Eine kurze Drehung, dann ein Schuss, und der Ball ist auf dem Weg ins Tor nicht mehr aufzuhalten. Den spontanen Applaus von den Rängen am Trainingsplatz in Oliva Nova kann auch der starke Wind am Sonntagvormittag nicht schlucken. Philipp Hosiner, Stürmer beim 1. FC Union, nimmt die Ovationen fast schon stoisch entgegen.

Der 27-Jährige rennt, kämpft, ackert in den Tagen an der spanischen Mittelmeerküste wie selten zuvor. Weil er es wieder kann. Allein den Umstand, gesund zu sein, sieht Hosiner „schon als Privileg. Ich bin froh, dass ich nicht mehr im Krankenhaus bin, sondern auf dem Spielfeld um meinen Platz kämpfen kann“. Klingt abgeklärt für jemanden, der noch Mitte Dezember wegen eines Lungenkollapses alles andere im Kopf hatte als den nächsten Torschuss. „Es ist im Leben so, dass es Dinge gibt, die man nicht beeinflussen kann. Es gibt auch noch weit Schlimmeres, als das, was ich jetzt erlebt habe“, merkt der Österreicher an.

Nein, es war nicht die Hinrunde des Philipp Hosiner. Gekommen war er im Sommer, um die Lücke zu schließen, die Rekordtorschütze Bobby Wood (17 Saisontreffer, jetzt Hamburger SV) hinterlassen hatte. Die Qualitäten brachte der Nationalspieler (fünf Einsätze) mit, 2013 hatte er Austria Wien mit 32 Toren zum Titel geschossen. Doch es sollte anders kommen.

Mehr als nur Joker sein

„Meine Krankenhistorie ist schon ungewöhnlich“, erzählt Hosiner. Drei Verletzungen hatte er in seiner Karriere, zwei davon während seines ersten halben Union-Jahres. Nur eine hatte mit Fußball zu tun: der Muskelfaserriss zu Saisonbeginn. So ist Hosiner nicht weniger „froh, dass ich von schlimmeren Sportverletzungen zum Beispiel am Knie verschont geblieben bin“.

Um die Gelassenheit des Angreifers zu verstehen, muss man zwei Jahre zurückgehen. Es war im Januar 2015, als die Ärzte bei dem damaligen Profi des französischen Erstligisten Stade Rennes einen Nierentumor feststellten. Ein Schock, keine Frage, wer denkt schon über seine Laufbahn als Fußballer nach, wenn viel mehr auf dem Spiel steht. Hosiners einzige Sorge vor der Operation war, dass er wieder aufwacht.

Konsternierende Diagnose

„Doch im Aufwachraum war mir klar, dass ich wieder Fußball spielen werde.“ Vier Monate später, inzwischen an den 1. FC Köln ausgeliehen, stand er wieder auf dem Platz. Seitdem hat er „das Leben noch mehr zu schätzen gelernt“. Und seine Gelassenheit? „Ich war schon immer so, aber durch solche Geschichten wird das natürlich noch ausgeprägter“, gibt er zu. Auch wenn die Diagnose vergangenen Dezember ihn zunächst erneut konsterniert hat, „weil ich damit überhaupt nicht gerechnet habe“.

Als Hosiner über den vergangenen Dezember erzählt, reibt er sich nervös die Hände, als würde er jeden Moment noch einmal durchleben. „Einen Tag vor dem Braunschweig-Spiel hatte ich starke Schmerzen im Rücken. Bis zum Heidenheim-Spiel habe ich das noch mitgeschleppt, bin dann aber zum Arzt, um es kontrollieren zu lassen“, schildert Hosiner. Beim Röntgen wurde dann festgestellt, „dass Luft dort ist, wo sie nicht hin soll. Ich bin dann auch gleich im Krankenhaus geblieben, wo man mir eine Thoraxdrainage gelegt hat“. Die Lücke zwischen Lungenoberfläche und Rippenfell musste geschlossen werden. Die Ursache? „Höchstwahrscheinlich ist ein Lungenbläschen geplatzt, ohne Fremdeinwirkung. Das kann jedem passieren.“

Mit Kampfgeist und Gelassenheit

Das Vertrauen in seinen Körper, der ihn nun schon zweimal im Stich ­gelassen hat, ist dennoch „komplett vorhanden. Es ist ja nicht so eine Verletzung wie am Knie oder am Sprunggelenk, wo man aufpassen muss bei jedem Schritt. Ich denke auch im Training nicht daran.“ Dafür muss er sich erneut Gedanken um seinen Platz im Team machen. Nachdem ihm in der Hinrunde Collin Quaner (sieben Tore) den Rang abgelaufen hatte, steht ihm nun noch Rückkehrer Sebastian Polter im Weg. Unions Rekordtransfer (rund 1,6 Millionen Euro Ablöse) dürfte ­gesetzt sein, das hat Trainer Jens ­Keller durchblicken lassen.

Hosiners Gelassenheit wird vom Kampfgeist verdrängt, als er über Polters Verpflichtung spricht. „Wir sind ja nicht irgendeine Wirtshaustruppe, sondern wollen etwas erreichen. Es ist mir jetzt eigentlich ziemlich egal, was der Trainer sagt. Es wird einen Konkurrenzkampf geben. Ich werde mich nicht mit der Jokerrolle zufrieden geben, sondern um meinen Platz kämpfen. Wir haben ja auch die Möglichkeit, mit zwei Stürmern zu spielen.“

Bis dahin bleibt Hosiner Unions Pechvogel. Einer, dem es aber immer wieder gelang aufzustehen. Sein Schuss aus der Drehung in Spanien war ein erstes Signal dafür. Applaus inklusive.