DramaGB/USA 2015 119 min.,
von Thomas Vinterberg, mit Carey Mulligan, Matthias Schoenaerts,
Michael Sheen, Tom Sturridge
Ist ja alles wie immer. Der Himmel, die Hügel, die Hecken. Es blüht und duftet. Nebel steigen auf. Die Landschaft rollt zur Klippe hin. Jahreszeiten gleiten über sie hinweg. Schafe stehen umher und schauen zu und sterben. Menschen reiten herum, begegnen sich in Kutschen, kommen sich näher, sterben aneinander, bleiben beieinander. Frauen, die eigensinnig sind und stärker, als sie sollen. Männer, die alles bestimmen wollen und Schweine sind oder Schwächlinge. Es wird getanzt und gesungen und geritten. Die Kostüme sind kostbar. Musik wird fein gefiedelt. Wir sind im 19.Jahrhundert. Am Ende wird alles gut. Wenigstens sieht es so aus.
Wenn es etwas gibt, um das man Briten beneiden muss, dann ist das die Hervorbringung eines Genres, das wir Austen-Film nennen wollen. Obwohl das verkürzt ist. Denn der Austen-Film, also die alljährlich weitergedrehte Folge von Variationen des oben zusammengefassten dramaturgischen Konzepts, muss nicht zwangsläufig auf einem Roman der Jane Austen, er kann auch auf einem Roman der Brontës basieren, von Dickens oder von Thomas Hardy. Er muss auch nicht von der BBC bezahlt worden sein. Und es kann sogar eine Inderin ihn gedreht haben. Oder ein Däne.
Womit wir jetzt wieder bei der Klippe wären, den Schafen und der starken Frau, die stärker ist, als sie sein soll. Und bei einem Film, der auf den ersten Blick aussieht wie der gelungene Versuch der Planüberfüllung eines Austen-Films. Thomas Vinterberg hat ihn gedreht. Und wenn man dem dänischen Chefdogmatiker vor, sagen wir mal, 20 Jahren gesagt hätte, einer seiner Filme würde mal so aussehen, er hätte sich möglicherweise über die nächstliegende grüne Klippe gestürzt wie die Schafe des armen Schäfers Gabriel Oak, der sich in Vinterbergs wunderbarer Hardy-Verfilmung „Am grünen Rand der Welt“ unglücklicherweise in die erste Emanze der viktorianischen Literatur verliebt.
Dass Thomas Vinterberg gar nicht erst vorhat, sich dem Regelwerk des Austen-Films zu verweigern, sieht man schon in den ersten paar Sekunden von „Far from the Madding Crowd“. Landschaft, Pferd, schöner Mann, freie Frau. Es ist alles wie immer. Und doch nicht.
Was natürlich zum einen an Thomas Hardy liegt. Dessen Geschichte der Bathsheba Everdene, die sich – die Moderne bricht ein in die agrarische Gesellschaft – in einer Männerwelt behauptet, fern dem Getriebe der Menge und der großen Städte, ist eben kein Austen-Abziehbild. Es geht da um Unabhängigkeit, um die Verhandlung von Gefühlen, um das Ende einer Ära im Verhältnis der Geschlechter: Die gleich von drei Männern umworbene Bathsheba Everdene lässt sich nicht kaufen. „Ich will kein Besitz sein“, sagt sie dem Schäfer Oak (Matthias Schoenaerts), da ist der Vorspann kaum vorbei. „Ich bin unabhängig.“
Das bleibt sie auch, wehrt den finanziellen Überwältigungsversuch des steinreichen, aber einsamen Großgrundbesitzers William Boldwood (Michael Sheen) ab. Bis einer kommt, dem sie finanziell und emotional gewachsen ist, physisch, animalisch aber nicht gewachsen ist. Ein Soldat namens Troy (Tom Sturridge), der statt in ökonomische Diskussionen einzusteigen im Wald mit seinem (Vorsicht: Symbol) Schwert so lange herumwedelt, bis sie alle Unabhängigkeit fahren lässt.
Wenn die Kamera von Charlotte Bruus Christensen nicht gerade vor Sinnlichkeit glühende Musterbögen für südenglische Fototapeten einfängt, die als zen-hafte Spiegelungen das Treiben das Hardyschen Zentralquartetts unterbrechen, begleiten, kommentieren, geht Vinterberg in den Infight, verengt die Räume, lässt die Menschen aufeinanderprallen, hält auf die Gesichter. Und die fangen verlässlich an zu erzählen.
Carey Mulligan ist Bathsheba Everdene. Wenn man ein Symbol sucht für das Vinterbergsche Programm, nehme man ihr Antlitz. Es ist schön und etwas spitz und immer auf dem Sprung. Es huscht ständig irgendwas über es hinweg.
Am Ende ist es wie immer. Man geht, wie man aus einem Austen-Film gehen muss. Ein bisschen sehnsüchtig und ein bisschen satt. Das Herz ist voll. Der Kopf – das passiert nicht oft in einem Austen-Film – ist es auch.
Elmar Krekeler

