch führen lässt. Doch der Präsident kommt ihnen lächelnd entgegen und lädt in sein Arbeitszimmer ein. „Ladies First“, sagt er zu Heidemarie und geht selbst voran. Verstohlen schauen sich die Schüler dort um. Kennedy fragt nach ihren Berufswünschen. Heidemarie fällt nichts anderes ein als Sekretärin.
Dietmar will die Rohrlegerwerkstatt seines Vaters übernehmen. Johann gibt Journalist an, worauf Kennedy sagt: „Das ist aber eine unglückliche Wahl.“ Und lacht. Er hat selbst einst als Reporter gearbeitet. Mit ähnlichen Späßen lockert der Präsident die Atmosphäre. Begegnungen wie diese sind für ihn Routine, was die jungen Berliner jedoch nicht so empfinden. „Der Präsident war so natürlich zu uns, als wenn er sich auf den Teppich setzen wollte und mit uns Murmeln spielen“, notiert Heidemarie Müller hinterher auf einem Kalenderblatt.
Im Rosengarten deutet Kennedy auf den Landeplatz, auf dem bald Bundeskanzler Ludwig Erhard ankommen werde, und meint scherzhaft zu Dietmar Schedl, er sehe ein bisschen wie Erhard aus. Auf dem Rückweg ins Arbeitszimmer schwärmt er noch einmal von Berlin. Dann gibt es das obligatorische Foto, auf dem die Schüler noch immer angespannt wirken. „Kennedy hat mich sogar am Ärmel meines Kostüms ein wenig zu sich heranziehen müssen“, lacht Heidemarie Erselius. Eine unvergessliche Szene für sie. Am Ende werden Geschenke überreicht: Kugelschreiber, signierte Fotos, dazu für die Jungen Krawattennadeln, für Heidemarie ein Armband – auf beiden ist das Patrouillenboot 109 zu sehen, das Kennedy im Zweiten Weltkrieg befehligt hat.
Todesnachricht in New York
Nach nicht einmal 15 Minuten ist der Höhepunkt für die Schüler vorbei. „Die Zeit verging wie im Rausch“, sagt Heidemarie. Vor allem bleibt ihr in Erinnerung, dass Kennedy sich nach der Verabschiedung nicht gleich umgedreht, sondern den Schülern hinterherschaut. Draußen werden sie von Reportern interviewt. Was sie nicht ahnen: Sie sind wohl die letzten ausländischen Besucher, die den US-Präsidenten lebend zu Gesicht bekommen. Am 22. November zeigt die „Morgenpost“ das Gruppenfoto auf der Titelseite. 12.30 Uhr Ortszeit fällt in Dallas der erste Schuss, 13 Uhr wird Kennedys Tod festgestellt.
Die Berliner Schüler sind zu diesem Zeitpunkt bereits in New York. „Morgenpost“-Begleiter Steinitz hat sie früh mit dem Auto zur typischen Stadtrundfahrt abgeholt: Freiheitsstatue, China Town, Broadway. Am Nachmittag ist ein Interview beim Sender CBS geplant. Dort werden sie jedoch abgewiesen: Das Interview müsse ausfallen, wegen Kennedy. Wieso wegen Kennedy? Die Gruppe ist überrascht, aber zugleich froh über etwas Freizeit. Johann Hessing zieht los, um Verwandte zu besuchen, er kann mit seinen 15-jährigen Mitreisenden ohnehin wenig anfangen.
Die wollen in eine Vorstellung der Radio City Music Hall. Auf dem Weg dorthin wundern sich alle, dass die Fahnen auf Halbmast hängen. „Der Gedanke, dass der Präsident tot sein könnte, wäre uns absurd vorgekommen“, meint Heidemarie Erselius. Im Varieté erfahren sie endlich von ihrer Pan Am-Betreuerin, als diese von der Toilette zurückkommt: „Wisst Ihr, was schreckliches passiert ist?“ „Nein.“ „Präsident Kennedy ist tot.“
Die Todesnachricht ist ein Schock
Heidemarie hat das Gefühl, ihr Herz setzt aus. Sie bricht in Tränen aus. Das kann doch nicht sein. Vor zwei Tagen haben sie Kennedy doch noch die Hand geschüttelt. Sie hofft, dass das nur ein böser Traum ist. Auf den Straßen New Yorks sind viele Menschen unterwegs, doch Heidemarie kommt es so vor, als sehe sie nur in leere Gesichter. Im Hotel können sie noch immer nicht begreifen, was geschehen ist. Während der Reise haben die Schüler oft geplaudert, gescherzt, sich auf Dinge aufmerksam gemacht. „Nun saßen wir nur noch schweigend dar“, schildert Heidemarie Erselius. Jeder mit seinen Gedanken allein. Abends schauen die Schüler vom Empire State Building auf einen Stadt, in der kaum ein Licht brennt.
Heidemaries Mutter sitzt derweil wie gelähmt zu Hause in Berlin. Am Morgen hat sie noch stolz das Foto von Kennedy und ihrer Tochter in der Zeitung betrachtet. Am Abend dann die schreckliche Nachricht vom Attentat. Die Ungewissheit, wie es ihrer Tochter geht, macht sie ganz krank. Ihr fällt die dumme Äußerung einer Kollegin ein: Also ich würde nie mein Einverständnis geben, dass meine Tochter allein in die USA und zu Kennedy reist, da kann doch immer etwas passieren. Es dauert eine Weile, bis sich die Mutter beruhigt.
Wie überfordert die jungen Berliner sind, lassen Notizen von Heidemarie erahnen: schnell geschriebene Eindrücke, Gedanken eines verstörten Teenagers, der an der Situation leidet und nach Erklärungen sucht. „Es gibt keinen Präsidenten Kennedy mehr, für den wir schwärmen können, dem wir unser Herz geben können“, ist zu lesen. Sie fragt, warum ausgerechnet ein Mensch sterben musste, „der doch nur Gutes wollte“. Sie hadert mit Gott.
Wer schließlich auf die Idee kommt, nach Washington zurückzufliegen, weiß Heidemarie Erselius heute nicht mehr. Man habe gefragt, ob sie als Vertreter der Jugend West-Berlins Abschied nehmen wollten vom US-Präsidenten. Eigentlich eine Zumutung. „Doch wir haben zugesagt.“ In Washington treffen sie auf dem Flughafen Willy Brandt. Der Regierende beugt sich zu den Schülern, die ihn blass und mit zusammengepressten Lippen anschauen. Heidemarie Müller schreibt an eine Tante: „Es ist einfach furchtbar, und ich kann es gar nicht fassen. Ich sitze hier im Hotel vor meinem Fernseher. Ich habe den lebenden Kennedy begrüßt, und ich habe den Sarg des toten Präsidenten gesehen.“
Johann Hessing hat von dieser Zeit unmittelbar nach dem Attentat keine Bilder mehr im Kopf. Das überrascht ihn noch heute. „Der Schock über den Tod hat sie wohl aus dem Gedächtnis verdrängt“, vermutet er. Er könne sich nicht einmal mehr daran erinnern, dass sie nach Washington zurückgekehrt sind. Nur daran, dass sie ein Telegramm an die Witwe Jackie Kennedy entworfen haben, um ihr Mitgefühl auszudrücken.
Hamburger bei Gastfamilie
Die letzten Tage ihrer Reise verbringen die Schüler wieder in New York. Normalität ist angesagt, ihr Aufenthalt soll nicht nur vom Tod Kennedys bestimmt sein. Johann Hessing besucht Theateraufführungen und Buchläden. Heidemarie Müller macht Fotos und kauft einen Plattenspieler mit Radio. Das Wochenende verbringen sie bei einer amerikanischen Familie, Fotografien zeigen alle in trauter Runde im Wohnzimmer. Dietmar Schedl schwärmt von Hamburgern und Autos, die Europäern wie „riesige Stationswaggons“ vorkommen müssten. „Doch mit dem Mord an Kennedy hat sich die ganze Reise gewandelt“, betont Hessing. Und Heidemarie Erselius ergänzt: „Am Ende wollten wir alle nur noch nach Hause.“
Nach einem langen Flug, wenig Schlaf und voller Eindrücke kommen die Schüler am 27. November wieder in Tempelhof an. Sie werden von Reportern bestürmt und zu einem Empfang ins Ullsteinhaus gefahren. Heidemaries Mutter bemerkt, wie blass ihre Tochter ist und dass sie nichts isst. Endlich können die Schüler nach Hause.
Heidemarie Müller sammelt in den kommenden Wochen alles über John F. Kennedy, was sie bekommen kann. Ihre Mutter lässt sie gewähren. Nur als die Tochter einem Zeitungshändler ein überlebensgroßes Porträt mit Trauerflor abschwatzt und es in der Wohnung aufhängen will, streikt die Mutter.
Dass sich die Familie Sorgen um Heidemarie macht, zeigen rührende Briefe. Sie sind zugleich ein Beleg, wie sehr Kennedy bei Deutschen beliebt war – in West wie Ost. Bereits am 25. November schreibt ein Onkel aus Norddeutschland an ihre Mutter: Er wisse, dass sie sich nach Kennedys Tod fühle, als sei ein Bruder oder ein naher Verwandter „von uns gegangen“.
Und er finde es unbegreiflich, dass für seine Nichte „eine so verheißungsvolle Reise, voller Hoffnung und Freude“ so tragisch enden musste. Er bitte jedoch Heidemaries Mutter um Rücksicht. „Lass die Fragen an sie vorerst, erst wenn sie sich langsam wieder zurückgefunden hat, wird sie imstande sein, allen zu antworten.“
Noch erstaunlicher ist ein Schreiben vom 7. Dezember aus Ost-Berlin, direkt an Heidemarie. Dieser Onkel, der von einer Kontrolle seiner Post in den Westen ausgehen muss, beglückwünscht seine Nichte für die „außergewöhnliche Auszeichnung“ und bedauert, dass er den Aufsatz nicht im Original lesen kann. Er sei gerührt, dass sie an ihn gedacht und eine Karte aus New York geschickt habe.
Er ermutigt sie, daran zu glauben, dass alle Eindrücke aus Amerika auf ihr weiteres Leben einen guten Einfluss haben werden. Gleichwohl sei der Tod Kennedys, „dieses großen und liebenswerten Mannes“ ein Verlust, der Schmerz sei auch im Osten groß, „und es braucht sich gerade in Berlin keiner seiner Tränen zu schämen“.
Verlust eines „großen Mannes“
Der Schulalltag in Berlin bestimmt jedoch schnell wieder ihr Leben. Sie schreibt sich eine Weile Briefe mit der Tochter der Gastfamilie in New York. Dann schläft die Verbindung ein. Noch schneller endet der Kontakt zu den Mitreisenden. Nach der Schule absolviert Heidemarie Müller eine Lehre als Stadtassistent, arbeitet in einem Bezirksamt, qualifiziert sich an der Fachhochschule und erreicht im höheren Dienst die Position eines Regierungsrates in der Senats-Innenverwaltung.
Bis heute hängt das Bild mit Kennedy in ihrer Wohnung, und sie hat alles aufgehoben: vom Ticket bis zur Hotelseife. Als Erinnerung an eine außergewöhnliche Station ihres Lebens, die gezeigt hat, wie nahe Glück und Trauer, Faszination und Schrecken beieinander liegen können. In den USA ist sie seit dem November 1963 nie wieder gewesen.
Über Dietmar Schedls Werdegang ist nichts bekannt. Nach einer Archivauskunft ist ein Berliner seines Namens und Alters 1983 verstorben.
Johann Hessing macht 1964 sein Abitur. Er plant ein Leben in Amerika, doch bei einem Besuch in einem Kibbuz in Israel ist er von der Lebensauffassung dort so begeistert, dass er bleibt. Hessing wählt Jakob als neuen Vornamen, studiert Geschichte und Deutsche Literatur, promoviert an der Universität Aachen, lehrt an der Universität in Jerusalem, übersetzt und schreibt Bücher.
Seine Leidenschaft Journalismus verliert er nicht aus dem Blick. Erste Artikel veröffentlicht er in der deutsch-jüdischen Zeitung „Aufbau“ in New York. Chefredakteur ist dort inzwischen der frühere „Morgenpost“-Korrespondent Hans Steinitz. Hessing schreibt bis heute auch für deutsche Zeitungen, etwa für den Literaturteil der „Welt“.
Wie bei Heidemarie Erselius ist das Kennedy-Foto auch in seiner Wohnung in Jerusalem lange sichtbar, „es gehört zum Familienalbum“, sagt er. Heute besitzt es sein Sohn. Sein Aufsatz komme ihn heute mitunter pathetisch vor, räumt Jakob Hessing selbstkritisch ein. Doch ihn tröstet, dass er inhaltlich recht behielt, was die Entwicklung in Deutschland und in Europa angeht. Heidemarie Erselius wiederum sagt: „Bei keinem seiner Nachfolger hatte ich das Gefühl, dass er so eine besondere Beziehung zu Berlin hat wie Kennedy.“




