1. Mai in Berlin 2019

Warum die Mai-Proteste auf die andere Spree-Seite ziehen

In Kreuzberg haben feiernde Menschen erfolgreich den Raum besetzt. Jetzt zieht die „Revolution“ um.

1. Mai-Demos lösen sich weitgehend friedlich auf

Die Berliner Polizei meldete 12 Festnahmen, unter anderem wegen Landfriedensbruchs, Widerstands, Sachbeschädigung und Körperverletzung.

1. Mai-Demos lösen sich weitgehend friedlich auf

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Es geht stets um Räume. Freiräume für ein selbstbestimmtes Leben, gerne in Gruppen oder Kollektiven, aber immer jenseits der Mechanismen des Kapitalismus und des Zwangs, einer Lohnarbeit nachgehen zu müssen. So begründen die Stimmen in den linksradikalen Diskussionsforen und jene, die zur „revolutionären“ Demonstration am 1. Mai aufrufen, ihre Offenheit für alle möglichen „Aktionsformen“. Womit nichts anderes gemeint ist, als eine Toleranz gegenüber Steinewerfern, Scheibeneinschlägern und Auto-Anzündern.

Aus Sicht der linksradikalen Szene war Kreuzberg, zumindest das als SO 36 bekannten Kiez um Oranien- und Wrangelstraße, über Jahrzehnte der Ort einer linken Gegenwelt. Hatten die frühen Ausschreitungen der Hausbesetzer noch rund um den Schöneberger Winterfeldtplatz getobt, entzündeten sich Ende der 80er-Jahre in SO 36 die extremsten Straßenkrawalle der Stadtgeschichte. Hier lagen bald die meisten besetzten Häuser, hier sammelte sich die Szene.

1989 zog sich die Polizei für Stunden aus SO 36 zurück

1987 brannte dort, wo heute die Moschee am Görlitzer Bahnhof steht, ein kompletter Supermarkt aus. 1989 eroberten die Autonomen und ihre vielen Unterstützer für Stunden den Kiez, die Polizei zog sich komplett zurück. Die Staatsmacht drehte den Spieß um und riegelte mehrfach die Wege ab, die aus der Stadt in den von der Mauer begrenzten Stadtteil führten. Denn zuvor waren immer wieder Trupps von Autonomen zum Kurfürstendamm gezogen, um dort Läden und Bankfilialen zu „entglasen“, wie diese Sachbeschädigungen beschönigend genannt wurden.

Die linke Szene in Berlin ist gespalten

Nach den extremen Gewaltorgien von 1989 spaltete sich die linke Szene. In die Reformisten, die verhandelten, ihre „instandbesetzten“ Häuser behalten und überhaupt ihren privaten Frieden wollten. Und jenen, denen es um Revolution, Umsturz und Gewalt ging. Die erste Gruppe, zahlenmäßig deutlich stärker als die Radikalen, gewann.

Sichtbarster Ausdruck dieser Entwicklung ist das Myfest. Von der jährlich wiederkehrenden Gewalt und der Zerstörung in ihrem Kiez genervte Anwohner drängten mit der von den Grünen dominierten Bezirkspolitik darauf, den Raum mit einem friedlichen Fest zu besetzen. Feiernde Nachbarn sollten gewaltbereiten Demonstranten den prestigeträchtigen Weg durch die Oranienstraße versperren. Nicht umsonst haben es die Demonstrations-Veranstalter auch in den vergangenen Jahren immer wieder versucht, eben doch die Menschenmenge zu durchbrechen und die klassische Protest-Route durch die Hauptstraße von SO 36 zu nehmen.

Prenzlauer Berg ist längst gentrifiziert

Über die Jahre hat die Kreuzberger Szene jedoch an Kraft eingebüßt. Bei der zwischenzeitlich populären Spaß-Schlacht auf der Oberbaumbrücke mit faulem Obst und Wasserbeuteln siegten zuletzt stets die Friedrichshainer. Im nördlichen Teil des fusionierten Ost-West-Bezirks hatten sich auch nach der großen Räumung der Mainzer Straße 1990 zahlreiche mehr oder weniger legalisierte besetzte Häuser gehalten, mit Volksküchen, Solidaritätskonzerten für inhaftierte Gesinnungsgenossen und Info-Abenden über die kubanische Revolution. Der Ausflug der Radikalen in den Prenzlauer Berg währte Anfang der 90er nur kurz.

Zu rasant veränderte sich dort der Kiez, als dass es noch etwas zu verteidigen gegeben hätte. In Kreuzberg geschah das Gleiche – nur langsamer. Auch deswegen irrten die Mai-Revoluzzer zuletzt ziellos umher, zogen mal nach Neukölln und mal durch Kreuzberg.

Anfang der 2000er noch gewaltsame Walpurgisnächte

Jetzt folgt der Sprung über die Spree nach Friedrichshain, Anfang der 2000er- Jahre im Boxhagener Kiez noch Schauplatz gewaltsamer Walpurgisnächte. Hier setzen die Linksradikalen darauf, den Raum nicht mehr mit alkoholisierten Myfest-Gästen und Touristen teilen zu müssen. Lieber eine kleinere, entschlossene Demonstration, so das Motto, als eine große, beliebige. Zu dieser Strategie gehört, dass die Organisatoren die Demonstration nicht anmelden, die Route nicht mit der Polizei abstimmen.

Zwar sind auch nördlich der Spree die meisten „bunten Häuser“ legalisiert, gehören Stiftungen oder dem Träger „Mietshäuser-Syndikat“. Gleichwohl liegen in Friedrichshain, dicht beieinander an der Rigaer und der Liebigstraße, die beiden letzten Häuser der Stadt, die noch die alte Sehnsucht von kollektiv genutzten, besetzten Räumen jenseits des „Systems“ nähren. Das macht es aus Sicht der Aktivisten einfacher, Menschen zu mobilisieren, die diese „Freiräume“ verteidigen wollen.

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