Hartmut Mehdorn ist sicher nicht der beliebteste Manager Deutschlands. Die einen nehmen ihm noch immer den Umbau der Deutschen Bahn übel, der auf vielen Strecken zu höheren Fahrpreisen geführt hat. Die anderen glauben, dass er gerade Air Berlin kaputtspart. An einer Sache besteht jedenfalls kein Zweifel: Das Wirtschaftsleben in Deutschland wäre deutlich langweiliger ohne einen wie Mehdorn, der die Dinge beim Namen nennt. Der sich und seine Fluggesellschaft nicht an den alten Flughafen Schönefeld abschieben lässt, weil einen da „bis heute ein Stück DDR empfängt“. Der lieber direkt mit den Leuten redet, als ihnen eine E-Mail zu schreiben. Und der, ohne zu zögern, aus dem Ruhestand zurückkommt, weil er mal eben Deutschlands zweitgrößte Fluggesellschaft retten soll.

An diesem Dienstag wird Mehdorn 70 Jahre alt, für ihn kein Grund, sich zurückzulehnen. Bei jedem anderen 70-Jährigen würde es kitschig klingen, aber angesichts seines Berufswegs kann man über Mehdorn sagen: Stillstand scheint ihm verhasst. Mehdorn war schon Geschäftsführer bei Airbus, Vorstand bei der Deutschen Aerospace und leitete zehn Jahre lang die Deutsche Bahn. Als Bahnchef ist er den meisten auch in Erinnerung geblieben. Dabei kam erst Ende vergangenen Jahres die für ihn persönlich vielleicht reizvollste Aufgabe seiner Karriere.

Der Air-Berlin-Aufsichtsrat fragte Mehdorn, ob er die Leitung des Unternehmens übernehmen möchte. Zu dem Zeitpunkt hatte Air Berlin Schulden in dreistelliger Millionenhöhe und versank mit jedem Quartal tiefer in den roten Zahlen. Mehdorn, der schon als Junge in Berlin mit dem Fahrrad zum Flughafen Tegel fuhr und den Maschinen durch den Zaun beim Starten und Landen zusah, sagte zu.

„Unerträglicher Imageschaden“

Ziemlich schnell nach Dienstantritt verpasste er dem Unternehmen einen Sanierungsplan. Er verkleinerte Flotte und Streckennetz, um die Auslastung der Flugzeuge zu erhöhen. So verdient Air Berlin mehr an jedem Flug. Gleichzeitig nahm er auch jeden einzelnen Mitarbeiter in die Pflicht. Piloten sollten sich überlegen, wie man beim Fliegen Sprit spart, und die Büroleute wurden angehalten, Papier künftig doppelseitig zu bedrucken.

Er hätte wohl auch noch mehr Erfolg gehabt, wäre ihm nicht Anfang Mai die verschobene Eröffnung des Hauptstadtflughafens BER dazwischengekommen. Dass der BER nach derzeitigem Stand erst am 17. März 2013 eröffnet, füge „Berlin als Flughafendrehkreuz einen kaum mehr reparablen und deshalb unerträglichen Imageschaden zu“, sagte Mehdorn. Damit hat er verbal deutlich härter hingelangt als etwa seine Kollegen bei der Lufthansa. Typisch Mehdorn. Zurückhaltung ist nicht seine Stärke. Aber genau so einen brauchen sie jetzt auch, um Air Berlin angesichts langfristig steigender Kerosinpreise, europaweiten Rezessionsängsten und Konkurrenten, die sich bei den Ticketpreisen gegenseitig unterbieten, wieder in die Gewinnzone zu steuern.

„Rumpelstilzchen“ der Lokführer

Schließlich hat er beim Staatskonzern Deutsche Bahn schon einmal gezeigt, wie das geht. Wobei er sich da nicht nur Freunde gemacht hat. Der damalige Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) holte Mehdorn vom Vorstandsposten der Heidelberger Druckmaschinen 1999 an die Spitze der Deutschen Bahn. In den folgenden zehn Jahren baute er das Unternehmen zu einem weltweit agierenden Konzern um, der nicht nur auf der Schiene, sondern auch auf der Straße, in der Luft und auf See Güter hin und her bewegt. Das Ziel: der Börsengang. Sein härtester Gegner: Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD), um den sich die Privatisierungsgegner scharten.

Legendär wurde 2007 und 2008 Mehdorns erbitterter Arbeitskampf mit Manfred Schell, damals Chef der Lokführergewerkschaft GdL, der den Bahnchef als „Rumpelstilzchen“ bezeichnete. Millionen Fahrgäste mussten in der Zeit darum bangen, pünktlich ans Ziel zu kommen. Zum Verhängnis wurde Mehdorn schließlich der laxe Umgang des Konzerns mit persönlichen Daten seiner Mitarbeiter. Die waren empört, als die Affäre bekannt wurde, Mehdorn bot daraufhin 2009 seinen Rücktritt an, der Aufsichtsrat akzeptierte. Zu dem Zeitpunkt hatte er einen Jahresverlust von 1,5 Milliarden Euro in einen Gewinn von 2,5 Milliarden Euro umgewandelt.

Das dürfte ihn allerdings nicht dafür entschädigt haben, dass er die angestrebte Privatisierung der Bahn am Ende doch nicht zum Abschluss bringen konnte. 2004 stoppte der Bund Mehdorns Versuch, die Bahn an die Börse zu bringen und die Anteile an private Investoren zu verkaufen, 2008 kam die Finanzkrise dazwischen.

Seit Kurzem hat Mehdorn wieder eng mit einem seiner damaligen Gegner Klaus Wowereit zu tun. Für die erfolgreiche Sanierung Air Berlins braucht Mehdorn möglichst bald den BER, weil der alte Flughafen Tegel am Rande seiner Leistungsfähigkeit arbeitet. Berlins Regierender Bürgermeister wiederum hat als Aufsichtsratsvorsitzender der Flughafengesellschaft darauf zumindest indirekt einen Einfluss. Und immerhin verfolgen die beiden nun dasselbe Ziel.