Im 19. Jahrhundert schickte die Confiserie Sawade Pralinen und andere Köstlichkeiten an seine Königliche Hoheit Prinz Wilhelm von Preußen. Eine bessere Werbung als den Titel eines Hoflieferanten konnte man sich als Unternehmen damals nicht wünschen. Auch weniger vornehme Berliner wollten dann nämlich dieselben Süßigkeiten naschen wie der Prinz. Sawade wurde zum beliebtesten Pralinenhersteller Berlins.

Von diesem Ruf war zuletzt nicht mehr viel übrig. Das Traditionshaus setzte zwar noch rund drei Millionen Euro im Jahr um und produzierte auf dem firmeneigenen Gelände in Reinickendorf täglich bis zu zwei Tonnen Pralinen. Doch es gab Schwierigkeiten mit den Abnehmern.

Große Handelsketten wollten die Produkte teilweise bis zu einem halben Jahr lagern, was Sawade nicht garantieren konnte, weil die Zutaten frisch sind. Außerdem fehlte Kapital, um große Aufträge vorzufinanzieren. Ende Juli musste das Unternehmen beim Amtsgericht Charlottenburg Insolvenz wegen Zahlungsunfähigkeit beantragen. Es schien das Ende eines 1880 gegründeten Betriebs zu sein, dessen Marke Zwei Weltkriege und die jahrzehntelange Teilung Berlins überstanden hatte.

Doch der Abgesang war verfrüht. Sawade ist gerettet. Die beiden Berliner Unternehmer Melanie und Benno Hübel wollen die Marke wieder aufleben lassen. Sie haben den Zuschlag erhalten und die entsprechende Vereinbarung mit dem Insolvenzverwalter unterzeichnet. Nun wollen die beiden Sawade am Standort im Stadtteil Reinickendorf in Schwung bringen und die rund 50 Mitarbeiter weiter beschäftigen.

Vom Fotobuch zur Schokolade

Für die beiden Investoren ist der Schritt offenbar eine Herzensangelegenheit. „Als Berlinerin freut es mich, dieses so traditionsreiche Unternehmen in meiner Heimatstadt neu beleben zu dürfen“, sagt Melanie Hübel. „Die Mitarbeiter haben uns mit ihrem Engagement für Sawade und den hochwertigen Produkten sofort begeistert.“ Die 37-Jährige ist Grafik-Designerin und hat schon in verschiedenen Design- und Werbeagenturen gearbeitet. In den vergangenen zehn Jahren hat sie gemeinsam mit ihrem Mann Benno Hübel die Berliner Digitaldruckerei Koebecke Information Partners zum drittgrößten Fotobuchhersteller Europas aufgebaut.

All diese Erfahrungen wird Melanie Hübel bei Sawade gut einbringen können. Zwar gibt es in der Hauptstadt viele Käufer, die eine Praline von Sawade jederzeit einer anderen vorziehen würden. Doch diese Zahl ist zuletzt nicht mehr gestiegen, im Gegenteil. Die Kunden wurden immer weniger. Ein Grund mag sein, dass in die Verpackung seit Jahren nicht mehr investiert wurde. Dabei ist es für die Käufer einer Praline mindestens genauso wichtig, dass sie die Schachtel schön finden. Die traditionelle Goldpackung von Sawade hat dabei noch einen gewissen Wiedererkennungswert. Doch Neuerungen gab es zuletzt kaum mehr.

Als gelernter Koch ist Benno Hübel an der Unternehmensspitze eine gute Ergänzung. Der 39-Jährige lernte im Hotel InterContinental in Berlin und London. Als Leiter eines Cateringunternehmens sammelte er weitere Erfahrungen im Gastronomiebereich. Anschließend arbeitete er im Mittleren Osten als Unternehmensberater für die dortige Lebensmittelindustrie. Er glaubt an sein Investment. „Wir sind sicher, dass Sawade mit Leidenschaft und Handwerk für feinste Pralinen- und Schokoladenspezialitäten und dem hohem Anspruch an Qualität und Frische eine erfolgreiche Zukunft vor sich hat“, sagt Benno Hübel.

Neue Ideen für das Marketing

Als neue Geschäftsführer wollen Melanie und Benno Hübel die Marke neu positionieren. Dafür wollen sie den Vertrieb der Produkte verändern und ein neues Marketing einführen. Zuletzt gab es mit mehr als 1000 verschiedenen Süßigkeiten – eine fast unübersichtliche Produktvielfalt. An einer Sache wollen die beiden Unternehmern allerdings nicht rütteln. Sie sehen Sawade weiterhin im Segment der hochwertigen Pralinen- und Schokoladenartikel – mit entsprechendem Preis. Allerdings wollen sie die aus ihrer Sicht bestehenden Stärken der Marke mehr in den Vordergrund rücken. So verzichtet Sawade etwa bewusst auf Konservierungsstoffe und achtet bei der Herstellung auch auf Einzelheiten.

Mit ihrem Ansatz könnten die beiden Berliner durchaus Erfolg haben. Schließlich gibt es eine verstärkte Sehnsucht nach alten, traditionsreichen Marken. Die 133-jährige Unternehmensgeschichte mag dabei ein Vorteil sei. Zum einen ist gerade älteren Kunden die Marke dann vielleicht noch aus der eigenen Kindheit vertraut. Zum anderen interessieren sich aber auch jüngere Kunden zunehmend für die Geschichte, die hinter einem Produkt steht. Nicht ohne Grund nehmen auch große Konzerne wie der Sportartikelhersteller Adidas regelmäßig wieder Modelle ins Sortiment auf, die es vor Jahrzehnten zu kaufen gab – modernisiert natürlich.