Kommende Woche verwandelt sich die Messe Frankfurt in eine Welt für Verlage, Autoren und Leser. Vom 19. bis 23. Oktober dreht sich alles ums Buch. Eines der wichtigen Themen in diesem Jahr: E-Books. 3,9 Millionen Menschen kauften sich 2015 in Deutschland elektronische Bücher. Der Markt ist insgesamt noch klein, wächst aber rasant. Jetzt steigt sogar Aldi in den Markt ein, auf dem unter anderem der US-Internethändler Amazon mit den etablierten Buchhändlern um Kunden wetteifert.

Einen gnadenlosen Preiskampf wird es in Deutschland allerdings nicht geben. Seit Anfang September gilt auch für elektronische Bücher, was für die klassisch gebundenen gilt: die Buchpreisbindung. Ob in der kleinen Buchhandlung um die Ecke, dem mehrstöckigen Buchkaufhaus oder den Weiten des Internets – in Deutschland sollen Kunden für neu erschienene Bücher überall denselben Preis zahlen. Um dies zu gewährleisten, sind Verlage dazu verpflichtet, für ihre Neuerscheinungen verbindliche Ladenpreise festzusetzen, das Gesetz gibt es im Kern seit 2002.

Obwohl Sony bereits 1990 mit dem Data Discman den ersten Versuch eines elektronischen Lesegerätes startete und 1999 NuvoMedia einen E-Book-Reader auf den amerikanischen Markt brachte, wurden E-Books in der deutschen Buchpreisregelung nicht miteinbezogen. Nach weiteren Neuerscheinungen auf dem Markt der elektronischen Bücher startete Amazon 2007 den Kindle in den USA. Dann folgten weitere Konzerne mit ihren Modellen, etwa Kobo aus Kanada. In Deutschland taten sich führende Buchhändler mit der Deutschen Telekom zusammen und brachten Tolino auf den Markt.

Die Geräte sind das eine, die Bücher das andere. Der E-Book-Anteil am Buchmarkt (ohne Schul- und Fachbücher) betraf im vergangenen Jahr 4,5 Prozent. Am beliebtesten bei den Lesern ist Unterhaltungsliteratur, die 86 Prozent des E-Book-Umsatzes ausmacht. Ganz oben auf der Tolino-E-Book-Bestsellerliste stehen zurzeit „Harry Potter und das verwunschene Kind“ von J. K. Rowling und der Krimi „Himmelhorn“ von Volker Klüpfel und Michael Kobr. Setzten die Verlage und Buchhändler 2009 nur drei Millionen Euro mit belletristischen E-Books um, waren es im vergangenen Jahr rund 367 Millionen Euro. Branchenexperten schätzen, dass es 2019 bereits 784 Millionen Euro sein werden.

Angesichts der Entwicklung sei es Zeit, auch für E-Books einen verbindlichen Ladenpreis festzulegen, befand im Februar 2016 das Kabinett und beschloss eine Gesetzesänderung. Wirtschafts- und Energieminister Sigmar Gabriel (SPD) lobte das Gesetz als einen Anreiz für „weitere innovative Entwicklungen in der Buchbranche“, Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) sprach von einem „guten Tag für die Buchkultur in Deutschland“.

Während Gegner des Gesetzes von einem Eingriff in die freie Marktwirtschaft und einem Preisanstieg für Konsumenten sprechen, begründen Befürworter die Regelung mit der Sonderstellung des Buches als Kulturgut. Durch die Buchpreisbindung würden Qualität und Vielfalt des Buchmarktes gewährleistet. Um „eine intakte Buchhandelslandschaft“ zu erhalten, sei das Gesetz notwendig, sagt Thomas Koch, Sprecher des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels.

Von der Preisbindung ausgenommen sind unter anderem fremdsprachige E-Books. Darüber hinaus werden den Verlagen weitere Freiräume gestattet. So sind sie zwar zur Preisfestsetzung verpflichtet, dürfen in der Preisgestaltung jedoch flexibel handeln. Das heißt, sie können Sonderpreise wie Mengenpreise festlegen, die dann wiederum bindende Ladenpreise sind. Auch die Preise unterschiedlicher Formate wie Taschenbuch, Hardcover oder E-Book dürfen variieren. Wenn sich ein Titel als Ladenhüter entpuppt, haben die Verlage außerdem die Möglichkeit, den Ladenpreis zu verringern.

Der E-Book-Markt sei wichtig für Verlage, sagt Marco Verhülsdonk, Leiter von Onlinekommunikation und E-Book bei Kiepenheuer & Witsch. Der Verlag vermarkte seit 2009 E-Books und habe mittlerweile mehr als 800 Titel im Digitalprogramm. Der Umsatzanteil sei stetig gewachsen und habe sich in den vergangenen zwei Jahren in einem zweistelligen Prozentbereich stabilisiert. Auf der Buchmesse will der Verlag seine neue E-Book-Reihe „Kiwi Bibliothek“ vorstellen, in der „wichtige und lesenswerte Sachbücher und Romane“ wie eine Ignazio-Silone-Biografie und ein Mallorca-Krimi erscheinen sollen.

Um dem Buchpreisbindungsgesetz zu entfliehen, versuchen einige Kunden über Internetdienste wie Amazon im Ausland zu günstigeren Büchern zu gelangen. Kein wirksamer Trick, sagt Koch. Denn obwohl es in einigen Ländern wie der Schweiz, Großbritannien und den USA keinen einheitlichen Buchpreis gibt, hilft es deutschen Käufern nicht, etwa über Amazon.co.uk ihre Bücher zu bestellen.

Die Gesetzesänderung enthalte eine Regelung, die die Preisbindung auch für grenzüberschreitende Buchverkäufe verpflichtend mache, sagt Koch. Es komme immer auf den Standort des Kunden an. „Amazon muss sicherstellen, dass es deutschen Kunden keine preisungebundenen Bücher verkauft.“

Als nächsten Schritt Richtung Annäherung gedruckter und elektronischer Bücher verlangen die Verlage einheitliche Steuersätze. „Wir fordern seit Langem die steuerliche Gleichberechtigung“, sagt Koch. Während gedruckte Bücher dem Steuersatz von sieben Prozent unterliegen, betragen die Steuern für E-Books 19 Prozent.