Es ist mehr Platz. Auch am Nachmittag sind die engen Straßen von Kreuzberg SO36 nicht so überfüllt, dass es weder vor noch zurück geht. Der Raum, den der Verzicht auf mehr als zehn Bühnen und zahlreiche Essens- und Getränkestände gebracht hat, entspannt die Lage im Vergleich zu den klaustrophobischen Zuständen auf dem Myfest vor einem Jahr deutlich. Das Publikum strömt, aber die Stimmung bleibt entspannt. „Keinerlei Probleme“, meldet ein Polizist des mit gelben Leibchen gekennzeichneten „Kommunikationsteams“, „es ist alles sehr entspannt“. Auch die Polizei habe dazugelernt: „Wir sind lockerer geworden.“
1. Mai in Berlin
In diesem Jahr spielt Politik beim Myfest eine deutlich größere Rolle. Auf der Bühne am Heinrichplatz wirbt Tommy vom Bündnis Volksentscheid für die Initiative, die direkte Demokratie erleichtern will. „Es gibt jede Menge Skandale in der Stadt“, ruft der Aktivist mit dem goldenen Karnevalshut. „Die Parteien versagen, wir brauchen Volksentscheide, um Fehlentscheidungen zu korrigieren.“ Die Menschen klatschen freundlich, auch das schwedische Mädchentrio, das kein Wort verstanden hat und sich Caipirinha-Becher auf die Köpfe stellt fürs Selfie.
Der Mariannenplatz war schon immer der inhaltsschwerste Ort des Myfestes. Heute dominiert hier die Linke aus Friedrichshain-Kreuzberg als Mitveranstalter. Alle haben ihren Platz an den Ständen. Die Spanier der Podemos-Partei, die amerikanischen Unterstützer von US-Präsidentschaftskandidat Bernie Sanders, das Komitee für die Freilassung politischer Gefangener im Iran, der Kongress „Marx ist ein Muss“, die Kämpfer gegen den „schmutzigen Deal mit der Türkei“. Auch Straßentheater ist politisch, wenn zwischen Jonglieren und Tanz proklamiert wird, es müsse ein Menschenrecht sein, im öffentlichen Raum kulturelle Vorführungen zu geben.
Manche der Anwohner verweigern sich dem Treiben
Das Volk ist bunt an diesem Tag. Auf der Bühne der Linken suchen sie eine Klammer, Gemeinsamkeiten jenseits von Bier und Köfte. Bezirkschef Pascal Meiser erinnert an Istanbul, wo Polizisten gegen die Mai-Demonstration vorgegangen seien. „Es ist nicht selbstverständlich, dass man an diesem Tag feiern und protestieren kann“, sagt der Politiker. Dieses Recht müsse man verteidigen. Ein Feindbild kommt dem Linken gelegen: Bei ihren Bundesparteitag habe die AfD dem „linksrotgrünen Siff“ den Kampf angesagt. Den im Gras lagernden Menschen ruft Meiser zu: „Wir wollen hier in Kreuzberg der Albtraum der AfD bleiben.“
Politik hin oder her, manche Anwohner zeigen Widerstand gegen das Fest. Das Café Luzia an der Oranienstraße ist mit Planen verhängt. „Der 1. Mai ist vorbei“ heißt es dort. Zettel informieren, ein „kommerzielles Fest des Konsums“ lehne man ab und entschuldige sich, zuvor „Teil dieser Entwicklung“ gewesen zu sein. „Dann sollen sie doch das Bier umsonst rausgeben“, sagt Dominik, ein alteingesessener Kreuzberger. Im Haus an der Punkrock-Bühne Richtung Görlitzer Park haben Bewohner ein Transparent rausgehängt, die Aufschrift: „#Notmyfest“.
Die wenigsten Feiernden nehmen den Protest zur Kenntnis. Viele Anwohner machen wieder gute Geschäfte. An der Oranienstraße hastet Ina, 18, aus dem Haus, mit einem Tablett voller Obst. Ziel ist ein Nachbarschaftsstand am Ende der Straße. Ein Imbiss auf dem Oranienplatz beschäftigt indes die Polizei. Entgegen der Auflage haben die Betreiber palettenweise Getränke in Plastik- und Glasflaschen im Angebot. Das Ordnungsamt hat es entdeckt. Die Standbetreiber haben sich geweigert, die Drinks abzuräumen. Also wurde die Polizei gerufen. Beamte tragen die Ware nun in ihren weißen Laster. Eine Anzeige gibt es aber nicht, sagt einer der Polizisten.
Gesungene Verse über das Kopftuch der Muslima
In der Bäckerei Antepia an der Manteuffelstraße ist Chefin Ilknur, 44, verärgert. Polizei und Ordnungsamt verbieten ihr, Getränke ohne Konzession für Sonntagsverkauf zu vertreiben. „Da geht mir ein Riesengeschäft verloren.“ Aber der Tag bietet Kreuzbergern auch ein Forum. Auf der Hip-Hop-Bühne am Oranienplatz rappt die zwölfjährige Alice vor jungem Publikum, Cannabisdämpfe wabern. „Dieses Land ist für alle Menschen“, reimt das Mädchen, „seid froh, dass es euch gut geht.“
Am Heinrichplatz steht eine junge Muslima auf der Bühne. Im Stile der Slam Poetry besingt sie ihr Kopftuch, das „schwarze Gewand“, dass niemand in den Dreck ziehen solle, den Text liest sie vom Smartphone ab. Als ein Rollstuhlfahrer sie als „Sklavin“ tituliert, holen Ordnungskräfte den Mann aus der Menge. Eine Veranstalterin der Bühne ergreift das Mikro: „Manche haben immer noch nicht verstanden, wofür das Myfest steht“, sagt sie.




































