In Berlin haben die alljährlichen „Mai-Festspiele“ der linken Szene begonnen, es blieb aber weitgehend ruhig. Erst am späten Abend heizte sich die Stimmung auf dem auf dem Wismarplatz in Friedrichshain auf. Nach friedlich verlaufenden Konzerten kam es zu Rangeleien zwischen Veranstaltungsteilnehmern und der Polizei. Vereinzelt flogen Flaschen und Böller gegen Polizisten, an mehreren Stellen wurden auf der Straße Papier und Abfälle in Brand gesteckt. Mehrere Randalierer wurden in Gewahrsam genommen. Unweit feierten rund 200 Menschen in der Boxhagener Straße unter den Klängen einer Blaskapelle. Größere Randale blieben aber zunächst aus.
Nach Mitternacht hatten sich rund 50 Menschen zu einer Sitzblockade auf der Kreuzung Mainzer/Boxhagener Straße zusammengefunden. In einer ersten Bilanz am Samstag zeigte sich die Polizei „sehr, sehr zufrieden“ mit dem Start des 1.-Mai-Wochenendes. Polizeisprecher Thomas Neuendorf sagte am späten Abend: „Es scheint sich so zu entwickeln, wie wir es gehofft haben.“
Die ersten Veranstaltungen sorgten bereits am Sonnabendnachmittag für starke Polizeipräsenz, Etwa 1000 Demonstranten zogen unter dem Motto „Wir bleiben alle“ durch Mitte und Prenzlauer Berg. Der Aufzug, der sich gegen soziale Verdrängung durch Luxussanierung richtet, war von der Polizei zuvor als „störanfällig“ eingestuft worden. Die Demonstration verlief jedoch ohne größere Zwischenfälle und endete mit einer friedlichen Kundgebung am U-Bahnhof Eberswalder Straße.
Lediglich auf einem Hausdach an der Kastanienallee hatten fünf Vermummte Feuerwerkskörper gezündet und ein Transparent für den Erhalt des Hamburger Autonomenzentrums „Rote Flora“ entrollt. In Begleitung von starken Polizeikräften blieben die zuvor im Internet angekündigten Gewaltaktionen aus. Etwa 100 Teilnehmer des Umzugs waren in schwarz gekleidet. Drei Personen wurden zur Aufnahme ihrer Personalien vorübergehend festgehalten, Festnahmen wegen Straftaten wurden von dieser Demonstration nicht gemeldet.
3000 Menschen bei Park-Party
In der Nacht zuvor hatte es dagegen im Mauerpark in Prenzlauer Berg erste vereinzelte Ausschreitungen und Festnahmen gegeben. Im Mauerpark hatten sich am Freitagabend etwa 3000 Menschen versammelt, um eine sogenannte „Mauerpark-Opening-Party“ zu feiern, für die zuvor im Internet geworben wurde. Während die meisten Besucher friedlich feierten, versuchten einzelne Gruppen nach Einbruch der Dunkelheit und unter zunehmenden Alkoholeinfluss wiederholt, Krawalle anzuzetteln. Aus Sicherheitsgründen war der Park mit Scheinwerfern des Technischen Hilfswerkes ausgeleuchtet. Zunehmend aggressiver werdende Jugendliche warfen immer wieder Steine auf die Lichtanlagen und entzündeten Feuerwerkskörper, so dass die Polizei schließlich einschreiten musste.
Nach Angaben eines Sprechers wurden 70 Personen Platzverweise erteilt. Einige versuchten, sich der Anweisung der Beamten zu widersetzen. Sie hätten die Polizisten heftig beschimpft und beleidigt, sagte der Sprecher. Zwölf Jugendliche und junge Erwachsene wurden vorübergehend festgenommen, gegen neun von ihnen wird jetzt wegen verschiedener Delikte ermittelt. Insgesamt sprach die Polizei dennoch von einer Veranstaltung ohne besondere Probleme.
Die werden traditionell für den 1. Mai erwartet. Bei der um 18 Uhr an der Kottbusser Brücke startenden „Revolutionären Mai-Demo“ ist es bislang noch in jedem Jahr spätestens nach Einbruch der Dunkelheit zu Ausschreitungen gekommen. Ernst nimmt die Polizei auch diverse Aufrufe, das Myfest rund um den Mariannenplatz in Kreuzberg zu stürmen. „Es lässt sich schwer sagen, wie ernst diese Aufrufe genommen werden und wie viele Personen ihnen folgen, aber wir sind für alle Fälle gerüstet“, sagte ein Polizeisprecher.
Einsatzkräfte vor allem in Friedrichshain
Am Sonnabend waren Einsatzkräfte schon tagsüber vor allem in Friedrichshain präsent. In den Jahren zuvor fanden am Boxhagener Platz die stadtweit größten Walpurgisnachtfeiern statt, spätabends gab es dabei immer mal wieder Ausschreitungen. In diesem Jahr mussten die Veranstalter auf den nahe gelegenen Wismarplatz ausweichen, rund um das Areal gab es bereits scharfe Kontrollen. Damit sollte das Flaschenverbot durchgesetzt und verhindert werden, dass gewaltbereite Festbesucher gefährliche Gegenstände, Feuerwerkskörper oder Wurfgeschosse mit auf das Festgelände bringen. Bis 22 Uhr ließen sich bis zu 1500 Gäste mit Live-Musik von mehreren Bands unterhalten, ohne dass es zu Störungen kam. Ähnlich streng waren die Kontrollen auch am Mauerpark, wo ebenfalls rund 1500 Besucher in entspannter Atmosphäre die Walpurgisnacht feierten.
Tagsüber hatten sich die Kreuzberger auf den heutigen Tag vorbereitet. Mehrere Bankfilialen und Discounter am Kottbusser Tor haben in den vergangenen Tagen erste Vorsichtsmaßnahmen ergriffen: Holzplatten und Kunststoffverkleidungen sollen die Fenster vor Zerstörung schützen. Auch die Vorräume der Banken, in denen Geldautomaten stehen, bleiben bis Montagmorgen geschlossen. Viele Kunden standen ratlos vor den verschlossenen Eingängen. „Wo soll ich nun Geld abholen?“, fragte etwa Eva Sprengel (31). Sie wohne in der Nähe und halte die Sperrung der Vorräume für übertrieben. „Ich sehe dem 1. Mai gelassen entgegen“, sagte sie.
Ähnlich beurteilen auch die meisten Laden- und Restaurantbesitzer in der Oranienstraße die Lage. Mit gewalttätigen Ausschreitungen rechnet kaum einer. „Wir erwarten keine Randale, sondern ein friedliches Straßenfest“, sagte Christoph Schock (38), der als Kellner im Restaurant Mirchi arbeitet. Schließlich sei die Atmosphäre im vergangenen Jahr gut gewesen. Ärger mit der Polizei habe es nicht gegeben. Sein Kollege Selcuk Atmaca (38) ergänzte: „Die letzten Unruhen sind drei Jahre her. Sie fanden in der Mariannenstraße statt.“ Damals hatte die Polizei eingreifen müssen. Doch für dieses Jahr richte sich das Restaurant auf einen großen Andrang der Gäste ein. „Chaotisch wird es in der Küche, nicht auf der Straße“, so Atmaca.
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