Sie hätten den ohnehin schon packenden Aufstiegskampf in der Zweiten Liga noch um eine Stufe spannender machen können. Mit einem Sieg des 1. FC Union beim VfB Stuttgart wären die Top vier der Liga punktgleich in die letzten vier Spiele gegangen. Doch statt des Triumphmarsches gab es am Montagabend ein ernüchterndes 1:3 (0:2). Und während die Schwaben sich mit 60 Punkten ein wenig absetzen konnten, geht Union als Vierter, sechs Punkte hinter dem Spitzenreiter auf die Zielgerade der Saison.

„Es war ein schwieriges Spiel, Union hat uns alles abverlangt. Am Ende haben wir aber verdient gewonnen“, sagte Zweitliga-Toptorjäger Simon Terodde. Ähnlich sah es Union-Coach Jens Keller. „Ich glaube, Stuttgart war einen Tick besser. Wir sind nicht richtig gut reingekommen, es ging zu einfach“, sagte der langjährige Stuttgarter.

Das berühmte „Was wäre, wenn…“

Seine Mannschaft könne nicht abwartend spielen, hatte Keller vor dem Spiel deutlich gemacht. Seine Mannschaft wolle agieren. Und Union – reagierte. Was anderes blieb den Berlinern auch gar nicht übrig. Nach fünf Minuten wirbelten Alexandru Maxim und Christian Gentner erstmals Unions linke Seite durcheinander. Keine Minute später setzte Maxim einen 20-Meter-Schuss knapp vorbei, kurz darauf musste Kristian Pedersen mit einer Grätsche an der Strafraumgrenze alles gegen Takuma Asano riskieren (7.). Der Japaner war überhaupt kaum zu halten, Christoper Trimmel stellte er vor massive Probleme.

Dann durfte sich Union-Torwart Daniel Mesenhöler auszeichnen. Nein, er musste es, erst gegen Josip Brekalo mit einem Reflex, gleich danach gegen Timo Baumgartl (17.). Bei Union wird man das berühmte „Was wäre, wenn…“ bemühen, nachdem Sebastian Polter nach einer Ecke vorbeiköpfte – aus fünf Metern (!), völlig freistehend. Eine Chance, die sich der Stürmer normalerweise nicht entgehen lässt, und in einem derart wichtigen Spiel auch nicht entgehen lassen darf.

Dass der Klassefreistoß von Maxim aus knapp 25 Metern auf seinem Weg zum 0:1 von Mesenhölers Schritt in die Mitte des Tores, der den Weg neben den Pfosten erst frei machte, begünstigt wurde, passte ebenso ins Bild wie die Entstehung jener Standardsituation. Trimmel hatte den Torschützen mit einer Aktion von hinten gestoppt, dabei aber eher den Ball gespielt. Die Folge war Gelb und der Rückstand. Erinnerungen an die Champions-League-Schlacht der Bayern vorigen Dienstag bei Real Madrid wurden wach, als Münchens Arturo Vidal für eine ähnliche Situation sogar seine zweite Verwarnung und damit Gelb-Rot gesehen hatte.

Der Mut von Union war dahin

In Unterzahl musste Union in Stuttgart nicht weiterspielen, doch der Mut war dahin. Der Mut einer Elf, die aufsteigen will und damit jenem Team, das aufsteigen muss, zu Leibe rücken wollte. Doch dieser VfB Stuttgart war am Montagabend eine Nummer zu groß für die Köpenicker. Steven Skrzybski verlor nach gut einer halben Stunde den Ball, und dann ging alles viel zu schnell für die Berliner. Ebenezer Ofori nutze den riesigen Platz im Mittelfeld zum Konter, bediente Brekalo auf der rechten Seite, und dessen Flanke nutzte Simon Terodde zu seinem 20. Saisontor – 0:2 (33.). Der Ex-Unioner und Top-Torjäger der Liga hatte sich im richtigen Moment von seinen Bewachern Toni Leistner und Roberto Puncec gelöst.

Union versuchte, in der Pause neuen Mut zu schöpfen, doch die Stuttgarter machten vor 60.000 Zuschauern, darunter gut 4000 Union-Fans, dort weiter, wo sie i n den ersten 45 Minuten aufgehört hatten. Und doch war etwas anders. Trainer Keller schien die richtigen Worte gefunden zu haben, es wirkte, als habe sein Team alle dunklen Erinnerungen an die erste Halbzeit in der Kabine gelassen. Trimmel versuchte es einfach mal mit einer seiner langen Flanken in den Strafraum. Länger und länger wurde die Hereingabe, so lang, dass sich Baumgartl verschätze und Polter einnicken konnte (57.).

Leistners Fehler entscheidet Partie endgültig

Nur noch 1:2, Union war zurück. Jetzt konnte die Aufholjagd beginnen, um wenigstens einen Zähler im Aufstiegsrennen zu retten. Die Hoffnung hielt nur zehn Minuten. Toni Leistner, ausgerechnet der sonst so umsichtige wie souveräne Abwehrchef, leistete sich einen kapitalen Fehler. Gut 20 Meter vor dem eigenen Strafraum versprang ihm der Ball, der eingewechselte Daniel Ginczek erlief das Spielgerät, flugs ein Doppelpass mit Terodde, und dann war auch Mesenhöler kein Hindernis mehr. Das 1:3 in der 68. Minute dokumentierte den K.o. für Union im zweiten Topspiel der Rückrunde nach dem 0:2 in Hannover Anfang April. Keller brachte mit Simon Hedlund für Skrzybski (69.) und Philipp Hosiner für den blassen Damir Kreilach zwar noch einmal frische Offensivkräfte, doch das bewirkte gegen den starken VfB nichts mehr.