14.10.12

Kindle Fire HD

Amazon-Chef Bezos will den Alltag neu erfinden

Amazon-Gründer Jeff Bezos präsentiert den Kindle Fire HD und spricht im Interview über den Wandel des Onlinehändlers zum Computerhersteller.

Foto: dpa

Amazon-Chef: Versandhauskönig Jeff Bezos, der Mann, der der Welt einfach alles verkauft: Bücher, Computer, Speicherplatz und Kleidung
Amazon-Chef: Versandhauskönig Jeff Bezos, der Mann, der der Welt einfach alles verkauft: Bücher, Computer, Speicherplatz und Kleidung

Ein Interview ist einfacher, wenn das Gegenüber gute Laune hat. Die bringt Jeff Bezos mit, sein Lachen schallt einem bereits auf dem Flur entgegen. Das ändert sich im Interview nicht: Der Entrepreneur zeigt den neuesten Tablet-Computer her, den Kindle Fire HD, und nimmt den Deutschland-Chef auf die Schippe, als der zur Klang-Demonstration hawaiianische Musik spielen will: "Nicht schon wieder! Wirklich, das kannst du besser!"

Bezos hat Grund zu guter Laune: Seine Hardware ist in den USA gefragt wie nie, seine Firma gilt als eine der vier erfolgreichsten Gründungen der Internet-Revolution. Im Gespräch erklärt er die Grundlagen seines Erfolgs.

Morgenpost Online: Herr Bezos, inzwischen ist Ihr Fire-HD-Tablet das meistverkaufte Produkt bei Amazon weltweit. Trotzdem ist Amazon für viele Kunden noch immer vor allem ein Online-Buchladen...

Jeff Bezos: … und ein Schuhladen. Wir verkaufen eine Unmenge Schuhe (lacht).

Morgenpost Online: Wie ändert Ihre eigene Hardware Ihr Geschäftsmodell?

Jeff Bezos: Sie ist das Tor zu unserem Ökosystem aus Inhalten. Wir haben vor acht Jahren mit der Entwicklung eigener Hardware begonnen – zuerst mit den E-Readern. Der Kindle Fire, den wir seit 2011 verkaufen, stellt inzwischen fast ein Viertel aller verkauften Tablets in den USA. Die Grundlage dieses Erfolges ist erstens Kundenfokussierung. Wir konzentrieren uns auf unsere Kunden, statt auf die Konkurrenz zu achten. Zweitens aber wollen wir Dinge nicht nur verkaufen, sondern erfinden. Unser ganzes Team ist nie zufrieden mit dem ausgetretenen Pfad, dem Normalen – wir wollen verändern. Drittens sind wir geduldig. Wer erfinden will, muss geduldig sein, langfristig denken. Sie können das an allen Dingen sehen, die wir tun.

Morgenpost Online: Inwieweit ist Ihr Tablet-Ansatz anders als der der Konkurrenz?

Jeff Bezos: Der Fire HD hat doppelte WLAN-Antennen mit Multifrequenztechnik, Stereolautsprecher, Dolby Digital – wir verbauen eine Menge Hardware und bieten sie zu einem sehr niedrigen Preis an. Das können wir, da wir damit kein Geld verdienen, im Gegenteil: Wir verkaufen die Tablets zum Selbstkostenpreis. Wir hoffen stattdessen, mit den Kindle-Geräten eine dauerhafte Beziehung zum Kunden aufzubauen. Und wir verdienen Geld, wenn der Kunde Inhalte kauft – Musik, Filme, Bücher und so weiter.

Morgenpost Online: Wären Sie Apple-Chef, würden Kunden bei jeder Innovation jubeln. Doch interessiert sich der Kindle-Käufer überhaupt für Hardware-Details?

Jeff Bezos: Es stimmt, viele unserer Kunden fragen sich nur, ob ihr Tablet ihren Anforderungen genügt – wie viele Antennen es hat, interessiert sie nicht. Ich dagegen interessiere mich sehr wohl dafür, weil ich will, dass die Kunden etwa problemlos HD-Videos schauen können. Die Anpassung der Hardware an das Ökosystem der verschiedenen Inhalte ist wichtig. Weil uns das gelungen ist, ist der Kindle so erfolgreich.

Morgenpost Online: Ist das gedruckte Buch ein Auslaufmodell? Sie verkaufen in den USA mehr Kindle- als gedruckte Bücher.

Jeff Bezos: Ja, und ähnlich positive Tendenzen sehen wir jetzt auch in Deutschland. Hierzulande verkaufen wir inzwischen schon mehr E-Books als Hardcover-Ausgaben. Das ist ein Wendepunkt für uns. Außerdem: Kindle-Kunden in Deutschland kaufen in den zwölf Monaten nach der Kindle-Anschaffung dreimal so viele Bücher bei uns wie vor dem Kauf. Sie kaufen jedoch nicht nur mehr E-Books, sondern auch mehr Papier-Bücher. Sie kaufen beides.

Morgenpost Online: Vielleicht haben sie die vorher woanders gekauft, in Buchläden.

Jeff Bezos: Vielleicht. Unsere Zahlen sagen uns aber, dass die Kunden insgesamt mehr lesen. Wenn man etwas einfacher macht, nutzen die Leute es öfter. Wir haben das Lesen vereinfacht. Wenn jemand von einem Buch hört, kann er es 60 Sekunden später schon auf seinem Gerät lesen. Man kann seine gesamte Bibliothek mit sich herumtragen. Die neuen Kindle lassen sich leichter lesen als ein gedrucktes Buch. Die Leute lesen am Flughafen, sogar in der Supermarktschlange, überall. Dasselbe gilt für Musik, Filme...

Morgenpost Online: In den USA wagen die Einzelhändler den Aufstand gegen das System Amazon – diverse Ketten haben den Kindle aus ihrem Angebot gestrichen. Auch hierzulande gründen die Buchhändler "Buy local"-Initiativen. Trifft Sie das?

Jeff Bezos: 16.000 verschiedene Läden verkaufen den Kindle in den USA – und ach ja, über Amazon werden sie auch noch vertrieben (lacht). Jeder, der den Kindle verkaufen will, kann das tun. Unser Problem ist aktuell eher, genügend davon herzustellen.

Morgenpost Online: Ist Koexistenz mit lokalen Läden überhaupt möglich?

Jeff Bezos: Ich glaube, dass sich die Geschäfte vor Ort anpassen und weiterentwickeln. Das ist der natürliche Lauf der Dinge: Wann immer neue Konkurrenz einen Markt betritt, entsteht dort ein neues Gleichgewicht. Wir versuchen lediglich, alles so gut wie möglich zu machen. Die Kunden entscheiden schlussendlich selbst, bei wem sie ihr Geld ausgeben.

Morgenpost Online: Das Telefon haben Sie och nicht neu erfunden. Steht das an?

Jeff Bezos: Sorry, dazu kann ich mich nicht äußern.

Morgenpost Online: Ein kleines Start-up in Berlin hat soeben ein einfaches Lesegerät für neun Euro angekündigt. Ist das der nächste Schritt der Reader-Revolution, die Sie mit den Geräten für unter 100 Euro begonnen haben?

Jeff Bezos: Das Wort "to kindle" bedeutet auf Englisch "einen Funken anfachen", etwas beginnen. Ja, eines unserer Ziele war immer, die E-Reader für jeden verfügbar zu machen, der damit lesen will.

Morgenpost Online: Sie beginnen auch in Deutschland damit, E-Books zu verleihen. War es schwierig, die Verlage zu überreden?

Jeff Bezos: Nein. Manche erlauben es, manche nicht, wir streiten darum nicht. Aber wir haben seit Längerem einen kleinen Button, mit dem die Kunden Feedback geben können, welche Bücher sie lesen möchten – diese Daten teilen wir mit den Verlagen.

Morgenpost Online: Weigern sich trotzdem noch viele, Ihnen die E-Book-Rechte zu geben?

Jeff Bezos: Nicht mehr. In den Anfangstagen haben die Verlage noch gefragt, ob sich das lohne, inzwischen ist das klar.

Morgenpost Online: Inzwischen vertreiben aber viele erfolgreiche Autoren ihre Bücher direkt über Amazon. Die Verlage verlieren ihre Position als Mittelsmann.

Jeff Bezos: Wir sind nur ein alternativer Weg für die Autoren, ihre Leser zu erreichen. Beide Wege – mit oder ohne Verlag – funktionieren. Die etablierten Autoren publizieren noch immer vor allem bei Verlagen. Unsere Alternative funktioniert vor allem für unbekannte Autoren, die zuvor von Verlagen abgelehnt wurden.

Morgenpost Online: Amazon bietet inzwischen Logistikdienstleistungen, stellt Serverplatz und Rechenkapazität zur Verfügung. Wollen Sie der Mittelsmann für allen Warenverkehr im Netz werden?

Jeff Bezos: Ich würde es anders sagen: Wir sind Erfinder, und wenn wir einen neuen Weg finden, etwas besser zu machen – selbst wenn der Ansatz radikal neu ist –, dann beschreiten wir ihn. Wir mögen keine Nachahmerprodukte. Ich werde oft gefragt, warum wir Webservices anbieten, obwohl das doch so gar nichts mit unserem Kerngeschäft zu tun hat. Das stimmt, antworte ich dann. Doch wir hatten vor acht Jahren die Idee dazu, wie man Server-Infrastrukturen einfacher und flexibler anbieten kann. Also haben wir es einfach gemacht. Leute fragen mich oft: Warum macht ihr das, aber intern fragen wir uns eher: Warum nicht?

Morgenpost Online: Steckt dieselbe Motivation ursprünglich hinter dem Kindle?

Jeff Bezos: Ja! Andere bauen auch Tablets und E-Reader, aber wir bauen sie anders. Das ist das größte Kompliment, das man uns machen kann: Wenn wir etwas erfinden, ist es radikal. Zehn Jahre später empfindet es jeder als so normal, dass er sich nicht mal an unsere ursprüngliche Erfindung erinnert. Junge Menschen heute empfinden Online-Kaufhäuser als völlig normal.

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