Weniger um Liebe geht es Armando als um Begehren aus der Ferne. Der alleinstehende Mittfünfziger (Alfredo Castro) arbeitet als Zahntechniker. In seiner Freizeit folgt er auf den Straßen der Armenviertel in Venezuelas Hauptstadt Caracas jungen Männern und bietet ihnen Geld, um ihm in seine biedere Wohnung zu folgen. Dort betrachtet er sie von seinem Sessel aus, während sie sich mit dem Rücken zu ihm langsam entkleiden. Diese persönlichen Stripshows ohne Anfassen haben etwas Trostloses, das verstockte Gegengeschäft zwischen zwei Bedürftigen: einer emotional, der andere finanziell. Als Armando den 17-jährigen Kleinkriminellen Elder (Luis Silva) mit nach Hause nimmt, zieht ihm der Junge kurzerhand mit dem Aschenbecher eins über und raubt ihn aus. Doch Armando gibt nicht auf, immer wieder treffen sie aufeinander. Einmal findet er Elder halb bewusstlos und beginnt ihn gesund zu pflegen. Langsam entwickelt sich eine Art Vater-Sohn-
Beziehung, die unberechenbar bleibt bis zum Schluss, auch für den Zuschauer.
In seinem auf der Biennale in Venedig mit dem Goldenen Löwen ausgezeichneten Regiedebüt inszeniert Lorenzo Vigas (Sohn des berühmten Malers Oswaldo Vigas)
Armandos teilnahmslos-verschwommene Sicht auf die Welt mit vielen Unschärfen. Nur er selbst bleibt im Bild fokussiert. Doch auch für den kindheitstraumatisierten Mann gibt es trotz aller finanzieller Mittel in der Machokultur von Caracas keine Liebe.
Thomas Abeltshauser

