Tag der Arbeit

1. Mai in Berlin - Selfie mit Revolutions-Aroma

Morgenpost-Autor Hajo Schumacher läuft am 1. Mai kreuz und quer durch Berlin - und erlebt dabei eine Hauptstadt zwischen Antikapitalismus und Schirmchengetränken.

Foto: Sergej Glanze / Reto Klar

Die ganze tragische Putzigkeit des 1. Mai entrollt sich mittags vor dem Brandenburger Tor. Menschen mit roten Fahnen und Solidaritätsgesichtern rufen Dinge. Ein Zaun auf dem Pariser Platz schützt 20 gewaltige Pferde-Skulpturen des mexikanischen Künstlers Gustavo Aceves, die zur Quadriga emporblicken. Sonnabend werden die Gedenkpferde enthüllt, die ans Kriegsende erinnern sollen, weshalb unter manche Eisenbahnschwellen geschraubt sind. Kulturstaatssekretär Tim Renner wird teilnehmen.

Schwer zu sagen, wer zum Demonstrieren hier ist, wer Demonstrierende begucken will und wer zu den 1,5 Millionen Touristen gehört, die dieser Tage die Hauptstadt bevölkern und ebenso zufällig wie dankbar in die Demo-Festspiele geraten sind. Ein Selfie vor den Fahnen der sozialistischen Partei Chiles und der Trommelgruppe der GEW – das ist doch mal ein Motiv, das ist Berlin.

Der stillschweigende Pakt der Hauptstadt lautet: bisschen Sonne, bisschen Kultur, bisschen Kritik, bisschen Hitler – keiner weiß genau, was los ist, aber immerhin ist was los, also fotografieren wir uns gegenseitig, damit jeder zu Hause was zu erzählen hat. Jeder ist Darsteller und Zuschauer zugleich, bereitwillig werden gemeinsam Bilder gebastelt. Bühne Berlin, dit is mal Konsens hier, wa. Soll doch die Welt ruhig glauben, hier sei der Ausnahmezustand Alltag.

Nie ist Berlin mehr Berlin als am 1.Mai, dem Auftakt zur Freiluftsaison, Karneval der Protest- und Appeasementkulturen, mit dem Unterschied, dass jeder Karneval politisch relevanter ist. Die Berliner und ihre Besucher feiern sich, verachten sich, rempeln sich, beglotzen und betrinken sich. Ein Tag voller Vergangenheitskult, emotional bisweilen hitzig, dafür inhaltlich umso leerer.

Fress-Stände und Alkohol

Egal, Historienspiele gehen immer. Und Bilder für die Tagesschau liefern 3000 DGB-Sympathisanten auf dem Pariser Platz, zwischen Hüpfburg und Filterkaffee. Gemein nur, dass die Bundesarbeitsministerin persönlich dafür gesorgt hatte, dass keine aktuelle Ungerechtigkeit zu beklagen war. Mit Hinweis auf den 1. Mai hatte Andrea Nahles im Koalitionsausschuss letzte Woche verhindert, dass auch nur ein Komma an der Mindestlohnregelung verändert würde. So blieb der Gewerkschaft nur die Wellness-Mobilisierung.

Statt eintönigem Transparentmarsch waren die Teilnehmer sternförmig zu Fuß, auf Rollschuhen und Rädern angereist. Demo in Kombination mit Frühsport zieht heutzutage deutlich besser als Protest pur. Eindrucksvoll auch der Motorrad-Korso, der im Namen des Mindestlohns mit Polizeieskorte über den Kudamm herangebraust war. Es spricht für gelassene Selbstironie, auf sündhaft teuren Spaßmobilen mit Verdi-Fahne am Heck die eigenen Verelendungstheorien zu konterkarieren.

Die Außenwette bestreiten zeitgleich ein paar Dutzend NPD-Hanseln, die erst in Hohenschönhausen und dann in Marzahn ihren Widersachern die Chance geben, mit friedlichen Blockaden auf sich aufmerksam zu machen. Zahllose Polizisten sorgen dafür, dass kein Krawall aufkommt. Den gibt es in Weimar, wo Rechte eine DGB-Demo attackieren. Keine Polizei vor Ort. Wahrscheinlich waren die Thüringer Ordnungshüter zu den Revolutionsfestspielen nach Berlin beordert worden.

Komparsenhaftes Demo-Personal

Wie gern wäre man in Berlin so richtig relevant rund um diesen mythenhaften Feiertag, dem gefühlten Sommeranfang, dem Tag der Arbeit, dem Tag der Haymarket-Aufstände 1886 in Chicago, wo 90.000 streikten, dem Tag, den Hitler kaperte und später die Steineschmeißer, dem Tag, als der DDR-Student Roland Jahn mit einem leeren weißen Schild zur Demonstration ging, was ihm die Exmatrikulation und Besinnungsjahre in der Produktion einbrachte. Heute leitet Jahn die Stasi-Unterlagenbehörde.

Aber für historisches Bewusstsein ist das Demo-Personal 2015 zu komparsenhaft. Wer sich da am Vorabend auf dem Leopoldplatz aufgestellt hat, weist weder inhaltlich noch ästhetisch auf eine neue Zeit hin. Eine Sprecherin erklärt vom Lastwagen, dass Grundbesitzer früher einen Kopf kürzer gemacht worden seien, eine Tradition, die es wiederzubeleben gelte. Niedlich. Eine Notrufnummer wird bekannt gegeben – juristische Soforthilfe im Falle der Festnahme. Keiner schreibt mit. „Dreckskapitalistisches System“ hallt es vom Laster. Ein Polizist vom Antikonfliktteam reicht einem Jungen in Schwarz einen Plastikbecher, weil Glas nicht erlaubt ist. Der Antikapitalist wundert sich, bedankt sich höflich und trinkt weiter aus der Bierflasche. Ein Rapper reimt: „Gegen das System müssen wir was unternehm’.“ Was Wut und Opfergestus und Sehnsucht nach Umsturz angeht, kann es die militante Linke mit jedem Pegida-Marsch aufnehmen.

Man ist gegen Mieten und Ausgrenzung, für Griechenland und Flüchtlinge. Dem Spaziergang der 2000 schwarzen Kapuzen-Pullover durch den Wedding schauen jede Menge Ausgegrenzte zu, die aber lieber mit ihren Einkäufen nach Hause wollen anstatt mitzumarschieren. Das machen nur Polizisten und Fotografen, die im Laufe des Abends mit ein paar Bengalos bedient werden, mit kleineren Rangeleien und immerhin einem zerlegten Bushäuschen.

Ist es nun erschreckend oder drollig, wenn überwiegend junge Menschen im Mao-T-Shirt die Demos der 80er-Jahre nachspielen während sie und ihre Rechte und ihre Zukunft weit weniger von der Polizei ringsum bedroht werden als womöglich vielmehr von ihren Smartphones, die unablässig Daten wer weiß wohin liefern? Wenn an diesem 1. Mai Zukunft zu sehen ist, dann in der Arena in Treptow, wo sich Zehntausend junge Menschen mit der Machtmachine YouTube befassen. Wenn an diesem 1. Mai Themen gesetzt werden, dann mit der Kunstaktion „Anything to say“ auf dem Alexanderplatz, wo den Whistleblowern Julian Assange, Chelsea Manning und Edward Snowden ein temporäres Denkmal gesetzt wird. Kennzeichen von Revolutionen ist es wohl, dass sie garantiert nicht dort geschehen, wo sie verkündet werden.

Behördlich genehmigtes Lagerfeuer und Friedensgebet

Weit vor Mitternacht verläuft sich der Protestzug rund um den Mauerpark, wo Anwohner ein kleines, nettes Fest organisiert haben mit behördlich genehmigtem Lagerfeuer und Friedensgebet, mit Feuerkünstlern und Dub-DJs, die mit dem Rad angereist sind. Die „Friedvolle Walpurgisnacht“ hat weder Sponsoren noch großmäulige Kundgebungen, dafür das Motto „Liebet Eure Feinde“. Ein gesittetes Parkfest für Menschen, die Lastenräder statt SUV fahren, in Bioläden einkaufen, gegen Gentrifizierung und Ausgrenzung sind, aber auch gegen Gewalt. Mit dem ruhigen Miteinander wird leider das Hauptthema des 1. Mai verfehlt: einfach mal auffallen.

Und Kreuzberg? Auf dem früheren Schlachtfeld kreuzt sich längst die Attitüde des Antikapitalismus mit überteuerten Schirmchengetränken und unzähligen Fress-Ständen, die belagert werden als stünde die Rote Armee vor Berlin. So vereint sich These (Scheißkapitalismus) mit Antithese (scheißteure Caipirinha) zur Synthese (Scheißkater morgen). Aus den Klubs am Schlesischen Tor kommen Scharen von Touristen mit glasigen Augen, die sich erstmal den Kreuzberger Frühstücksklassiker genehmigen: Döner und Caipirinha.

Seit der völlig entgleisten Demo am 1. Mai 1987, als die Polizei das Gebiet SO36 zeitweise aufgab, als selbst unbeteiligte Bürger sich an Plünderungen beteiligten, als 400 Verletzte gezählt wurden und als die Stadt sich zu Recht für sich selbst schämte, ist Kreuzberg langsam befriedet worden. Seit zwölf Jahren gibt es jetzt das Myfest, Start für den alljährlichen Berliner Freiluftalkoholismus und Sedierungsinstanz für potenzielle Mitläufer. Mit ein paar Mollen im Kopp randaliert sich halt nicht mehr so gut. Auf dem Bordstein hocken Punk-Veteranen in rotem Karo, erzählen sich Geschichten von früher und trinken Bier. An der Bühne steht „Hardcore“. Es ist wie mit der Revolution: Wo so was drauf steht, ist es selten drin.

Auf die Leiter für 50 Cent

Am Kottbusser Tor haben Polizisten aus Nordrhein-Westfalen eine Wannenburg um eine Filiale der Berliner Bank errichtet. Es gibt einen Versuch, ein leer stehendes ehemaliges Kaufhaus zu besetzen. Was aber scheitert.

Es gehört zu den ewigen Berliner Geheimnissen, warum die Demo-Route ausgerechnet an der von Flüchtlingen besetzten Gerhart-Hauptmann-Schule vorbeiführt. Durch die Polizisten fotografieren Touristen die Schilder am Zaun: „Lauftraining für Einsteiger“ etwa oder: „Babyturnen“. Hier werden im Laufe des Abends ganz eigene Interpretationen von Willkommenskultur dargeboten werden. Aber zunächst mal spachteln. „Keine Revolution auf nüchternen Magen“ verheißt ein Transparent in der Oranienstraße.

Seit 14 Uhr twittert die Polizei, dass 40.000 Besucher etwas viel für das Myfest seien. Der Gipfel des Kapitalismus: Zwei Schlauberger vermieten für 50 Cent eine Leiter fürs Selfie mit original revolutionärem Kreuzberger Straßenschluchtenhintergrund. Den Grill-Qualm könnte man glatt für Pulverdampf halten. Um 17 Uhr formieren sich drei Dutzend Kämpfer des schwarzen Blocks, um das traditionell unangekündigte „Räuber und Gendarm“ mit der Polizei zu spielen und sich nachher zu beklagen, dass es Senge gab. Zahlenmäßig ist auch an diesem 1.Mai klar geworden, was die Bürger mögen.

Und nächstes Wochenende? 8. Mai. War da nicht was? Ach ja, richtig: die Big Berlin Fashion Show. Gehen wir natürlich auch wieder hin.