Der Pharmakonzern Pfizer flog in Berlin zwei Jahre lang unter dem Radar der Öffentlichkeit – zumindest was die Digitalisierung des Unternehmens betrifft. Sein Mitbewerber Bayer stand dagegen mit dem „Grants4Apps“-Brutkasten für Gründer und dem Labor-Ableger „CoLaborator“ im Fokus des Interesses. Junge Unternehmen erhalten dort Starthilfe, Geld und Arbeitsraum. Auch die Partys des Pharmariesen sind legendär.
Jetzt wagt sich Pfizer zum ersten Mal aus der Deckung. „Die Digitalisierung bewegt uns alle. Ihre Dynamik nimmt zu. Sie wird alle Akteure herausfordern und große neue Chancen bieten“, sagte Pfizer-Deutschlandchef Peter Albiez am Montag in Berlin und ergänzte: „Wir stehen da erst am Anfang.“
Eine Art Google für klinische Studien
Albiez stellte das „Berlin HealthCareLab“ seines Konzerns vor – zwei Jahre nach der Gründung. Zwei Start-ups haben bereits Produkte vorzuweisen. Weitere sollen folgen. So bietet Viomedo eine Art Google für klinische Studien.
Patienten erfahren dort, für welche Pharma-Studien Testpersonen gesucht werden. Die klinische Forschung ist ein Schwerpunkt der Pfizer-Aktivitäten am Potsdamer Platz. Viomedo listet insgesamt 2000 Studien und arbeitet dazu mit Pharmafirmen, Patientenorganisationen und Forschern zusammen – eine Fundgrube für Patienten auf der Suche nach einer Therapie.
Tragbarer Sensor gegen den Herzinfarkt
Das Unternehmen Cortium hat einen tragbaren Sensor entwickelt, der Vitalwerte wie Herzaktivität, Atemfrequenz und Temperatur misst und speichert. Das Gerät kommt ohne Kabel aus und wird mit drei Saugnäpfen auf der Brust befestigt.
Wer den Apparat mit einer Smartphone-App verbindet, kann seine Gesundheitsdaten an den behandelnden Arzt senden. „Dadurch können Herz-Kreislauf-Erkrankungen frühzeitig erkannt werden. Und Patienten können ihre Herz-Kreislauf-Werte einfach und unkompliziert selbst beobachten“, sagt Gründer Eric Poulsen.
Medikamente bleiben Kerngeschäft
„Unser Kerngeschäft bleibt auf absehbare Zeit die Entwicklung von Medikamenten und Impfstoffen“, unterstreicht Albiez, für den die Kooperation mit Start-ups ein Geben und Nehmen ist. Der Konzern bringe Expertise und Finanzkraft ein.
Die Start-ups tragen dazu bei, die Innovationskultur des Unternehmens zu fördern und mit ihren Angeboten Diagnose, Früherkennung und das Therapieergebnis zu verbessern. „Wir wollen Digital Health-Lösungen entwickeln, die eine sinnvolle Ergänzung zu unseren Medikamenten darstellen und Patienten helfen, bessere Behandlungsergebnisse zu erzielen“, sagte Albiez.
Gründergeist unter den Angestellten stärken
Die Unternehmerin Ekaterina Karabasheva ist bei Pfizer Ansprechpartnerin der Gründer. „Wir haben uns 200 Start-ups angeschaut“, sagt sie. Bei einer „Sprechstunde“ werden Erfinder und Konzern-Experten vernetzt. Karabasheva stärkt mit der Veranstaltungsreihe „Healthcare 2020“ auch den Gründergeist unter den Angestellten. Für das kommende Jahr plant sie einen Gründer-Wettbewerb. Neben ihrem Pfizer-Job entwickelt sie in Berlin „Jourvie“, eine Smartphone-App, die therapiebegleitend Hilfe bei Essstörungen bietet.
In der Pfizer-Zentrale mit 600 Beschäftigten am Potsdamer Platz laufen die Fäden der Klinischen Forschung zusammen. Ferner wird dort das Geschäft in Deutschland gesteuert. In Freiburg gibt es eine Medikamentenfabrik mit einer Jahresproduktion von 200 Millionen Packungen. Die Grundlagenforschung erfolgt in den USA.


