DramaD 2016 102 min.,
von Sven Taddicken, mit Martina Gedeck, Ulrich Tukur, Johannes Krisch
Dieser Film ist so sonderbar und sperrig wie seine beiden Hauptfiguren: die kinderlose Hausfrau Helene Brindel – gespielt von Martina Gedeck – plagt in ihrem Einfamilienhaus die Schlaflosigkeit. In durchwachten Nächten putzt sie das Haus, macht im Morgengrauen ihrem Ehemann (Johannes Krisch) akkurate Brote für die Arbeit, die sie sorgfältig in Tupperboxen verpackt und schläft dann meist vor laufendem Fernseher ein. Lange war Helene Brindel gläubig, sie spürte Jesus Christus überall, doch nun spricht er nicht mehr zu ihr. Eine Frau, die ihre Lebensmitte verloren hat.
Im Radio hört sie tagsüber zufällig ein Interview mit dem Neurologen Eduard E. Gluck, den Ulrich Tukur verkörpert. Gluck, der Name ist Programm: Gluck forscht über das Glück und die Frage, was das Gehirn damit zu schaffen hat. Seine vereinfachte These: jeder kann sich glücklich fühlen, wenn das Gehirn mitmacht. Man muss die Realität im Kopf nur einfach „umformen“. Aber nicht zufällig fehlt Herrn Gluck im Namen der Umlaut. So richtig glücklich ist auch er nicht, egal, was der Kopf nun will. Denn Gluck wird von einer heftigen Sexsucht gequält. Er kann nicht mehr aufhören, Pornos und Pornofotos anzugucken. Seine Wohnung ist voller Sex-DVDs, je härter, desto besser. Aber egal wieviel er konsumiert, die Sehnsucht bleibt.
Zwei Suchende also. Und ein absolut ungleiches Paar. Aber sie finden sich in ihrer unbeholfenen Art. Helene Brindel sucht den Professor Gluck bei einem Kongress auf, man kommt sich näher, aber nur sehr zögerlich. Dieser Film nimmt sich Zeit, hier ist nichts überstürzt. Helene und Eduard schreiben sich intime Briefe. Das sagt alles über das Tempo der beiden aus. Briefe sind so 20. Jahrhundert.
Tatsächlich beruht der Film „Gleißendes Glück“ auf dem gleichnamigen Roman von A. L. Kennedy, der eigentlich in den 60er Jahren in Schottland spielt. Dieses Jahrzehnt ist in dem Film noch überall zu erkennen – in der Architektur, auch in den Möbeln im Haus des Ehepaares Brindel. Trotzdem ist das Heute auch sichtbar. Die Brindels sind nur stehengeblieben, auch ästhetisch. Auf solche Häuser trifft man gerade in Westdeutschland häufig.
Christoph Brindel findet die Briefe – und schlägt seine Frau grün und blau. Er ist ein kalter Pedant, Gewalt ist ein fester Bestandteil der Ehe. Genauso, wie zu Helene das fast genussvolle Leiden gehört. Eduard beobachtet das Ehe-Drama der Brindels verstört, sieht die blauen Flecken auf ihrem Körper. Ist das nicht die Gewalt, die er in seinen Pornos so sehr liebt, konfrontiert ihn Helene. Eduard ist bestürzt – und verliebt.
Nacktheit spielt in diesem Film eine Rolle, Martina Gedeck zeigt sich hüllenlos. Eduard betrachtet sie anfangs nur. Ein Sex-Film fast ohne Sex. Interessant.
Susanne Leinemann

