Am späten Abend stand Till Lindemann noch auf der Bühne im Olympiastadion, und um im Duktus der Band zu bleiben: Er goss ordentlich Benzin ins Feuer. Bei dem Song „Ohne dich“ dichtete er kurzerhand eine Zeile um und sang „und die Sänger vögeln nicht mehr“. Normalerweise heißt es in dem Text: „Und die Vögel singen nicht mehr.“ Es war die zweite Provokation innerhalb zwei Tagen. Bei dem ersten Auftritt in Berlin rief er „alle haben Angst vor Lindemann“ ins Mikrofon.
Es sind ganz eigene Antworten auf die Missbrauchsvorwürfe gegen den Rammstein-Sänger, die seit Wochen die Schlagzeilen beherrschen. Dann aber folgte das, was für viele unverständlich scheint: Fast zum Trotz aller im Raum stehenden Vorwürfe durfte Lindemann im Berliner Fetisch-Nachtclub Kitkat feiern.
Das war bekannt geworden nach dem DJ Iva Bodul, die zur selben Zeit dort auflegte, einen Chat mit der Club-Leitung veröffentlichte. Eine Besucherin des Abends sprach mit der Berliner Morgenpost über den Abend im Club. Aus Angst vor möglichen Anfeindungen bittet sie anonym zu bleiben.
Sie sagt, es muss zwischen 1.30 Uhr und 2 Uhr gewesen sein. Sie stand mit Freundinnen in der Schlange an, um in dieser Nacht im Kitkat-Club zu feiern. Etwa sechs Menschen vor ihr habe sie Till Lindemann erkannt, der mit mehreren Personen dort gewesen sei. Ob es sich dabei um Bandmitglieder gehandelt hat, konnte sie nicht sagen. Lindemann, sagt sie, habe dann einen Türsteher umarmt. Anschließend sei er ohne Taschenkontrolle in den Club gelassen worden. „Wie kann man so eine Person in einen sexpositiven Club lassen?“, sagt die Besucherin.

Im Club selbst habe sie den Sänger nicht mehr gesehen. Sie vermutet, er sei in eines der Séparées geleitet worden. Lediglich eine Person in einem Rammstein-T-Shirt sei ihr noch aufgefallen. Dennoch habe sie sich unsicher und unwohl gefühlt. „Ich habe ständig auf mein Getränk aufgepasst“, sagt sie.
Nach dem die Irin Shelby Lynn am 25. Mai einen Post über Twitter absetzte, in dem sie schrieb: „Ich bin das Mädchen, das bei Rammstein gespiked wurde“ und von mutmaßlichen Grenzüberschreitungen Lindemanns bei der Aftershow-Party des Konzerts in Vilnius, Litauen sprach, meldeten sich zahlreiche Frauen – teils anonym –, die ähnliche Vorwürfe gegen Lindemann erhoben. Sie schilderten als beängstigend empfundene Situation, zudem berichteten sie von einem System „Row Zero“, bei dem Frauen systematisch ausgesucht worden sein sollen. Mittlerweile ermittelt die Berliner Staatsanwaltschaft. Da es bislang keine Urteile von Strafgerichten gibt, gilt die Unschuldsvermutung. Lindemann bestritt die Vorwürfe.
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Vor diesem Hintergrund schrieb die DJ Iva Bodul nach ihrem Auftritt im Kitkat-Club mit der Geschäftsleitung. Die erhaltene Mail veröffentlichte sie auf Instagram. Darin hieß es, Lindemann kenne das Sicherheitspersonal teilweise aus früheren Besuchen. Zudem sei „im Club niemals etwas geschehen, was fragwürdig war, oft war auch seine Tochter dabei“. Bodul schrieb daraufhin von einer Nacht mit „einem sehr beschissenen Beigeschmack“.

Wie die „Berliner Zeitung“ berichtete, bestätigte Kitkat-Geschäftsführerin Kirsten Krüger, dass der umstrittene Sänger in der Nacht auf Montag in dem bekannten Berliner Nachtclub feierte. Auch die anderen Mitglieder der Band waren in der Nacht auf Montag im Kitkat, so Krüger. Ob die Taschen von Rammstein kontrolliert wurden, könne sie aber nicht sagen. „Einen ‘Promibonus’ gab und gibt es aber, an dieser Stelle, bis heute nicht.“ Die „Berliner Zeitung“ zitiert anonym aus dem Umfeld des Kitkat, dass Lindemann auf keiner Schwarzen Liste gestanden habe. Dass er trotz der schwerwiegenden Vorwürfe in den Fetisch-Club eingelassen wurde, sei dem Fehler eines „überforderten Türstehers“ geschuldet.
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DJ Iva Boduls Kritik schlossen sich weitere DJs aus der Berliner Raver-Szene an. DJ Intaktogene sagte der Berliner Morgenpost „nie wieder“ werde sie dort auflegen. Zuvor hatte sie schon über ihre sozialen Netzwerke geäußert. man „scheißt komplett auf die zig Aussagen von Frauen“ , während man „lieber mit einem berühmten und mächtigen alten weißen Mann“ spreche, schrieb sie dort. Sie sprach aber auch von einer Welle der Solidarität, die sie erfahren habe. Neben persönlichen Zuspruch hatten sich auch andere Künstler öffentlich geäußert. DJ Max Marlon schrieb auf Instagram: „Raver:innen und DJs, boykottiert endlich aktiv und laut diesen Laden!“ Eine weitere Künstlerin, die in der Nacht auf Montag im Kitkat auflegte, distanziert sich ebenso: „Das ist ein absolutes No-Go“.
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BM












