06.09.12

Euro-Krise

Schäuble hält Euro trotz EZB-Beschluss für stabile Währung

Die Europäische Zentralbank will Krisenländern der Euro-Zone in unbegrenzter Höhe. In Deutschland gab es dafür viel Kritik.

Foto: DAPD
Spain Germany
Auch wenn es so aussieht: Glücklich ist Angela Merkel nicht über den EZB-Beschluss, der vor allem Spaniens Ministerpräsident Mariano Rajoy zugute kommt

Finanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) hat sich optimistisch zur Zukunft des Euro geäußert. "Der Euro ist und bleibt eine stabile Währung, die nicht auseinanderbrechen wird", sagte Schäuble in einer Rede am Donnerstagabend bei der Verleihung des M100-Medienpreises an den Präsidenten der Europäischen Zentralbank (EZB), Mario Draghi, in Potsdam. Schäuble bekräftigte, dass er für den kommenden Mittwoch mit einer Zustimmung des Bundesverfassungsgerichtes zum Euro-Stabilisierungsfonds ESM rechne. Wegen des Ausgangs der am selben Tag stattfindenden Parlamentswahl in den Niederlanden sei er "viel nervöser" als wegen des Karlsruher Urteils.

Auf die wenige Stunden zuvor bekannt gegebene Entscheidung der EZB zum Ankauf von Staatsanleihen aus Krisenländern der Eurozone ging Schäuble nicht ein. Er betonte die Bedeutung der Unabhängigkeit der EZB und erklärte, dass die Europäische Union voranschreite, selbst wenn dies nur schrittweise geschehe. Draghi sprach sich bei der Entgegennahme des Preise in der Orangerie von Schloss Sanssouci für eine "neue Architektur" in Europa aus. Die von den EU-Mitgliedsstaaten getroffenen wirtschaftlichen und politischen Maßnahmen sollten über die reinen nationalen Interessen hinausgehen. Damit neben der wirtschaftlichen eine politische Union entstehe, müssten die Bürger stärker einbezogen werden, fügte der oberste Währungshüter der Eurozone hinzu.

Mit dem M100-Medienpreises werden Persönlichkeiten ausgezeichnet, die sich um die europäische Verständigung und Kommunikation verdient gemacht haben. Der undotierte Preis wurde im Rahmen der internationalen Medienkonferenz "M100 Sanssouci Colloquium" verliehen

Auch Merkel reagiert zurückhalten auf EZB-Beschluss

Zuvor hatte bereits Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) zurückhaltend auf den Beschluss der Europäischen Zentralbank (EZB) zum unbegrenzten Ankauf von Staatsanleihen aus Krisenländern der Eurozone reagiert. Solche Maßnahmen könnten politische Aktivitäten in der Währungsunion "nicht ersetzen", sagte sie am Donnerstag nach einem Gespräch mit dem spanischen Ministerpräsidenten Mariano Rajoy in Madrid. Die EZB handle ansonsten im Rahmen ihrer Unabhängigkeit und ihres Auftrags. Zugleich sagte Merkel, sie akzeptiere diese Beschlüsse. Die EZB handele unabhängig und "im Rahmen ihre Mandates", sagte Merkel am Donnerstag in Madrid nach einem Besuch bei Ministerpräsident Mariano Rajoy. Spanische Regierungskreise bezifferten die möglichen Ersparnisse für das Land auf zwölf Milliarden Euro in den kommenden 16 Monaten, wenn die EZB mit den Käufen dafür sorgt, dass die Zinsen für die Staatsanleihen des Landes um 2,0 bis 2,5 Prozentpunkte sinken.

Dennoch stößt der EZB-Beschluss in Deutschland überwiegend auf Skepsis. Er steht aus Sicht der SPD im Bundestag im krassen Gegensatz zum bisherigen EZB-Mandat und zur Tradition der auf Geldwertstabilität ausgerichteten Politik der Bundesbank. "Das Versprechen von Frau Merkel, die Interessen der Deutschen zu schützen, ist gebrochen", sagte der Haushaltsexperte Carsten Schneider. Der CDU/CSU-Experte Norbert Barthle warnte: "Anleihekäufe können und dürfen nicht dauerhaft die Aufgaben der Finanz- und Wirtschaftspolitik ersetzen."

Der Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB), Mario Draghi, hatte nach dem Beschluss des Notenbankrats versprochen, dass zugleich die Inflationsgefahr infolge des angekündigten Staatsanleihenkaufes eingedämmt werden soll. Nur ein Ratsmitglied stimmte gegen das Anleihe-Kaufprogramm: Bundesbankpräsident Jens Weidmann.

"Staatsfinanzierung durch die Notenpresse brandgefährlich"

CSU-Generalsekretär Alexander Dobrindt reagierte besorgt und sagte: "Ich bleibe bei meiner Warnung, dass eine Staatsfinanzierung durch die Notenpresse falsch und brandgefährlich ist." Er könne Draghi nur dringend auffordern, "nicht die Schleusen für flächendeckende Ankaufprogramme zu öffnen". Dobrindt mahnte: "Die EZB muss eine Stabilitätsbank sein und darf keine Inflationsbank werden."

Die FDP-Fraktion im Bundestag äußerte sich in einem Beschluss ebenfalls skeptisch. "Wir wehren uns gegen den Gang in die europäische Inflationsunion. Wir lehnen den Einsatz der Notenpresse für die Staatsfinanzierung ab", heißt es in einem Papier, dass auf der Klausur in Mainz beschlossen wurde. Die Partei trete vielmehr für eine starke und unabhängige Europäische Zentralbank ein, die nur der Geldwertstabilität verpflichtet ist.

SPD-Haushälter Schneider rügte, dass die EZB ohne jegliche Debatte im Deutschen Bundestag oder eine Erklärung gegenüber den Bürgern agiere. Er warf Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) vor, sich einer politischen Lösung der Krise der Eurozone bislang zu verweigern. "Sie hat dadurch die EZB und die Geldpolitik in die Rolle der einzig verbliebenen handlungsfähigen Institution in der Eurozone gezwungen." Inzwischen habe sie Gefallen an der EZB als "Ersatzregierung" gefunden: "Denn so werden ihr Debatten im Deutschen Bundestag und in ihrer Fraktion erspart, bei der sie für Mehrheiten argumentieren und überzeugen müsste."

Die stellvertretende Vorsitzende der Linken im Bundestag, Sahra Wagenknecht, bilanzierte: "Die Bundeskanzlerin weiß, dass sie im Parlament keine Mehrheit für eine weitere Aufstockung der Euro-Rettungsschirme hat. Deshalb will sie, dass neue Milliardenrisiken für Deutschland notfalls durch Mario Draghi in die Bilanz der Europäischen Zentralbank geschoben werden."

Strenge Bedingungen für Kauf von Staatsanleihen

Die Europäische Zentralbank (EZB) hatte auf einer mit Spannung erwarteten Sitzung eine unbegrenzte Hilfe für Euro-Krisenstaaten beschlossen. EZB-Präsident Mario Draghi erklärte am Donnerstag, man werde unbegrenzt Staatsanleihen der Schuldenstaaten kaufen. Das habe der Notenbankrat in Frankfurt am Main beschlossen.

Der Kauf ist allerdings an strenge Bedingungen geknüpft. Draghi zufolge werde man nur Staatsanleihen mit Laufzeiten von einem bis drei Jahren kaufen. Der Gefahr, dass Länder wie Spanien oder Italien bei sinkenden Zinsen ihre Reformbemühungen einstellen, will die EZB entgegenwirken: Anleihen würden nur unter strikten Bedingungen gekauft, sagte Draghi. Voraussetzung sei, dass sich die Länder einem Programm der Euro-Rettungsfonds EFSF oder ESM unterwerfen. Allerdings muss kein vollständiges Programm aufgelegt werden. Es bestehe auch die Möglichkeit für ein vorsorgliches Programm. Das sieht nicht ganz so strenge Auflagen vor.

Eine weitere Bedingung Draghis: Es müsse die Möglichkeit bestehen, dass die Rettungsfonds parallel zur EZB am Primärmarkt Anleihen der betroffenen Länder kaufen. Mit der Begrenzung der Laufzeit will die EZB offenbar dem Vorwurf der indirekten Staatsfinanzierung entgehen. Kritiker bemängelten in den vergangenen Wochen immer wieder, die Zentralbank trage mit dem Aufkauf der Anleihen zur Finanzierung der Haushalte von Krisenstaaten bei.

Staatsfinanzierung ist der EZB durch die EU-Verträge verboten. Durch die Begrenzung auf Anleihen mit kürzerer Laufzeit will die EZB offenbar verdeutlichen, dass Staaten nicht langfristig auf das Zentralbank-Programm zur Stabilisierung ihrer Finanzen setzen können.

Schulz äußerte Verständnis, dass die EZB den betroffenen Staaten Vorgaben macht: "Wenn die Zentralbank als letzter Rettungsanker agiert, muss sie auch Bedingungen stellen dürfen".

Quelle: dpa/dapd/alu
© Berliner Morgenpost 2013 - Alle Rechte vorbehalten
Die Favoriten unseres Homepage-Teams

Endspurt: Die Baukräne am Kapelle-Ufer drehen sich für das Bildungsministerium. Es soll 2014 fertig sein.
22.05.13Baustellen
Es geht voran - In Berlin werden doch Großprojekte fertig

Eines der größten Bauvorhaben des Bundes in Berlin geht in die Zielgerade. Für den Neubau des Innenministeriums wurde jetzt Richtfest gefeiert. Auch andere große Bauvorhaben in Mitte kommen gut voran. mehr...


Sängerin Beyoncé ist in der O2 World in Friedrichshain zu Gast
22.05.13Terminvorschau
Das bringt der Tag in Berlin am Donnerstag

Berlin hat jeden Tag Neues zu bieten. Politische Termine, Demonstrationen, Prozesse, Theater, Konzerte. Hier finden Sie eine Auswahl der Berliner Morgenpost für Donnerstag, den 23. Mai. mehr...


Spurensicherung im Londoner Stadtteil Woolwich. Hier wurde ein Mann mit einer Machete getötet
22.05.13Mit Machete ermordet
Tödlicher Anschlag in London war offenbar Terrorakt

In London ist ein Mann mit einer Machete getötet worden. Laut Premierminister Cameron gebe es "starke Anzeichen" für einen terroristischen Hintergrund. Videos zeigen Teile des Geschehens. mehr...


Der SPD-Landesvorsitzende Jan Stöß war von der großen Mehrheit für seinen Vorschlag selbst überrascht
22.05.13Landespolitik
Berliner SPD-Vorstand billigt Bundestagsliste von Jan Stöß

Erfolg für den SPD-Landesvorsitzenden Jan Stöß: Der Landesvorstand hat am Mittwochabend seinem Vorschlag für die Bundestagsliste mit großer Mehrheit zugestimmt. Spitzenkandidatin soll Eva Högl werden. mehr...

Leser-Kommentare 2 Kommentare
Leserkommentare sind ausgeblendet.
Kommentare einblenden
Die Technik der Kommentarfunktion "DISQUS" wird von einem externen Unternehmen, der Big Head Labs, Inc., San Francisco/USA., zur Verfügung gestellt. Weitere Informationen, insbesondere darüber, ob und wie personenbezogene Daten erhoben und verarbeitet werden, finden Sie in unseren Datenschutzbestimmungen

Die Moderation der Kommentare liegt allein bei MORGENPOST ONLINE.
Allgemein gilt: Kritische Kommentare und Diskussionen sind willkommen, Beschimpfungen / Beleidigungen hingegen werden entfernt. Wie wir moderieren, erklären wir in der Netiquette.
blog comments powered by Disqus
 
Top-Thema
title
Start-ups in Berlin

Gründerzeit: Die Serie und das Blog der Berliner Morgenpost.

Video Nachrichten mehr
Oklahoma Wiedersehen nach dem schweren Tornado
Umzug Karneval der Kulturen 2013 - Berlin ist bunt
US-Kongress Apple verteidigt Steuersparmodell
Xbox One Microsoft stellt neue Spielkonsole vor
 
tb_airberlin.gif
airberlin - Destination…

airberlin baut die Verbindungen nach Polen aus. Erfahren…mehr

tb_Erste-Adressen.jpg
Berlins Erste Adressen

Eine Initiative der Berliner Kaufleute und der Berliner…mehr

Top Bildershows mehr
Jeden Tag

Kopfnoten für Politiker, Manager und Prominente

Willkommen in Berlin

Hurra, ich bin da! Das sind Berlins süße Babys

Fotogalerie

Das sind die Berliner Bilder des Tages

Bilder von oben

Das zerstörte Oklahoma City aus der Luft

 
In eigener Sache
Weitere Morgenpost Angebote