Es ist mehr Platz. Auch am Nachmittag sind die engen Straßen von Kreuzberg SO36 nicht so überfüllt, dass es weder vor noch zurück geht. Der Raum, den der Verzicht auf mehr als zehn Bühnen und zahlreiche Essens- und Getränkestände gebracht hat, entspannt die Lage im Vergleich zu den klaustrophobischen Zuständen auf dem Myfest vor einem Jahr deutlich. Das Publikum strömt, aber die Stimmung bleibt entspannt. „Keinerlei Probleme“, meldet ein Polizist des mit gelben Leibchen gekennzeichneten „Kommunikationsteams“, „es ist alles sehr entspannt“. Auch die Polizei habe dazugelernt: „Wir sind lockerer geworden.“

1. Mai in Berlin

Zehntausende Berliner sind bei Frühlingssonne am Sonntag zum „Myfest“ in Kreuzberg gekommen.
Zehntausende Berliner sind bei Frühlingssonne am Sonntag zum „Myfest“ in Kreuzberg gekommen. © Jörg Krauthöfer
Auf den Straßen und Plätzen sind viele Familien unterwegs.
Auf den Straßen und Plätzen sind viele Familien unterwegs. © Getty Images | Carsten Koall
In den Parks haben es sich viele junge Leute gemütlich gemacht.
In den Parks haben es sich viele junge Leute gemütlich gemacht. © Getty Images | Carsten Koall
Wer etwas anderes als Zuckerwatte essen möchte, findet reichlich Gegrilltes am Straßenrand.
Wer etwas anderes als Zuckerwatte essen möchte, findet reichlich Gegrilltes am Straßenrand. © Getty Images | Carsten Koall
Der 1. Mai hat auch viele Künstler nach draußen gelockt.
Der 1. Mai hat auch viele Künstler nach draußen gelockt. © Getty Images | Carsten Koall
Den Feuerkünstlern wird es bei dem sonnigen Wetter besonders warm.
Den Feuerkünstlern wird es bei dem sonnigen Wetter besonders warm. © Getty Images | Carsten Koall
Am Nachmittag ist die Stimmung munter und friedlich.
Am Nachmittag ist die Stimmung munter und friedlich. © Getty Images | Carsten Koall
Die Auslastung des Versammlungsgeländes liege bei bis zu 100 Prozent, sagte ein Sprecher der Polizei am Sonntagnachmittag.
Die Auslastung des Versammlungsgeländes liege bei bis zu 100 Prozent, sagte ein Sprecher der Polizei am Sonntagnachmittag.© dpa | Kay Nietfeld
Die absolute Zahl an Besuchern könne nicht beziffert werden, es seien aber mehrere Zehntausend, so ein Sprecher der Polizei.
Die absolute Zahl an Besuchern könne nicht beziffert werden, es seien aber mehrere Zehntausend, so ein Sprecher der Polizei. © Getty Images | Carsten Koall
Überall in Kreuzberg wird getanzt und musiziert.
Überall in Kreuzberg wird getanzt und musiziert. © Jörg Krauthöfer
Zwischen den Musikern wird immer wieder Bier und Sekt verkauft.
Zwischen den Musikern wird immer wieder Bier und Sekt verkauft. © Jörg Krauthöfer
Auch ohne Instrumente kann man auffallen. Zum Beispiel mit Kostüm und Einrad.
Auch ohne Instrumente kann man auffallen. Zum Beispiel mit Kostüm und Einrad. © dpa | Kay Nietfeld
Als Jongleur auf einem Einrad hat man eine gute Sicht über die Massen.
Als Jongleur auf einem Einrad hat man eine gute Sicht über die Massen. © dpa | Kay Nietfeld
Bei zehntausenden von Menschen reichen die wenigen Mülleimer nicht aus.
Bei zehntausenden von Menschen reichen die wenigen Mülleimer nicht aus. © Jörg Krauthöfer
Bei 18 Grad lässt es sich besonders entspannt feiern.
Bei 18 Grad lässt es sich besonders entspannt feiern. © dpa | Kay Nietfeld
Da zieht mancher Mayfest-Gast auch sein Oberteil aus.
Da zieht mancher Mayfest-Gast auch sein Oberteil aus. © dpa | Kay Nietfeld
Andere Besucher schieben zwischen Bier und Tanz ein kleines Schläfchen ein.
Andere Besucher schieben zwischen Bier und Tanz ein kleines Schläfchen ein. © dpa | Kay Nietfeld
Ramona Pop, die Vorsitzende der Fraktion von Bündnis 90/Die Grünen im Abgeordnetenhaus in Berlin, spricht mit Polizisten.
Ramona Pop, die Vorsitzende der Fraktion von Bündnis 90/Die Grünen im Abgeordnetenhaus in Berlin, spricht mit Polizisten. © dpa | Maurizio Gambarini
Auch die kleinsten Besucher lassen sich von lauter Musik nicht am Schlafen stören.
Auch die kleinsten Besucher lassen sich von lauter Musik nicht am Schlafen stören. © dpa | Kay Nietfeld
Weniger entspannt geht es auf den Demonstrationen zu, die traditionell die Maifeierlichkeiten begleiten.
Weniger entspannt geht es auf den Demonstrationen zu, die traditionell die Maifeierlichkeiten begleiten. © Ulrich Kraetzer
Die Teilnehmer haben ihre Forderungen auf große Plakate und Banner geschrieben.
Die Teilnehmer haben ihre Forderungen auf große Plakate und Banner geschrieben. © Jörg Krauthöfer
Andere Demonstranten tragen Schilder.
Andere Demonstranten tragen Schilder. © dpa | Maurizio Gambarini
Trotz Verbots laufen die Demonstranten die Oranienstraße entlang.
Trotz Verbots laufen die Demonstranten die Oranienstraße entlang. © REUTERS | FABRIZIO BENSCH
Linke Gruppen demonstrieren  unter dem Motto "Grenzenloser Widerstand - gegen Krieg und Kapital - für die soziale Revolution weltweit".
Linke Gruppen demonstrieren unter dem Motto "Grenzenloser Widerstand - gegen Krieg und Kapital - für die soziale Revolution weltweit". © dpa | Kay Nietfeld
Vermummte Teilnehmer haben Bengalisches Feuer gezündet.
Vermummte Teilnehmer haben Bengalisches Feuer gezündet.© dpa | Maurizio Gambarini
Die Luft über den Demonstranten ist voller Rauch.
Die Luft über den Demonstranten ist voller Rauch. © dpa | Maurizio Gambarini
Ein Vermummter wirft bei der Demonstration mit Steinen.
Ein Vermummter wirft bei der Demonstration mit Steinen. © dpa | Kay Nietfeld
Es kommt zu Flaschen- und Steinwürfen.
Es kommt zu Flaschen- und Steinwürfen. © dpa | Kay Nietfeld
Die Polizisten versuchen die Flaschenwerfer zu erreichen. Dabei fällt eine Frau zu Boden.
Die Polizisten versuchen die Flaschenwerfer zu erreichen. Dabei fällt eine Frau zu Boden. © dpa | Kay Nietfeld
Vermummte sind auf ein Dach geklettert.
Vermummte sind auf ein Dach geklettert.© dpa | Maurizio Gambarini
Mehrere Menschen werden verletzt.
Mehrere Menschen werden verletzt. © dpa | Kay Nietfeld
Nach den Flaschen- und Steinwürfen hat die Polizei zwei Verdächtige festgenommen.
Nach den Flaschen- und Steinwürfen hat die Polizei zwei Verdächtige festgenommen.© dpa | Kay Nietfeld
Am Rande der Demonstration feiern die Menschen weiter.
Am Rande der Demonstration feiern die Menschen weiter. © Jörg Krauthöfer
Nach den vereinzelten Flaschen- und Steinewürfen ist es wieder friedlich.
Nach den vereinzelten Flaschen- und Steinewürfen ist es wieder friedlich. © Jörg Krauthöfer

In diesem Jahr spielt Politik beim Myfest eine deutlich größere Rolle. Auf der Bühne am Heinrichplatz wirbt Tommy vom Bündnis Volksentscheid für die Initiative, die direkte Demokratie erleichtern will. „Es gibt jede Menge Skandale in der Stadt“, ruft der Aktivist mit dem goldenen Karnevalshut. „Die Parteien versagen, wir brauchen Volksentscheide, um Fehlentscheidungen zu korrigieren.“ Die Menschen klatschen freundlich, auch das schwedische Mädchentrio, das kein Wort verstanden hat und sich Caipirinha-Becher auf die Köpfe stellt fürs Selfie.

Der Mariannenplatz war schon immer der inhaltsschwerste Ort des Myfestes. Heute dominiert hier die Linke aus Friedrichshain-Kreuzberg als Mitveranstalter. Alle haben ihren Platz an den Ständen. Die Spanier der Podemos-Partei, die amerikanischen Unterstützer von US-Präsidentschaftskandidat Bernie Sanders, das Komitee für die Freilassung politischer Gefangener im Iran, der Kongress „Marx ist ein Muss“, die Kämpfer gegen den „schmutzigen Deal mit der Türkei“. Auch Straßentheater ist politisch, wenn zwischen Jonglieren und Tanz proklamiert wird, es müsse ein Menschenrecht sein, im öffentlichen Raum kulturelle Vorführungen zu geben.

Manche der Anwohner verweigern sich dem Treiben

Das Volk ist bunt an diesem Tag. Auf der Bühne der Linken suchen sie eine Klammer, Gemeinsamkeiten jenseits von Bier und Köfte. Bezirkschef Pascal Meiser erinnert an Istanbul, wo Polizisten gegen die Mai-Demonstration vorgegangen seien. „Es ist nicht selbstverständlich, dass man an diesem Tag feiern und protestieren kann“, sagt der Politiker. Dieses Recht müsse man verteidigen. Ein Feindbild kommt dem Linken gelegen: Bei ihren Bundesparteitag habe die AfD dem „linksrotgrünen Siff“ den Kampf angesagt. Den im Gras lagernden Menschen ruft Meiser zu: „Wir wollen hier in Kreuzberg der Albtraum der AfD bleiben.“

Politik hin oder her, manche Anwohner zeigen Widerstand gegen das Fest. Das Café Luzia an der Oranienstraße ist mit Planen verhängt. „Der ­1. Mai ist vorbei“ heißt es dort. Zettel informieren, ein „kommerzielles Fest des Konsums“ lehne man ab und entschuldige sich, zuvor „Teil dieser Entwicklung“ gewesen zu sein. „Dann sollen sie doch das Bier umsonst rausgeben“, sagt Dominik, ein alteingesessener Kreuzberger. Im Haus an der Punkrock-Bühne Richtung Görlitzer Park haben Bewohner ein Transparent rausgehängt, die Aufschrift: „#Notmyfest“.

Die wenigsten Feiernden nehmen den Protest zur Kenntnis. Viele Anwohner machen wieder gute Geschäfte. An der Oranienstraße hastet Ina, 18, aus dem Haus, mit einem Tablett voller Obst. Ziel ist ein Nachbarschaftsstand am Ende der Straße. Ein Imbiss auf dem Oranienplatz beschäftigt indes die Polizei. Entgegen der Auflage haben die Betreiber palettenweise Getränke in Plastik- und Glasflaschen im Angebot. Das Ordnungsamt hat es entdeckt. Die Standbetreiber haben sich geweigert, die Drinks abzuräumen. Also wurde die Polizei gerufen. Beamte tragen die Ware nun in ihren weißen Laster. Eine Anzeige gibt es aber nicht, sagt einer der Polizisten.

Gesungene Verse über das Kopftuch der Muslima

In der Bäckerei Antepia an der Manteuffelstraße ist Chefin Ilknur, 44, verärgert. Polizei und Ordnungsamt verbieten ihr, Getränke ohne Konzession für Sonntagsverkauf zu vertreiben. „Da geht mir ein Riesengeschäft verloren.“ Aber der Tag bietet Kreuzbergern auch ein Forum. Auf der Hip-Hop-Bühne am Oranienplatz rappt die zwölfjährige Alice vor jungem Publikum, Cannabisdämpfe wabern. „Dieses Land ist für alle Menschen“, reimt das Mädchen, „seid froh, dass es euch gut geht.“

Am Heinrichplatz steht eine junge Muslima auf der Bühne. Im Stile der Slam Poetry besingt sie ihr Kopftuch, das „schwarze Gewand“, dass niemand in den Dreck ziehen solle, den Text liest sie vom Smartphone ab. Als ein Rollstuhlfahrer sie als „Sklavin“ tituliert, holen Ordnungskräfte den Mann aus der Menge. Eine Veranstalterin der Bühne ergreift das Mikro: „Manche haben immer noch nicht verstanden, wofür das Myfest steht“, sagt sie.