Den Stolz, den man als gerade gewordener Vater verspürt, wollte er gar nicht erst verbergen. Im Gegenteil, es schien, als sollte jeder an seinem persönlichen Hochgefühl teilhaben. „Ab jetzt entscheidet Clara, wann und wie lange bei uns geschlafen wird“, twitterte Toni Leistner also anlässlich der Geburt seiner Tochter Mitte Dezember, die eine oder andere unterbrochene oder stark verkürzte Nacht vor Augen. Es war die Krönung seines privaten Glücks, das mit der Heirat seiner Josefin, der deutschen Miss Universe von 2014, im Juli vergangenen Jahres seinen Anfang nahm.
Dass sein sportliches Glück in der Hinrunde einen echten Aufschwung erlebte, liegt nicht zuletzt in der privaten Oase begründet, die sich der Verteidiger des 1. FC Union inzwischen aufgebaut hat. Auch wenn der 26-Jährige sicher ausgeschlafener sein musste als es ihm die kleine Clara derzeit vielleicht zugesteht.
Am Sonntag wird Leistner hellwach sein. Er muss es auch, geht es doch gegen die SG Dynamo Dresden (13.30 Uhr, Sky) nicht nur darum, den Abstand zum Spitzentrio mit einem Sieg auf einen Punkt zu verkürzen. Es geht in der sächsischen Landeshauptstadt auch gegen seinen ehemaligen Verein, für den Leistner vier Jahre gespielt hat. Bis Mai 2014, bis zum Abstieg in die Dritte Liga.
Nach dem Abstieg 2014 von Fans aus Dresden vertrieben
So wartet auf den gebürtigen Dresdner ein brisantes Wiedersehen mit seiner einstmals großen Liebe. Im Hinspiel im vergangenen August (2:2) „war die Anspannung ein wenig größer, schließlich war es das erste Mal, dass ich gegen meinen Ex-Verein gespielt habe“, erzählt Leistner.
Was nicht heißen soll, dass der 1,90-Meter-Mann nun, da das zweite Duell mit Dresden ansteht, völlig gelassen in die Partie gehen wird. „Die Anspannung wird auch dieses Mal ein bisschen größer sein als sonst“, ist sich Leistner sicher, „weil man in dem Stadion spielt, in dem man früher auch gespielt hat, dieses Mal aber als Gegner aufläuft. Doch ich bin gespannt, wie ich empfangen werde.“
Er dürfte wenig herzlich sein, legt man die Umstände zugrunde, mit denen Leistner die SG Dynamo seinerzeit verließ. Nach dem 2:3 gegen Arminia Bielefeld, noch dazu im eigenen Stadion, war Dresdens Abstieg nur ein Jahr nach der Rückkehr in die Zweite Liga schon wieder besiegelt. Und der sinnlose Hass der Dynamo-Ultras entlud sich in einem widerlichen Plakat mit der Gewalt androhenden Aufschrift: „Ihr habt eine Stunde, um die Stadt zu verlassen.“ Aufgehangen in jenem K-Block, den der DFB entgegen seines ersten Urteils bezüglich des Teilausschlusses von Dynamo-Fans nun doch auf Antrag der SG Dynamo freigegeben hat.
Die Pfiffe werden Leistner wehtun
„Mein Bruder hat mir ein paar Screenshots geschickt aus dem Fan-Forum, dass es einige Pfiffe geben wird von der einen Seite. Aber mir ist das eigentlich relativ egal“, sagt Leistner, der nach dem damaligen Abstieg sogar seinen Facebook-Account wegen diverser Hass-Kommentare vorübergehend deaktivieren musste.
Wenn er am Sonntag mit Union in jenem Stadion aufläuft, in dem er seine ersten Profischritte machte, versucht er das auszublenden. „Im Spiel bin ich so im Tunnel, dass ich das nicht mitbekomme“, erklärt Leistner. Und doch gibt er zu: „Eigentlich tut das schon weh, weil man sich für den Verein aufgeopfert hat und alles getan hat, um das Bestmögliche herauszuholen, auch wenn es am Ende nicht geklappt hat.“
Als 19-Jähriger war Leistner von Borea Dresden zu Dynamo gewechselt. Für den Verein zu spielen, der zu DDR-Zeiten das Aushängeschild der Stadt gewesen ist, sich immer eines großen Fan-Zuspruchs erfreuen konnte (selbst in den zwei problematischen Jahrzehnten nach der Wende), und der sich mit der immer fast ausverkauften 32.000-Mann-Arena anschickt, wieder zu einer Größe im deutschen Profifußball zu werden – Ehrensache für den Jungen, der im bevölkerungsreichen Dresdner Stadtteil Striesen geboren und später in Pappritz aufgewachsen ist.
In der Winterpause zum besten Verteidiger der Liga gekürt
Ehrensache auch, dass er seiner Familie 24 Eintrittskarten für seine Rückkehr nach Dresden organisiert hat. So galt seine Hauptsorge zum Rückrundenstart dem Umstand, sich bloß keine Sperre mit einer fünften Gelbe Karte gegen Fürth (2:1) einzufangen. „Klar hatte ich Sorge, vor allem, wenn die ganze Familie zuschauen kommt. Aber ich habe mich zusammengerissen“, sagt er schelmisch.
Auch dies ist ein Indiz für seine Leistung, die Leistner allein im vergangenen halben Jahr noch einmal hat steigern können und die ihn trotz laufenden Vertrags bei Union bis 2018 von einem Profidasein in England träumen lässt. Dass das Fachmagazin „Kicker“ in seiner Winterrangliste Leistner als besten Verteidiger der Zweiten Liga kürte, unterstreicht seine Entwicklung.
„Er freut sich sicher auf das Spiel, weil es etwas Besonderes ist, auch wenn man vielleicht ein wenig abgelenkt wird von Leuten, die man dort kennt“, glaubt auch Union-Trainer Jens Keller, dass sein Abwehrchef hochmotiviert in das Ost-Derby gehen wird. „Im Endeffekt“, sagt Leistner mit Blick auf seine Rückkehr, „zählt das Hier und Jetzt. Und das ist Union Berlin.“ Nur Töchterchen Clara wird vielleicht etwas dagegen haben.


